Operiert ein Chirurg einen Blinddarm, folgt er einem wissenschaftlich anerkannten Verfahren. Er weiß, was er tut. Zwar darf jeder Mediziner die aktuellen Behandlungsleitlinien seiner Fachgesellschaft ignorieren, im Konfliktfall jedoch muss er das begründen. Und verschreibt er ständig Arzneien, die ihre Wirkung nicht in Medikamententests bewiesen haben und deswegen nicht erstattet werden, geht er vermutlich pleite, weil die Patienten ausbleiben.

Ein Lehrer dagegen unterrichtet, wie er es irgendwann einmal im Studium gelernt hat – oder wie er selbst als Schüler unterrichtet wurde. Leitlinien, welche Lehrmethoden sich als erfolgreich erwiesen haben, gibt es nicht. Rechenschaft für seine Arbeit muss ein Lehrer keine ablegen, sein Geld bekommt er sowieso.

Gewiss, Schüler sind keine Patienten, und Wissen verdaut sich schwieriger als eine Arznei. Während die Medizin traditionell zu den Naturwissenschaften gehört, versteht sich die Pädagogik als Geisteswissenschaft, die sich erst vor relativ kurzer Zeit der Empirie geöffnet hat. Mittlerweile aber liegen auch in der Pädagogik unzählige Vergleichsuntersuchungen und Wirksamkeitsanalysen zu wichtigen Fragen vor. Diese Wissenschaft aber spielt in deutschen Lehrerzimmern kaum eine Rolle. Weil viele Studien widersprüchlich sind und schwer verständlich. Weil keine Institution existiert, die Forschungsergebnisse sammelt, bewertet und in lesbares Deutsch übersetzt.

Von diesem Donnerstag an soll das anders werden. Da beginnt das "Clearing House Unterricht" seine öffentliche Arbeit. Seit Jahren wird in der Wissenschaft über ein solches Institut diskutiert, immer wieder hat die Politik es gefordert: Nun setzt die School of Education der TU München die Idee um. Die fünf Mitarbeiter am Clearing House Unterricht wollen klären, was die Bildungsforschung über guten Unterricht weiß. Ihr Ziel ist es, aussagekräftige von weniger relevanten Forschungsergebnissen zu trennen und Hinweise zu geben, welche didaktischen Methoden den größten Lernerfolg versprechen.

An Fragen, welche Neuerungen der Schule nützen und welche schaden, mangelt es nicht. Auf einige gibt die Wissenschaft mittlerweile eine Antwort. Soll man alle Klassen im Land mit Tablets ausstatten? – eher nicht. Lernen Gymnasiasten in acht das Gleiche wie in neun Jahren? – ja. Was bringt es für den Lernerfolg, wenn Kinder mit Migrationshintergrund von Lehrern aus Einwandererfamilien unterrichtet werden? – relativ wenig.

Früher fanden bestimmte pädagogische Texte oder Theorien die Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit, heute sind es eher Daten und Zahlen. Als der Nestor der empirischen Bildungsforschung Jürgen Baumert in einem Artikel für die Zeitschrift für Erziehungswissenschaften die großen Vergleichsstudien der letzten Jahre zusammenzählte, kam er auf 32 Programme (Pisa, Tosca, Biju ...).

Für die konkrete pädagogische Praxis taugen diese Breitbandanalysen wenig, da sie Leistungen von ganzen Nationen, Bundesländern oder Schulformen vergleichen. Sie ähneln Satellitenbildern, die den Klimawandel beobachten, aber keinen Aufschluss darüber geben, was genau auf der Erde vor sich geht und wie man die Erderwärmung stoppen kann.

Das müssen andere Studien tun, die gezielter den Unterricht selbst im Blick haben. So fragt eine der ersten Analysen, die das Clearing House ab heute veröffentlicht: "Hat der Gruppenunterricht Vorteile gegenüber dem traditionellen Lernen?" Auf vier Seiten erklären die Münchner Wissenschaftler, worum es beim kooperativen Lernen geht, inwiefern die Methode dem Frontalunterricht überlegen ist und für welche Fächer und Altersstufen sie sich besonders eignet: "in den Naturwissenschaften und in Mathematik", "bei Grundschülern".

Ein gutes Dutzend solcher Kurz-Reviews haben die Wissenschaftler bislang erstellt. Sie fußen auf sogenannten Metaanalysen. Solche Forschungssynthesen destillieren mit statistischen Mitteln aus Dutzenden internationaler Einzelstudien ein Gesamturteil, kurz Effekt genannt. Im Fall des Gruppenlernens zum Beispiel ist der positive Effekt je nach Fach und Schüleralter klein bis mittelgroß.

Diesen Ansatz haben sich die Bildungswissenschaften bei der Medizin abgeschaut. Hier erstellt ein weltweites Netzwerk von Instituten zu jeweils einer konkreten Frage ("Wirkt Verhaltenstherapie bei Tinnitus?") einen Überblick über die aktuelle medizinische Forschung. Über die Jahre sind so Tausende von Empfehlungen entstanden. Sie bilden die Basis der modernen Heilkunst: der evidence-based medicine.

Das Münchner Institut ist ein Schritt hin zu einer "evidenzbasierten Bildung". Der Weg ist freilich weit. Noch fehlt es schlicht an genügend Evidenz. Zwar hat sich die Zahl der empirischen Bildungsforscher an den Universitäten vervielfacht. Bislang gibt es jedoch nur für einen kleinen Teil dessen, was in Schulen passiert, einigermaßen belastbare Erkenntnisse. Sie herzustellen ist in der Bildung schwieriger als in der Medizin. Der Goldstandard dort ist die Vergleichsstudie, bei der die Probanden zufällig (randomisiert) den Vergleichsgruppen zugeordnet werden, ohne dass Ärzte oder Patienten wissen, wer zu welchem Lager gehört (doppelblind). In der Pädagogik funktioniert das kaum. Schüler wie Lehrer merken schließlich, ob sie, um beim Beispiel zu bleiben, in kleinen Gruppen oder im Klassenverband lernen.

Das Clearing House beschränkt seine Forschungsüberblicke deshalb zunächst auf ein überschaubares Feld: die Mint-Fächer in der Sekundarstufe. "Hier gibt es die meisten guten Studien", sagt Unterrichtsforscherin Tina Seidel, die das Clearing House leitet. Auch bei der Zielgruppe beginnen die Münchner bescheiden. Sie richten ihre Informationen erst einmal nicht an die heutigen, sondern an die künftigen Pädagogen beziehungsweise jene, die sie an den Universitäten ausbilden.

Wenn das Experiment gelingt, will man die Empirie im nächsten Schritt in die Kollegien und Klassenzimmer leiten. Dafür braucht es mehr Personal und nicht nur vierseitige Analysen, sondern auch Tutorials oder Filme mit gelungenen Unterrichtsszenen. Und es braucht einen Wandel im Berufsverständnis der Lehrer. Bisher nämlich glauben nur wenige, dass Wissenschaft ihnen bei der Arbeit helfen kann."