Der leichteste Moment, der nach fünf Stunden mit der Schriftstellerin in Istanbul in Erinnerung bleibt, ist dieser: Sie freut sich, weil der Kellner auf ihre Knöchel schaut und fragt, ob sie Tänzerin sei. Sie freut sich, weil sie in diesem Moment weder ein ehemaliger Häftling ist noch eine mutmaßliche Terroristin, weder bekannt noch gefährdend. Sie ist in diesem Moment eine Frau aus dem Volk, die auf einer Dachterrasse Zigaretten raucht und Tee trinkt. Sie lächelt ein wenig, verschämt und befreit, denn der Kellner hat nicht unrecht mit seiner Vermutung. Sie tanzt Ballett, zurzeit jede Nacht. Sie tanzt, weil sie nicht schlafen kann. Weil sie eben nicht hauptsächlich Tänzerin ist, sondern Schriftstellerin, weil sie ein Häftling war, und, so sagte man in den Nachrichten, eine Terroristin.

Aslı Erdoğan war 132 Tage in einem Gefängnis eingeschlossen, seither ist ihr Name verbunden mit vielen Fragen, die nichts Leichtes haben: Welche Stimmen werden in der Türkei frei bleiben? Wer darf sprechen, wer schreiben? Kann man Schriftstellerin sein, wenn man notieren will, was man hört und sieht, wenn man wahrnimmt, was im Land vor sich geht, und nicht anders kann, als es aufzuschreiben?

Die dringlichsten Fragen aber, die sich bei einer Begegnung mit Aslı Erdoğan ein halbes Jahr nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis stellen, sind simple. Die erste: Wie geht es Ihnen, Aslı?

"Nicht so gut – es fühlt sich an, als wäre ich zusammengeschlagen worden und im Krankenhaus aufgewacht. Im ersten Moment versuchst du nur zu überleben, wenn du ein bisschen heilst, beginnt es wehzutun, du heilst weiter, es beginnt dich wütend zu machen: Warum haben sie dich geschlagen? In dieser Phase bin ich gerade."

Die zweite: Warum waren Sie in Haft, Aslı?

Aslı Erdoğan war im Gefängnis, weil. Dieser Satz bricht ab, weil es keine logische, keine eindeutige Begründung gibt. Man kommt in Versuchung, nach dem "weil" drei Punkte zu setzen, drei Punkte, so wie Aslı Erdoğan sie gern benutzt. Immer dann, wenn Worte nicht ausreichen, macht sie Gebrauch von diesem für sie bedeutsamsten Satzzeichen, das wie ein Seufzen ist, eine erzwungene, unheimliche Stille. Um es in ihrer Sprache zu sagen, entliehen aus einem ihrer Essays, der im Frühjahr erschienen ist: "Und da beginnt auch schon das Schweigen der drei Punkte, da nämlich, wo die Begriffe am harten Felsen der Wahrheit abprallen und wie Wasser auf den Boden tropfen ..."

Aslı Erdoğan ist eine Schreibende, sie schreibt Kolumnen, Kurzgeschichten, Romane. Sie schreibt Sätze, die suchend wirken, erschöpft, manchmal sind sie unvollständig, unvollendet. Sie vibrieren, drängen sich auf, springen einen an, sie schreien. Sätze wie: Gefangen in einem brennenden Gebäude ... Zweifel, Gewissensbisse, Fragen ... Wo brennt es eigentlich, in den oberen Stockwerken oder unten, im Erdgeschoss vielleicht, oder im eigenen Stockwerk ... Ganz allein gehst du durch halb dunkle, gähnend leere Flure ... Rauch. Überall, in allem, alles durchdringend ... Gefangen in einem brennenden Gebäude ... Und selbstverständlich ist das auch nur eine Metapher, eine Metapher für die Türkei ... Sind diese Flammen Wirklichkeit, diese Toten, dieses Blut ...

Solche Sätze zu lesen ist, wie der Autorin beim Atmen zuzuhören. Ihr Ton: feinsinnig, schonungslos, tief bohrend. Aslı Erdoğan ist eine Schreibende, die ohne Schreiben nicht zu denken ist. Nach dem Studium begann sie eine Karriere als Kernphysikerin am Cern-Institut in Genf, zog in den Neunzigern nach Rio de Janeiro, wo sie ihre Doktorarbeit abbrach und den Schauplatz für ihren international viel beachteten Roman Die Stadt mit der roten Pelerine fand. Als sie den Roman beendet hatte, kam es ihr so vor, als habe sie ihr bisheriges Leben nur auf diesen Roman hin gelebt. Weil alles in ihm steckte, fühlte sich Aslı Erdoğan anschließend leer: "Ich kam nicht aus dem Buch heraus, ich wollte sterben wie meine Protagonistin." Aslı Erdoğan schreibt nicht nur über das Leben, sie schreibt auch nicht nur, um zu leben. Tatsächlich muss man es so sagen: Sie schreibt um ihr Leben.

