Fangen wir mit den Hunden an, auf der Festspielbühne wie im richtigen Leben. Blumfeld heißt Barrie Koskys Cockerspaniel, der seinen von Kafka inspirierten Namen mit Würde trägt. Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, hat in Bayreuth jetzt Wagners Meistersinger von Nürnberg inszeniert. Und weil auch Richard Wagner Hundefreund war, bevölkern im ersten Akt, der in Haus Wahnfried zu Zeiten des Meisters spielt, zwei Neufundländer die Szene: Molly und Marke, ein historisch verbürgtes Pärchen, das zahlreiche Nachkommen zeugte.

Träfe Blumfeld abseits des hoch artifiziellen, zipfelmützigen, chauvinistischen, welt- und kunstanschaulich beladenen Meistersinger-Geschehens auf Molly und Marke, die Rangordnung wäre klar: Gegen die schwarzen Riesen hätte der kleene Blonde keine Chance. Und wie’s G’scherr, so der Herr: Auch Barrie Kosky, der beherzt in den Wagner-Kampf gezogen war, streckt nach fünf Stunden dystopischer Bilder die Waffen. Bayreuth ist, wenn die Besetzung der Regie gelungener kaum sein könnte – und am Ende gewinnt Richard Wagner.

Ein australisch-jüdischer Regisseur mit leichter Hand für die leichte Muse widmet sich Bayreuths einziger komisch-ironischer Oper: Was ist verkehrt an dieser Konstellation, fragt man sich? Fühlt sich Kosky seiner Identität doch stärker verpflichtet, als er meint? Wir leben im Jahr 2017, da lockt es niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, Wagner als Antisemiten zu entlarven oder die Musik des Stadtschreibers Sixtus Beckmesser in den Meistersingern der Verballhornung synagogaler Gesänge zu bezichtigen. Im Beackern seiner braunen Vergangenheit mag der Grüne Hügel nicht der schnellste (gewesen) sein. Insofern zeigt das neu installierte Rahmenprogramm "Diskurs Bayreuth" zweierlei: Wie sehr man das Nachdenken nicht mehr anderen überlassen möchte und wie wenig es hier ums Eigentliche geht, die Kunst. "Wagner und der Nationalsozialismus" lautet prompt das Thema des ersten "Diskurses", als wolle man Barrie Kosky den letzten Wind aus den Segeln nehmen.

Es ist verrückt: Je heftiger sich der 50-Jährige auf der Bühne gegen die Antisemitismus-Falle wehrt, desto stärker schnappt sie zu. Dabei fängt es geradezu lortzinglustig an, mit einem Quirl aus Wahnfriedtreiben und Opernplot: Wagner schlüpft in die Rolle seines geliebten Alter Egos Hans Sachs, Cosima gibt die Eva, ihr Vater Franz Liszt den Veit Pogner. Ein munteres Who’s who, in das sich auch der jüdische Dirigent Hermann Levi (der 1882 in Bayreuth den Parsifal uraufführte) als Beckmesser fein schickt. Wagner/Sachs schwelgt in Seidenschals und Parfümflakons, die Handwerksmeister tragen trolllange Mähnen und Gewänder wie von Holbein dem Jüngeren gemalt (Kostüme: Klaus Bruns), und dem Flügel entspringen – ein Hoch auf die Kreativität! – reihenweise Wagner-Doppelgängerchen. Einer von ihnen ist Walther von Stolzing, der die Regeln des Wettsingens um Evas Hand mit Liebe torpediert und mit der Freiheit des künstlerischen Geistes. Um beides geht es in den Meistersingern auch.

So weit, so unterhaltsam und komödiantisch virtuos. Zum ersten Aktfinale aber lassen Kosky und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst das puppenstubenartige Interieur nach hinten fahren – das große Rätselraten beginnt. Denn was als Raum übrig bleibt, ist der Schwurgerichtssaal 600 im Nürnberger Justizpalast, jener Ort, an dem 1945/46 die Nürnberger Prozesse stattfanden. Wird’s jetzt ernst? Sollen wir an Goebbels’ Worte denken, die Meistersinger hätten Deutschland aus der "politischen und seelischen Narkose" von 1918 erweckt? Wer sitzt hier über wen zu Gericht: die Meister über den Adelsritter Stolzing, das Publikum über Koskys Inszenierung, Bayreuth über den Rest der Republik? Weder der stumme GI, der im Hintergrund Wache schiebt, noch Hans Sachs geben darauf eine Antwort.

Die Dechiffrierung wird nicht leichter, wenn im zweiten Akt Rollrasen den Saal ziert (wächst hier Gras über die Sache?) oder wenn das Ganze im dritten als originalgetreu möbliert erscheint. Zur Prügelfuge entschwinden die Rasenbahnen pittoresk im Schnürboden, und die Gerichtsuhr rennt rückwärts – was sie auf der Festwiese im dritten Akt zwischen Mordsgetümmel und gefrierenden Tableaus noch einmal tut. Dieses Nürnberg träumt von pseudotümlichen Zeiten, als Frauen noch ersungen wurden und die Kunst nach dem Handwerk ging. Was solche Nostalgie mit Klägern und Beklagten zu tun hat, und gar mit dem NS, bleibt nebulös. Die Nürnberger Prozesse als Polit-Deko für Richard Wagner? Einmal antisemitisch, schon immer antisemitisch?