Die letzten Meter seiner fast zweijährigen Reise erschienen Mbaye Sow wie ein Kinderspiel, erinnert er sich. Er solle auf die roten Lichter der Windräder zugehen, habe der Amerikaner ihm zum Abschied gesagt. Dort, wo der Senegalese die Grenze überqueren will, erstreckt sich eine scheinbar endlose flache Prärie, und im Norden blitzen die Windradlichter wie Leuchtfeuer in der Nacht. Nach einer Wanderung durch den halben amerikanischen Kontinent (siehe nebenstehenden Text) ist Sow endlich da, wo er hinwollte. "Jeder weiß doch, dass Kanada das beste Land der Welt für Flüchtlinge ist", sagt der 29-Jährige.

Sichtlich froh sitzt Sow, ein offener, athletischer Typ, einige Tage später im Konferenzraum des Immigrationszentrums "Welcome Place" in Winnipeg. Er ist einer der wenigen Asylbewerber in diesem Aufnahmezentrum, die ihre Geschichte erzählen wollen – schließlich möchte keiner der Ankömmlinge sein Verfahren gefährden. Sein Heimatland Senegal habe er, so Sow, wegen allgegenwärtiger Gewalt und Perspektivlosigkeit verlassen. Aber in den Vereinigten Staaten habe er auch nicht bleiben wollen. "Ich habe Angst vor Donald Trump", sagt er.

Damit ist Sow nicht allein. Viele Migranten, die in Amerika Asyl beantragt haben oder deren Status unsicher ist, machen sich auf den Weg nach Kanada. Weil der US-Präsident eine harte Abschiebepolitik angekündigt hat und Muslime als Bedrohung betrachtet, glauben sie nicht daran, in den USA noch eine Zukunft zu haben. Als Trump ein Einreiseverbot für Muslime ankündigte, postete Kanadas Premierminister Justin Trudeau zudem ein demonstratives "#WelcomeToCanada" auf Twitter. Die konservative Opposition warf dem Premier daraufhin Leichtsinn vor. Was er twittere, stehe nicht im Einwanderungsgesetz, und er lade mit solchen Botschaften illegale Einwanderer förmlich ein.

Bis Ende Juni überquerten laut Zahlen der kanadischen Regierung über 4300 Migranten irgendwo auf Äckern oder in Wäldern die Grenze, vor allem Afrikaner, die meisten von ihnen Somalier.

Nicht nur im dörflichen Grenzland, auch am Regierungssitz in Ottawa reichen schon diese paar Tausend irregulären Migranten, um das Selbstbild von Kanada als liberales und weltoffenes Land auf die Probe zu stellen. Die border jumpers haben einen Streit darüber ausgelöst, ob und wie Kanada seine traditionelle Balance halten kann zwischen Großzügigkeit gegenüber Verfolgten und äußerster Strenge gegenüber jenen, die diese Großzügigkeit zu missbrauchen versuchen.

Warum könne Deutschland nicht das, was Kanada könne, wird in der Debatte über Flüchtlinge und Migranten immer wieder gefragt. Weil, lautete dann die Antwort, Kanada sich eben in einer bequemeren geografischen Lage befinde: im Osten, Westen und Norden umspült von Weltmeeren, im Süden an ein sicheres Drittland grenzend, mit dem es ein Rückführungsabkommen hat. Zwei dieser Faktoren ändern sich nun gerade. Trump-Amerika gilt vielen Migranten eben nicht mehr als sicher. Und das Rückführungsabkommen, das die Vereinigten Staaten mit Kanada geschlossen haben, ist mittlerweile ebenso wertlos wie das Dublin-Abkommen innerhalb der EU. Denn unter den Migranten hat sich herumgesprochen, dass man in Kanada zwar abgewiesen wird, wenn man versucht, über offizielle Grenzstellen einzureisen. Überquert man die Grenze hingegen illegal, irgendwo entlang ihres fast 9.000 Kilometer weiten Verlaufs, hat man das Recht auf ein Asylverfahren. So will es die UN-Flüchtlingskonvention.

Mbaye Sow weiß, er muss im ersten kanadischen Örtchen, in das er den Fuß setzt, nur die Polizei anrufen, dann wird man sich um ihn kümmern. Der letzte Reiseabschnitt sei etwas teuer gewesen, berichtet er, aber mangels Bus- oder Bahnverbindungen eben nicht anders zu bewältigen; für 700 Dollar habe ihn ein Amerikaner die etwa 150 Kilometer von der Stadt Grand Forks im US-Bundesstaat North Dakota bis hinauf an die Grenze gefahren. Gegen vier Uhr nachts, erinnert sich der Senegalese, erreicht er Emerson, ein 500-Einwohner-Dorf direkt hinter der Grenze.