Sieht man sie in diesen Tagen rauchend und Tee trinkend in einem Istanbuler Café sitzen; hört man sie sagen: "Ich fühle mich dreckig, beschmutzt, als wäre ich vergewaltigt"; verbringt man einige Stunden mit ihr in Gesprächen, die sofort ins Existenzielle gehen – dann ahnt man, warum Aslı Erdoğan ins Gefängnis musste: wegen ihrer Kompromisslosigkeit, mit der sie Sätze formuliert. Sätze über Verbrechen in ihrem Land, über deren Leugnung, über vergewaltigte kurdische Mädchen, über getötete Kurden und Armenier. Sätze über die Massenmorde an den Armeniern in den Jahren 1915/16.

Noch einmal: Warum waren Sie in Haft, Aslı? "Sie sind seit den Neunzigern verärgert wegen meiner Kolumnen. Sie sind verärgert, weil ich keine Kurdin bin, aber Seite an Seite mit den Kurden stehe. Sie sind verärgert, weil ich eine Frau bin, und in diesem launischen, neurotischen Regime ist es eine immer größere Sünde, eine Frau zu sein."

Hier die Fakten: Aslı Erdoğan schrieb für Özgür Gündem, eine türkisch-kurdische Zeitung, sie war eines von sechs Mitgliedern im beratenden Gremium der Zeitung. Nachdem die Zeitung durch eine Anordnung der Staatsanwaltschaft schließen musste, wurde Erdoğan in der Nacht zum 17. August 2016 festgenommen. Der Vorwurf: terroristische Propaganda für eine illegale Organisation, in ihrem Fall die kurdische PKK, Mitglied einer illegalen Organisation, Volksverhetzung. Die Forderung der Staatsanwaltschaft: lebenslänglich. Der Prozess gegen sie und acht Mitangeklagte begann Ende Dezember, Erdoğan kam unter Auflagen am 29. Dezember frei. Ihre Unterstützer tanzten in den Korridoren des Gerichts, sie saß in einem kleinen Raum, umgeben von Gendarmen, und schluchzte. Sie bekam Ausreiseverbot, am 22. Juni 2017 wurde es aufgehoben, aber noch immer ist sie ohne Pass, und es ist unklar, wann die Polizei der Entscheidung des Gerichts folgt. Der Prozess geht weiter, nächste Anhörung: 30. Oktober.

"Das ist Faschismus"

Vielleicht war Aslı Erdoğan auch in Haft, weil sie eine Kolumne veröffentlichte, in der kein einziger Satz von ihr stammt. Nun liegt diese Kolumne in ihrer Akte. Es sind Zitate, die sie Autopsieberichten und Interviews entnommen hat. Es sprechen darin kurdische Zivilisten, die Angriffe der türkischen Armee im Südosten des Landes überlebten. Am Ende der Satz eines Mädchens, das erzählt, wie man ihr einen Plastikbeutel mit fünf Kilo Fleisch und Knochen in die Hand drückte und sagte: Das ist dein Vater.

Aslı Erdoğan sagt: "Da ist kein Grund für meine Haft. Welcher Grund sollte das sein? Es gibt keine rationalen Gründe. Inzwischen wirst du in der Türkei aus dem Gefängnis entlassen und das nächste Mal vor Gericht zu zwanzig Jahren verurteilt. Das ist Faschismus."

Die Tage im Frauengefängnis, 34147 Bakırköy-Istanbul, hatten feste Essenszeiten, feste Schlafenszeiten, die Tage im Gefängnis waren kalt, zehn Grad, zum Wärmen erhitzten die Frauen Wasser und legten es in 2-Liter-Flaschen an den Körper. Die Tage hatten keine Farbe, nur grauen Beton und die Wortschleife: Selbstmord? "Nein, zum Selbstmord hast du kein Recht", sagten die Frauen, die mit ihr die Zelle teilten – "Doch, dies ist mein Leben", argumentierte Aslı Erdoğan. Kurz vor der Entlassung entschuldigte sie sich bei den Frauen. Sie hatte gesehen, wie sie heimlich eine Pflanze aufgezogen hatten, obwohl es nicht einmal Erde gab, nur Teeblätter und Eierschalen. "Es war eine hässliche Pflanze", sagt Aslı Erdoğan, "aber wenn du Monate dafür aufbringst, dass sie wächst, ist sie heilig. Das Leben hat dann etwas Heiliges, für einen Moment."

