Als der Bundesvorstand der AfD vor einem Jahr beschloss, den baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon wegen seiner judenfeindlichen Schriften von seinem Amt als Kreisvorsitzender zu entbinden, begrüßte ein prominentes Parteimitglied diese Entscheidung besonders lautstark: die Parteivizin und EU-Abgeordnete Beatrix von Storch. Sie wird von vielen AfD-Sympathisanten als Garantin gegen den Antisemitismus in der Partei wahrgenommen. Es lohnt sich also – als Jude sowieso –, sich mit von Storch auseinanderzusetzen. Ebenso mit ihrer Behauptung, für Antisemitismus sei "kein Platz in der AfD".

Wer die Social-Media-Welt der AfD durchstöbert, stößt regelmäßig auf die Verschwörungstheorie, Juden seien die Ingenieure der "muslimischen Masseneinwanderung" und des "Genozids an den christlichen Europäern". Derartiges wird auch auf dem Online-Portal Die Freie Welt verbreitet. Die Seite ist Teil eines Vereinsnetzwerks namens Zivile Koalition, das von – sieh an! – Beatrix von Storch und ihrem Mann Sven von Storch betrieben wird.

Laut Impressum möchte die Freie Welt das "Menschenbild der jüdisch-christlichen Tradition" schützen. Nun gibt es mit Blick auf die jahrhundertelange Unterdrückung der Juden in christlichen Ländern eigentlich keine "jüdisch-christliche Tradition", eher eine christlich-antijüdische, aber Vergangenheitsbewältigung gehört nicht zu den Stärken des Online-Portals. Dessen Autoren berichten dort über judenfeindliche Angriffe in Deutschland – aber nur über die von Muslimen begangenen und nicht über die mehr als 95 Prozent der antisemitischen Straf- und Gewalttaten, die laut Bundespolizei seit Jahren von Rechtsextremen verübt werden. So wird Antisemitismus ein Thema, das nur die Muslime betrifft, nicht aber die Mehrheitsgesellschaft, und natürlich auch nicht die AfD. Doch diese Einseitigkeit ist nur das kleinste Problem in der Freien Welt der von Storchs.

Das Portal veröffentlicht beispielsweise Texte über die jährlich stattfindende Bilderberg-Konferenz von Entscheidungsträgern aus aller Welt. Deren Teilnehmer würden "am größten demographischen Experiment aller Zeiten arbeiten" und die "große Migrationsbewegung" orchestrieren. Diese These deckt sich mit den Erkenntnissen eines Instituts für Strategische Studien, dessen Erste Vorsitzende – Beatrix von Storch ist. Angela Merkel, so heißt es in anderen Beiträgen, sei die Vertreterin "der Neuen Weltordnung" und werde von "der Rothschild-Familie" und dem "Rockefeller-Fund" instrumentalisiert: antisemitische Verschwörungstheorie. Der jüdische Philanthrop George Soros bekommt ebenfalls viel Aufmerksamkeit. Dem Milliardär wird vorgeworfen, dass er an der "Entchristianisierung" Europas arbeite. Er wird auf Straßenplakaten in Ungarn als Puppenspieler und als Imperator abgebildet, auch in der Freien Welt, wo diese Verschwörungstheorie ebenfalls verbreitet wird. In einem anderen Beitrag werden Juden für die "Hypersexualisierung der modernen Gesellschaft" verantwortlich gemacht. Diese Hypersexualisierung könnte zum "Genozid" und zum "kulturellen Selbstmord" der christlichen Europäer führen. Der Autor des Beitrags, der Wiener Josef Mühlbauer, vorgestellt als "Politikwissenschaftler", fragt wiederum auf seinem Blog, ob Israel ein Terrorstaat sei, und kommt zum Ergebnis, dass die Israelis eine "Genozid-Politik" betreiben würden.

Trotz dieser Kontakte inszeniert Beatrix von Storch Solidarität mit Israel. Sie ist eine von fünfzehn überwiegend rechtspopulistischen EU-Abgeordneten in der Brüsseler Vertretung der Siedlerbewegung Friends of Judea and Samaria in the European Parliament. Von Storch ist nicht die einzige AfD-Politikerin an Bord. Der NRW-Landesvorsitzende Marcus Pretzell begründete seine bedingungslose Israelsolidarität damit, dass Israel "schon längere Erfahrungen" mit dem politischen Islam habe und Europa von diesem Staat lernen sollte. Yossi Dagan, Sprecher der Siedler in der Brüsseler Arbeitsgruppe, fordert beispielsweise, dass Araber nicht dieselben Busse wie Juden nutzen dürfen.

Von Storch hat bisher nicht öffentlich erklärt, warum sie sich so intensiv für rechtsextreme Israelis einsetzt. Ihre Verbindungen zu christlichen Fundamentalisten lassen aber einiges vermuten. Sie wettert seit Jahren unter dem Dach des Netzwerks "Zivile Koalition" gegen das Abtreibungsrecht und die "Gender-Ideologie". Die nach eigener Aussage strenggläubige Christin von Storch pflegt außerdem enge Kontakte zum Kongress christlicher Führungskräfte, der fundamentalistische deutsche Christen beherbergt.

Von Storchs Freie Welt zitiert regelmäßig die evangelikale Nachrichtenagentur idea. Deren Portal ist gegen die jüdische Beschneidung und wirbt für die sogenannten messianischen Juden – eine evangelikale Strömung, deren Ziel die Missionierung aller Juden ist. Deren Lehre besagt, dass der Messias nur dann zum zweiten Mal erscheinen werde, wenn sich alle Juden im biblischen Israel – also inklusive Westjordanland – versammeln. Christians United for Israel heißt der Verband, er ist die größte sich als proisraelisch verstehende Organisation der Welt, wurde allerdings nicht von Juden, sondern von rechtsradikalen Christen gegründet. Deren Israelsolidarität hat eine Besonderheit: Nach dem zweiten Erscheinen des Messias, so die Überzeugung der Evangelikalen, werden sich alle Juden zum Christentum bekennen.

Was ist dieser Traum, den Beatrix von Storch von Brüssel und bald vielleicht auch von Berlin aus fördert, anderes als judenfeindlich?