Interessant wäre es, zu wissen, wie die alten Athener ihr Theater verließen, missmutig und verwirrt oder geläutert und tatsächlich moralisch gefestigt. Es wird wohl eine heillose Mischung der Gefühle gewesen sein, den Schauder und Jammer der Tragödien auslösten, genau wie beim Zuschauer von Dunkirk, wenn er nach knapp zwei Stunden das Kino verlässt. Dunkirk von Christopher Nolan ist ein Kriegsfilm mit den obligaten Kampfszenen, den sterbenden Soldaten und den Granateneinschlägen, trotzdem werden Liebhaber des Genres argwöhnen, dass sie hier anders, vielleicht nicht schlechter, aber doch irgendwie gegen die Regeln bedient werden.

Nolan setzt die technischen Möglichkeiten des heutigen Kinos ein, um eine äußerste Intensität des Miterlebens des Krieges zu erzeugen. In einem Saal mit gutem Soundsystem spürt man das Tackern des MG im Gesicht und hofft, dass es den Nebenmann erwischt, ähnlich wie die jungen Kerle auf der Leinwand. Paradoxerweise rückt Nolan die Gewalt dabei gleichzeitig ganz fern, in eine surreale Distanz geradezu. Denn es ist nach heutigen Maßstäben der uralte Krieg, der hier gezeigt wird, der Krieg in Drillich und Lederblouson, in dem auch der Stärkere noch Gefahr lief zu sterben, der Krieg, in dem Krankenschwestern im Getümmel Marmeladenbrote reichten, kurz: ein unvorstellbarer Krieg, ein Kampf mit Patina.

Und Nolan – nur das macht den Film bemerkenswert – bedient sich genuin ästhetischer Mittel, um seine Wirkungen zu erzeugen, und zwar so, dass kein Anlass besteht, hier von einem "großen Kunstwerk" zu faseln oder vor einer schlimmen Ästhetisierung der Gewalt zu warnen. Indem er die neueste digitale Kamera- und Klangtechnik verwendet, um den Anschein einer absolut analogen Szenerie zu erzeugen, nutzt er die Mittel der Kunst für einen Kriegsfilm, wie es ihn wohl so bisher nicht gab. Obgleich "Dünkirchen-Filme" eine lange Tradition aufweisen.

Kino - "Dunkirk" (Trailer) © Foto: Warner Bros. Entertainment Inc.

Dunkirk spielt ähnlich wie seine Vorgänger am Strand des französischen Seebades, wo im Mai und Juni 1940 das Britische Expeditionskorps und Teile der französischen Armee von den vorrückenden deutschen Panzertruppen eingeschlossen werden und nur durch Hitlers "Haltebefehl" vom 24. Mai der Vernichtung entgehen. Die Briten entscheiden vier Tage später, nicht auszubrechen, sondern ihre Truppen über See zu evakuieren. Es gelingt, unter beträchtlichen Verlusten. Bis zum 3. Juni werden fast 340.000 Soldaten gerettet, tags darauf erobert die Wehrmacht Dünkirchen.

Nolans Dunkirk gehört zu den unheroischen Kriegsfilmen: Es geht ausschließlich ums Überleben. Es fehlt jene musikalisch unterlegte Art der Heldenhaftigkeit, die das Geschehen bruchlos in einen nationalen Mythos einfügt. Es gibt nichts als die Not, den Bombenterror und die Angst vor den Elementen. Es fehlt jede historische Kontextualisierung, es gibt keine schnarrenden deutschen Offiziere, nur ein armseliges Dreieck bleibt zur Orientierung übrig: "der Feind", "wir" und "nach Hause". Es fehlt auch der gewohnte Hollywood-Plot, es werden keine Charaktere eingeführt, mit denen eine schlüssige Geschichte erzählt würde.

Nolan abstrahiert radikal. Er konzentriert sich konsequent auf die kreatürliche Erfahrung. Dabei spinnt sich der Zuschauer selbst Handlungsfäden, etwa die Versuche des Soldaten Tommy (Fionn Whitehead), sich irgendwo an Bord zu mogeln, den Einsatz des Spitfire-Piloten Farrier oder die Versuche des Hobbyseglers Mr. Dawsons, Schiffbrüchige zu retten, aber das ist nicht entscheidend. Es geht um die Plötzlichkeit des Einschlags, die abrupte Wendung vom Leben zum Tod und zurück, Furcht, Zittern. Die Matrix der Episoden entspricht nicht länger der traditionellen Dramaturgie.