Neun Filme hat sich Carlo Chatrian für heute vorgenommen, Binge-Watching für Fortgeschrittene. An der Neugasse im Kreis 5, bei Swiss Films, der Promotionsagentur für den Schweizer Film. Wer den Mann vorher sprechen will, muss früh aufstehen.

Es ist Anfang Juni, kurz vor acht Uhr morgens. Ein Café hinter dem Hauptbahnhof Zürich. Chatrian, 45, Dreitagebart, Hemd über der Hose, bestellt einen Ristretto. In knapp zwei Monaten, am 2. August, beginnt das Filmfestival Locarno, dieses Jahr feiert es den Siebzigsten. Chatrian ist sein künstlerischer Leiter.

Die Zeit drängt, bald muss das Programm stehen. Für den "Concorso internazionale", den Hauptwettbewerb mit seinen achtzehn Filmen, hat Chatrian erst fünf. Fehlen noch dreizehn. Die meisten Filme werden auf gut Glück eingereicht, andere entdecken Chatrian und sein Team auf Filmfestivals in aller Welt: Sundance in Utah, Berlinale, Cannes oder Events wie Les Arcs in Savoyen.

Bis zu zwölf Festivals besucht Chatrian im Jahr. Mehr als sechs Monate verbringt er auf Reisen. In einer Excel-Tabelle hat er 700 Filme aufgelistet, die er für diese Festivalausgabe sehen will. Noch lange sind nicht alle abgehakt.

Wer ist der Mann, der sich das antut?

Er ist dreifacher Familienvater, spricht ein Englisch mit kräftigem italienischen Akzent. Er wohnt noch immer dort, wo er herkommt, in einem Bergdorf im Aostatal. Und seit fünf Jahren leitet er das Filmfestival in Locarno. Aber in die Öffentlichkeit zieht es Carlo Chatrian nicht.

Sein Vorgänger in Locarno, Olivier Père, setzte sich im weißen Anzug publikumswirksam auf der Piazza Grande in Szene. In Berlin bewegt sich Direktor Dieter Kosslick kameraaffin mit rotem Schal über den roten Teppich. Thierry Frémaux ist in Cannes die Aufmerksamkeit sowieso gewiss. Aber dem Schlacks Chatrian mit den Locken, der an den Schauspieler Roberto Benigni erinnert, geht der Glamour ab.

"Wie sagt man, Anchorman? Showman? Vielleicht bin ich das einfach nicht", sagt Chatrian. "Mein Job ist es, die Filmemacher vor mich zu stellen." Der Normalo aus dem Dorf passt zum Festival in Locarno, wo man mit Hollywoodglanz seit je etwas fremdelt.

Mit dem Vorwurf, elitär zu sein, kann Chatrian nichts anfangen

Ganz normal sei er aufgewachsen, sagt Chatrian: "Keine besonders cinephile Kindheit." Mutter und Vater waren Lehrer, Mathematik und Physik. Strenge Eltern? "Nicht wirklich. Aber ich durfte nur bis zehn Uhr fernsehen, und die Filme gingen meistens bis Viertel nach zehn." Vermutlich habe er davon geträumt, Schriftsteller zu werden, sagt er. Regisseur, nein, das sei nie auf der Wunschliste gestanden, da müsse man mit anderen zusammenarbeiten. "Ich war eher introvertiert, bin es heute noch."

Im Gymnasium gab es einen Filmclub, Chatrian lernte ein Kino jenseits von Indiana Jones kennen. An der Universität in Turin entschied er sich für Literatur und Film, fand die Filmanalyse dann aber eher zäh, "es waren die neunziger Jahre, die semiotische Schule. Ich kam mir vor wie ein Arzt, der einen Körper seziert."

Seine Liebe galt dem Schreiben. Nach seinem Abschluss arbeitete er für Filmmagazine, wobei er sich für die Rezensionen jene Filme herauspickte, die ihm gefielen. Verrisse schrieb er nicht, der freundliche Chatrian.