Die Tage nach dem Frauengefängnis, 34147 Bakırköy-Istanbul, vergehen mit unregelmäßigem Essen, Blähbauch, Verdauungsproblemen, unerklärbaren Schwellungen am Fuß, am Finger, sie verlangen nach Antidepressiva. Keine Stunde, in der nicht ein Gefängnisgedanke über sie hereinbricht. Sie geht duschen und fürchtet, dass die Polizei kommt; sie beginnt ein Buch und denkt, bevor es beendet ist, wird sie verhaftet. Sie erhält Einladungen ins Ausland, denen sie nicht folgen darf. In Abwesenheit werden ihr Preise verliehen, darunter der Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte und der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis.

Am Ende der Tage gibt es müde Abende, auf die in den ersten vier, fünf Monaten jede Nacht Albträume folgten, nun schwerwiegende Schlaflosigkeit, die sie sich mit Ballettübungen vertreibt. Ständig ist die Angst da, dass einer an die Tür klopft, dass es klingelt. Wie vor einigen Wochen an einem Nachmittag. Da klingelte es, 15 Uhr. "Ich nahm an", sagt Aslı Erdoğan, "es ist die Polizei, also versuchte ich, aus dem Fenster zu springen."

Sie versuchten es? "Ja, aber ich konnte nicht."

Sie standen am Fenster? "Es war mein Herz, das mich abhielt. Ich konnte nicht mehr atmen, ich habe Herzprobleme, wie fast alle in meiner Familie, ich glaube, ich war kurz vorm Herzinfarkt. Es war niemand an der Tür, falscher Alarm ..."

In diesen Tagen nach dem Gefängnis bleibt Aslı Erdoğan meist in ihrer Wohnung, kein schöner Ort, wie sie sagt. Nichts Reizvolles habe er, sie lade nie dahin ein. Weil sie die Wohnung nicht zeigen will, beschreibt sie sie: ein dunkler Ort, viele Bücher, über die Geschichte Istanbuls, die Geschichte Palästinas und über die Geschichte der Kurden. Die Polizei blätterte bei der siebenstündigen Durchsuchung in ihnen und nahm sie mit, Beweismaterial, ebenso wie Briefe, die sie in den Neunzigern von Gefangenen erhielt, ebenso ein 25 Jahre altes Notizbuch, wegen eines Wortes, das darin stand: Polizei. Im Schlafzimmer eine Ballettstange, ein großer Balkon mit Blick auf einen Friedhof. Und in der Nähe, da ist sie sicher, die Polizei, die sie beobachtet. Sie lebe in Dunkelheit, sagt sie, umgeben von Wörtern. Ihre Freunde sagen: Sie macht Liebe mit Wörtern.

Eine Maßnahme, um zu überleben? "Sicher. Ein Überlebensakt. Die Frage ist nur: Will ich überleben oder nicht?"

Wie ist die Antwort? "Ich weiß es nicht. Schreiben ist eine Katharsis, aber dann folgen die Fragen: Warum willst du Katharsis? Wofür? Ist es eine Befreiung oder eine weitere Haft?"

Aslı Erdoğan wollte nie berühmt werden; eine Schreibende, ja, aber mit ihrer Sprache, ihren Themen keine für die Masse, keine, die sich zur Schau stellt. Nun, durch das Frauengefängnis 34147 Bakırköy-Istanbul, durch die Öffentlichkeit, durch eine Kampagne, die vermutlich zu ihrer Befreiung beitrug, fühlt sie sich als Bewohnerin eines Gefängnisses, das ihren Namen trägt. "Ich muss jetzt Aslı Erdoğan sein", sagt Aslı Erdoğan. "Wie einen Grabstein trage ich meinen Namen auf dem Rücken, und in den Augen der Leser bin ich schon ein totes Wesen, eine politische Figur, ein Symbol": Sie ist nicht mehr im Gefängnis. Und sie ist im Gefängnis.

Werden Sie über das Gefängnis schreiben, Aslı? "Ich möchte, ich muss. Einige, die Folter, Gefängnis, Krieg erlebten, waren machtlos, es auszudrücken; über Konzentrationslager konnten viele nicht schreiben. Manches ist nicht schreibbar."