Langweilig war es mit dem Kraftwerk nie: 1931 mit einer inzwischen denkmalgeschützten Fassade zur Stromversorgung des Berliner Westens an die Spree gesetzt, von den Nazis für die Rüstungsindustrie erweitert. Nach dem Krieg in Teilen von der Roten Armee demontiert und während der Berlin-Blockade mit eingeflogenen Ersatzteilen wieder flott gemacht. In den sechziger Jahren zur Fernwärmeerzeugung ausgebaut; zusätzlich mit Abwärme aus der Müllverbrennung versorgt, zeitweise mit geschredderten Weihnachtsbäumen befeuert und immer wieder vergrößert.

Kurzum, wie es Matthias Decker sagt, der hier seit über 30 Jahren Kraftwerksmeister ist: "Was die ständigen Veränderungen angeht, sind wir ein extremer Standort." Hier, das ist das Heizkraftwerk Reuter, benannt nach dem West-Berliner Nachkriegsbürgermeister Ernst Reuter, betrieben vom Energiekonzern Vattenfall.

Jetzt, mit 85 Jahren, steht das Kohlekraftwerk vor der größten Veränderung seiner Geschichte: dem Ausstieg aus der Kohle. Der soll in der Hauptstadt bis 2030 erreicht sein, so hat es der Berliner Senat beschlossen. Noch laden Decker und seine Kollegen an kalten Wintertagen bis zu 42 Tonnen Steinkohle in den Kessel des letzten Kraftwerksblocks – pro Stunde.

Wer heute das Heizkraftwerk besucht, steht schnell vor der rot lackierten Turbine, einem Ungetüm, das seine geplante Lebenszeit bereits um ein Jahrzehnt überschritten hat. 1969 eingeweiht, soll es Ende 2019 endgültig abgeschaltet werden. Ab dann wird die Fernwärme mit Erdgas erzeugt – und mit Strom. Denn hier, im Heizkraftwerk Reuter, entsteht die mit Abstand größte sogenannte Power-to-Heat-Anlage Europas, wenn nicht gar der Welt. 100 Millionen Euro soll der Umbau kosten, die Arbeiten haben bereits begonnen.

Heizen mit Strom – gab es das nicht schon? Bis in die siebziger Jahre wurden elektrische Nachtspeicheröfen als saubere Alternative zu Öl- und Kohleheizungen propagiert. Sie sollten den überschüssigen Strom nutzen, den unflexible Braunkohle- und Atomkraftwerke in der Nacht erzeugen. Doch neue Technik, mit der die Leistung der Großkraftwerke besser an die Nachfrage angepasst werden kann, machte das elektrische Heizen unwirtschaftlich. Klimaschädlich war es ohnehin. Denn bei Stromerzeugung und -übertragung geht über die Hälfte der eingesetzten fossilen Energie verloren, bei der direkten Verbrennung zur Wärmeerzeugung ist es nur ein Bruchteil.

Dass die alte Technik jetzt unter neuem Namen eine Renaissance erlebt, hat mit der Energiewende zu tun. Das Schlagwort dazu lautet "Sektorkopplung", die für das Erreichen der Klimaziele unverzichtbar ist. Weil erneuerbare Energie in Deutschland vor allem in Form von Wind- und Solarstrom erzeugt werden kann, muss dieser langfristig die fossile Energie in allen Sektoren, vor allem im Verkehr und im Wärmemarkt, ersetzen. Das Berliner Werk soll zeigen, wie das funktionieren kann.

Neben dem historischen Heizkraftwerk entstehen dafür zwei überdimensionale Durchlauferhitzer. Insgesamt können sie 240 Megawatt Fernwärme erzeugen, je zur Hälfte mit Gas und Strom. Das reicht für die Versorgung von 720.000 Haushalten im Sommer oder 72.000 im Winter. Elektrisch soll die Fernwärme immer dann erzeugt werden, wenn überschüssiger Strom aus Brandenburger Windparks zur Verfügung steht, der ansonsten nicht genutzt werden könnte. 2020, im ersten Betriebsjahr, dürfte das an gerade einmal 400 Stunden der Fall sein. Wirtschaftlich ist das wegen der hohen Investitionskosten nicht. Anfangs wird die elektrische Fernwärme um ein Vielfaches teuer sein als jene aus konventionellen Quellen. Doch mit jedem neu gebauten Windpark wird sich die Wirtschaftlichkeit verbessern. 2050 will sich Berlin komplett klimaneutral versorgen, dann wird der Riesen-Tauchsieder mit einer weit größeren Leistung an jedem dritten bis vierten Tag gebraucht. Ein großer Wärmespeicher soll die Abnahmekapazität für überschüssigen Strom steigern, Wärmepumpen sollen die Effizienz erhöhen.

"Der Vorteil von Power-to-Heat: Es braucht wenig Platz, hält ewig und ist leicht erweiterbar", sagt Andreas Schauß, bei Vattenfall für die Energiekonzepte zuständig. Und im Unterschied zu vielen kleinen Nachtspeicheröfen wird die Großanlage direkt am Höchstspannungsnetz hängen. So kann sie einfacher als Puffer für überschüssigen Windstrom dienen.

Selbst von Umweltverbänden kommt bisher keine Kritik. Ihr Bündnis "Kohleausstieg Berlin" hat sich noch keine abschließende Meinung gebildet, die Tendenz sei aber "eher positiv", sagt Christine Kühnel, Vorsitzende des Berliner BUND. Allerdings müsse sichergestellt sein, dass tatsächlich nur überschüssiger sauberer Strom für die elektrische Fernwärmeerzeugung genutzt wird. Das verspricht Vattenfall zwar, konkrete vertragliche Vereinbarungen kann der Energiekonzern allerdings nicht vorweisen.

Weil es unmöglich ist? Das glaubt zumindest Volker Quaschning, Experte für regenerative Energiesysteme an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. "Überschussstrom lässt sich nicht sauber trennen", sagt der. Konventionelle Kraftwerke liefen schließlich an Tagen mit sehr hoher Wind- und Solareinspeisung weiter, wenn auch mit verminderter Leistung. Power-to-Heat sei trotzdem eine gute Idee: "Das ergibt Sinn – wenn der Windausbau schnell vorankommt." Und wenn nicht? Dann kann es passieren, dass sogar Strom aus Braunkohle mitgenutzt wird – die mit Abstand dreckigste Art, Fernwärme zu erzeugen.