Der schnellste Weg geht mit dem Kopf durch die Wand. So kommt man in einer Minute durch neonfarbig leuchtende unterseeische Plantagen, durch außerirdische Dschungel, wuselnde Roboterstädte, gigantische im Orbit schwimmende Müllhalden, pulsierende interdimensionale Schwarzmärkte, brennende Wüstenplaneten und durchs offene Weltall, an einer gigantischen, chaotisch zusammengesetzten Raumstation vorbei, die von Abermillionen Aliens aller Geschlechter, Formen und Farben des Kaleidoskops besiedelt ist. Das alles und noch viel mehr findet sich in Luc Bessons neuestem Science-Fiction-Film Valerian und die Stadt der tausend Planeten.

Durch die besagte Wand geht Agent Valerian (Dane DeHaan), aufgegabelt wird er von seiner Partnerin Laureline (Cara Delevingne). Die Mission der beiden: unklar. Vielleicht zweieinhalb Stunden lang irgendwelchen Countdowns zuvorkommen, die ständig abzulaufen drohen. Vielleicht auch glitzernden, intergalaktischen edlen Wilden, die in vulvaförmig geformten Muschelhäusern leben, eine Perle übergeben, in die ihr Heimatplanet eingeschlossen ist. Oder vielleicht auch nur 200 Millionen Euro in einem möglichst spektakulären, farbenfrohen, opulenten und sinnfreien Feuerwerk verbrennen. Diese Mission wäre erfüllt.

Es ist die teuerste Schöpfung der französischen Filmgeschichte, eine bombastische space opera, getrieben von europäischen Hoffnungen auf eine von Hollywood unabhängige Filmindustrie, die in der Lage ist, Blockbuster auf den Markt zu bringen. Drei Jahre hat Besson am Konzept gearbeitet, 18 Monate am Storyboard gewerkelt, zwei Jahre beim Schnitt verbracht. Die Finanzmittel trieb er beim Festival von Cannes auf, wo er mit Drehbuch und Skizzen hausieren ging. 80 Millionen Euro kamen an einem Tag zusammen. Weil er den Blockbuster wie einen Indie-Film finanziert habe, so Besson, habe ihm niemand reingeschwatzt oder genörgelt, wenn er zu sehr auf den Putz gehauen habe. Das ist das Problem: Niemand hat ihm zärtlich über den Kopf gestreichelt, in sanftem, aber bestimmtem Ton gesagt: "Nein, Luc, das reicht", und ihm das Silbertablett mit dem Koks weggenommen.

Bessons Monstrum basiert auf der Graphic Novel Valerian und Laureline von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières, erstmals erschienen 1967. Der Zeichner Mézières schuf mit seinem aquarellartigen Stil bunte, überbordende, detailverliebte außerirdische Welten. Der Texter Pierre Christin hauchte den Comics den Geist der Siebziger ein: eine zeitkritische Haltung, die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen, Umweltproblemen, Krieg, den inneren Widersprüchen der liberalen Demokratie. Die Charaktere waren bei Christin voll ausgeformte Persönlichkeiten, von denen bei Besson nur noch Valerians Hang zum Zuspätkommen bleibt. Es wäre die Chance gewesen, diesen klugen, wunderschönen Comics mit den Mitteln der Computeranimation die cineastische Würdigung zu geben, die sie verdienen.

Die Skizzen, mit denen Besson für sein Projekt warb, müssen auch fantastisch gewesen sein – aber das Drehbuch ist ein Grauen. Der Plot ist eine primitive Kopie von Avatar, die um einen Heiratsantrag erweitert wurde. DeHaan und Delevingne raspeln unelegant Süßholz, sie könnten auch Feuerholz hacken. Steif wie aus Plastik taumeln sie durchs All, Barbie und Ken auf einem schlechten Trip. Das Ex-Model Cara Delevingne rammt mit schwingenden Schultern Weltallkadetten zur Seite, wenn sie über Raumschiffbrücken stolziert; und wenn sie einem Alien eine reinhaut, blickt sie schnutenziehend in die Kamera, als würde sie ein Parfüm bewerben. DeHaans Tränensäcke verströmen mehr emotionale Tiefe, als es sein ganzes Spiel vermag. Das stört allerdings auch nicht bei den Dialogen, die wirken, als müsste ein zur dunklen Seite der Macht übergelaufener Absolvent politisch korrekter Gender-Studies seinen Studienkredit begleichen, indem er möglichst viele sexistische Witze und homoerotische Anspielungen produziert. Irgendwann sprintet die Sängerin Rihanna peinlich strippend über die Leinwand, gnädigerweise darf sie wenig später, als ägyptische Pharaonin verkleidet, in einem Müllhaufen verenden.

Kino - "Valerian – Die Stadt der tausend Planeten" (Trailer) © Foto: Universal

Es ist, als hätte der französische Regisseur seinen Kultfilm Das fünfte Element und seinen amüsanten Action-Trashfilm Lucy noch mal angesehen und befunden: Da ist noch zu viel E-Kultur drin. Wenigstens ist Besson der Ästhetik eines Neunziger-Jahre-Raves im Weltall treu geblieben. Valerian erschlägt mit farbenfrohen, durchgedrehten Welten, Kostümen, die den irren Kreationen von Jean Paul Gaultier für Das fünfte Element fast die Show stehlen, und mit so vielen durcheinanderwuselnden Aliens, Robotern und Monstern, dass der italienische Politikwissenschaftler Antonio Negri bei ihrem Anblick irgendwas von "Multituden" brabbeln würde, während er von einem epileptischen Anfall durchgeschüttelt wird. Die Details dieser wahnwitzig kreativen Ausstattung sind jeweils nur wenige Sekunden zu sehen, bevor einem die nächste Welt um die Ohren gehauen wird. Schade um das schöne Originalmaterial.

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