Die da oben sind gierig, unfähig und korrupt. Wer das einmal verstanden hat, etwa weil er Krimis von Simone Buchholz liest, den wird es kaum überraschen, dass sie darüber hinaus sadistisch veranlagt sind und in ihrer Freizeit junge Radlerinnen totfahren.

Hallo Hamburg! Chastity Riley ist wieder unterwegs, die Krimi-Staatsanwältin von Simone Buchholz. Lesern dieser Zeitung ist die Autorin als G20-Kritikerin aus St. Pauli bekannt, deren Plädoyer für das Verlassen der Stadt im Rückblick vielleicht nicht mehr ganz so unplausibel wirkt wie vordem. Andere Leser kennen sie als Erfinderin ebenjener Frau Riley. Letztere ist unlängst befördert worden, zu Suhrkamp nämlich, und das hat ihr gutgetan.

Chastity Riley ist Weltschmerz auf Beinen, eine Gestalt, die im Wesentlichen durch ihre Accessoires beschrieben wird: Alkohol, Kaffee, Lederjacke, alte Musik und kleinkriminelle Freunde. Und Zigaretten natürlich. Zitat Riley: "Ich habe in den letzten Tagen viel zu wenig geraucht, das muss wieder anders werden, und alles andere auch."

Eine Ideologiekritik der Buchholz-Romane führt über den eingangs beschriebenen Klassengegensatz kaum hinaus, wird ihrem Gegenstand aber auch nicht gerecht. Hier geht es nicht um Gesellschaftsromane, sondern um Fantasy vor Stadtkulisse, das schwarz-weiße Weltbild ist Teil des Konzepts.

Entscheidend ist das Wie: schnell, pointenreich, sehr, sehr gut geschrieben. Stilsicher tupft die Autorin hier eine Blutlache hin, dort ein paar Spritzer Erbrochenes, da eine Folterszene. So entsteht eine schicke Düsternis, wie geschaffen als Hintergrund für eine Gestalt, die sich einer akademisch gebildeten Mittelschicht als Identifikationsfigur anbietet: mit Beamtenkarriere, aber aus ihrer eigenen Sicht dennoch eine der Unterdrückten und Zukurzgekommenen. "Scheiße wird immer von oben nach unten durchgereicht", weiß diese Staatsanwältin. "Nur dass ich meistens die bin, die das Zeug entgegennehmen muss."

Beton Rouge heißt das neueste Werk, gegenüber früheren Buchholz-Romanen ist es eher noch etwas kondensierter, selbst die Handlung ist kaum mehr als eine erweiterte Regieanweisung für die Heldin. Stilistisch ist es dafür reicher. Riley spricht wahlweise mit ihrer Lederjacke oder gleich direkt mit ihren Lesern. Ihr Drumherum, das arg idyllisch zu werden drohte, wird durch ein paar Lebenskrisen aufgemischt. Zuletzt waren die Gauner aus dem Freundeskreis der Staatsanwältin nahe dran, kleine Gaunerkinder in die Welt zu setzen und Kita-Plätze zu suchen. Diese Gefahr ist vorerst gebannt.

Auch für Riley musste ein neuer Mann her, er fährt mit kreischenden Reifen einen Vintage-Mercedes, hat einen Händedruck zum Knochenbrechen, kann aber auch sehr sensibel in die Tasten greifen, wenn in der Kneipe zufällig ein Flügel herumsteht.

Ein Flügel in einer Kneipe? "Ich habe noch nie einen zerkratzten, staubigen Flügel gesehen, einen Flügel, der nicht glänzt, einen Flügel, der aussieht wie ein Krähengroßvater." Na dann.

Da unten in der Mittelschicht, wo Buchholz’ Helden sich herumtreiben, tragen sie schwer an ihren goldenen Herzen. Am Ende aber wird alles gut, wenn der grundgute Kommissar den grundguten Kiezkiller mit der Vollstreckung eines außergerichtlich beschlossenen Todesurteils am einzigen echten Schurken betraut. So war es beim letzten Mal, diesmal kommt es anders, aber nicht sehr.

Für die Fortsetzung hat Simone Buchholz nun einen weiten Möglichkeitsraum eröffnet. Der Oberschurke auf dem Kiez ist tot, wer wird sich um die Nachfolge streiten? Kommen R. und C. wieder zusammen? Am reizvollsten aber sind die Aussichten für Hamburg. Beton Rouge hat eine elegante Kurve ins Kontrafaktische hingelegt, die Elbphilharmonie bleibt unvollendet und weicht einem Skatepark. Daran kann sie anknüpfen – die jüngsten Ereignisse im Schanzenviertel, praktisch vor der Haustür der Autorin, deuten an, was möglich wäre.

Simone Buchholz: Beton Rouge
Suhrkamp Taschenbuch, 230 Seiten, 14,95 Euro