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Wir sind online. Wir wählen Nachrichten aus. Wir teilen Informationen mit anderen, drücken auf einen Button, wenn wir mögen, was jemand anders ins Netz gestellt hat. Egal, was wir online tun – jedes Mal entstehen neue Daten. Mit ihnen sind Digitalkonzerne wie Facebook zu den teuersten Unternehmen der Welt geworden. Das soziale Netzwerk wird mit einem Gesamtwert von über 400 Milliarden Dollar gehandelt. Um das aufzuwiegen, reichen die vier teuersten deutschen Konzerne, SAP, Siemens, Bayer und Allianz, nicht einmal ganz aus, obwohl sie doch ein Vielfaches an Arbeitnehmern beschäftigen und in aller Welt aktiv sind.

Facebook lebt also gut, sehr gut sogar – und zwar von unser aller Daten. Damit füttert das Unternehmen seine Algorithmen, die täglich dazulernen und damit seine Marktposition weiter stärken. Sollten wir nicht etwas von dem Reichtum abbekommen?

Viel wäre es nicht, meint Andreas Weigend trocken. Der Mann aus Deutschland, ehemals der oberste Datenwissenschaftler bei Amazon, wohnhaft bei San Francisco, hat ein Buch geschrieben, das Data for the People heißt. Er rechnet vor, dass im Jahr 2015 alle Profite von Facebook gerade einmal für 3,50 Dollar pro Nutzer gereicht hätten – einen Latte macchiato, mehr nicht. Er schlussfolgert: "Wir sollten im Tausch gegen unsere Rohdaten etwas weitaus Wertvolleres fordern als ein geringfügiges Entgelt: Wir sollten einen Platz an den Kontrollpunkten der Datenraffinerien verlangen."

Wie Internetnutzer die Herrschaft über ihre Daten zurückerlangen können, ist gerade ein heißes Thema. Organisationen wie CitizenMe bieten uns eine Art digitales Konto an, auf dem wir als private Nutzer oder Unternehmer alle unsere Daten aufbewahren und leicht bestimmen können, mit wem wir sie wann teilen. Außerdem bieten sie uns noch die Möglichkeit, dass wir mehr lernen über unseren Persönlichkeitstyp und über unsere Vorlieben.

Das klingt nach einer Lösung. Doch bis Nutzer in der Digitalwelt wirklich etwas zu sagen haben, sei es ein weiter Weg, meint Andreas Weigend. Früher war Öl der entscheidende Rohstoff, heute sind es die Daten. Und die "Datenraffinerien", also die Facebooks dieser Welt, fahren gut damit, dass sie die privaten Informationen bedingungslos bekommen und dafür eine "kostenlose" Dienstleistung – soziale Kontakte oder Suchergebnisse – anbieten. Sicher ist: Sie geben ihr Geschäftsmodell nicht einfach so auf. Echten Wandel müssten ihnen die Nutzer schon abringen, sagt Weigend.

Ist eine Dienstleistung es wert, dass wir unsere Daten hergeben? Wir wissen es nicht!

Nervös wird der Datenforscher aus Deutschland immer dann, wenn die Netzgiganten trotz aller Versprechen, ganz offen und transparent zu sein, Technik nutzen, um andere auszuschließen. Sein ehemaliger Arbeitgeber Amazon etwa hat sich Ende Mai eine Technik patentieren lassen, die der Konzern zum Beispiel für seine neu erworbene amerikanische Edel-Lebensmittelkette Whole Foods Market nutzen könnte. Die Software erkennt, wenn Kunden im Laden über die kostenlose Internetverbindung nach den Preisen der Wettbewerber suchen – und dann wird die Verbindung gekappt. "Das ist für mich das Beispiel für data against the people", sagt Weigend.

Noch weiß wohl niemand, wie der Konzern das Patent wirklich einsetzen wird. Aber erhöhte Aufmerksamkeit ist gefragt. Alle sollen Zugang zu den Informationen des Netzes haben. Und das funktioniert ganz gewiss nicht, wenn Unternehmen "selektiv den Datenzugriff erschweren", wie der Datenwissenschaftler sich ausdrückt.

Andreas Weigend studierte in Europa Physik und Philosophie, bevor er an die Stanford-Uni im Zentrum des Silicon Valley wechselte und nicht mehr zurückschaute. Sein Interesse gilt allen Daten über uns Nutzer. Über unser Verhalten, unsere Bewegungen, Interessen, Beziehungen, Werthaltungen. Sind sie erst einmal in der Welt, heißen sie soziale Daten. Weigend hat ein "Labor für Sozialdaten" gegründet und spricht von der "Sozialdaten-Revolution". Drei Jahre hat er am neuen Buch geschrieben. Tiefer und strukturierter hat wohl noch niemand die Frage behandelt, "wie wir die Macht über unsere Daten zurückerobern".