An diesem Samstag endet das Annabergfest in Sulzbach-Rosenberg mit einem feierlichen Pontifikalamt. Gerhard Ludwig Müller wird dazu aus Rom erwartet; der Kardinal, der seit vier Wochen vor den Trümmern seiner Laufbahn steht, soll die Abschlussmesse feiern. Papst Franziskus hatte den 69-Jährigen Anfang Juli als Präfekten der Glaubenskongregation entlassen. Müller spekulierte eigentlich darauf, mindestens bis zum für Bischöfe festgesetzten Pensionsalter von 75 Jahren eine feste Aufgabe zu haben. Jetzt steht der gebürtige Mainzer in Rom vor einer unklaren Zukunft und muss auch noch zur Seelsorge ins Bistum Regensburg. Es gibt derzeit angenehmere Orte in Deutschland für ihn.

Seit seiner Zeit als Bischof von Regensburg (2002–2012) begleiten Müller eine Reihe von Vorwürfen. Sie reichen vom autoritären Umgang mit Mitarbeitern und katholischen Laien bis hin zur Verschleppung von Missbrauchsfällen. Auch im kürzlich vorgestellten Aufklärungsbericht des von der Diözese bestellten Rechtsanwalts Ulrich Weber über Körperverletzung und sexuellen Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen, dem Elitechor des Bistums, geht es um den Kardinal. Als die gesamte katholische Kirche in Deutschland Anfang 2010 mit der Veröffentlichung von Missbrauchsfällen zu kämpfen hatte, stand auch der Regensburger Bischof im Kreuzfeuer. Für viele Betroffene war Müller damals das offizielle Gesicht einer vertuschenden Amtskirche und Feindbild schlechthin.

Der Bischof geriet wie seine Kollegen in den anderen Bistümern unter Zugzwang, neue Leitlinien der Bischofskonferenz verpflichteten ihn zur Aufarbeitung. Im Weber-Bericht wird Müller dennoch eine "klare Verantwortung für die strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen der Aufarbeitung" zugeschrieben. Es klingt wie der amtliche Stempel auf seinem Wirken in Regensburg. Doch Müller, der sich auch jetzt wieder vehement gegen alle Vorwürfe wehrt, bekommt im Bericht auch Anerkennung.

Der Bischof habe zunächst "adäquat mit der Schaffung entsprechender Strukturen für die Aufarbeitung" reagiert. Keinen Zweifel gibt es auch daran, dass Müller es war, der überhaupt mit der Aufarbeitung begann. Er berief zusätzlich zur Beauftragten für Fälle sexuellen Missbrauchs eine Zuständige für Fälle von Körperverletzungen. Zwei Rechtsanwälte wurden zur Prüfung der Anzeigen beschäftigt. Müller machte das, was von deutschen Bischöfen damals erwartet wurde. Dem Bischof könne zugutegehalten werden, so schreibt Weber im Domspatzen-Bericht, "dass es aus der Retrospektive immer einfacher ist, Schwachstellen zu identifizieren". Lautet so ein vernichtendes Urteil gegen einen Vertuscher?

Müller spricht heute von "Scham" und notwendiger Anerkennung des "Leids der Opfer", zuletzt äußerte er sich so im "Corriere della Sera". Seine Sicht, dass es sich bei Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche um Taten von Einzeltätern und kein institutionelles Problem handelt, hat der Kardinal nie aufgegeben. Müller sieht keine Verantwortung der Kirche als Institution, zumindest gesteht er sie öffentlich nicht ein. Was er hingegen sehr wohl erkennt, so heißt es, sei ein von säkularen Medien koordinierter Angriff gegen die Kirche, der letztlich auf die Abschaffung des Zölibats zielt. Für den Kardinal ist klar, wen es da mit aller Schärfe zu verteidigen gilt: seine Kirche. Auf Betroffene muss diese Haltung zynisch wirken.

Ein Rätsel ist, warum Müller die Leidtragenden der Vorfälle immer stark auf Distanz gehalten hat. Im Domspatzen-Bericht ist vom "mangelnden Dialog mit den Opfern" die Rede. Während sich sein Amtsnachfolger in Regensburg, Rudolf Voderholzer, aber auch die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus Glaubwürdigkeit durch die Begegnung mit Betroffenen verschafften und diese Treffen auch gezielt publizierten, gibt es bei Müller an dieser Stelle nur einen weißen Fleck.

Auch als Präfekt der Glaubenskongregation versteckte sich Müller hinter kanonischen Regelungen, anstatt auf die Betroffenen zuzugehen. Briefe, die Opfer an Müllers Behörde schickten, die für kirchenrechtliche Prozesse gegen Missbrauchstäter in aller Welt zuständig ist, blieben unbeantwortet. Der Präfekt begründete dies mit der Zuständigkeit der Ortsdiözesen und dem Prinzip der Subsidiarität. Es waren Verhaltensweisen wie diese, die die Irin Marie Collins im März 2017 zum Rücktritt aus der päpstlichen Kinderschutzkommission veranlassten. Collins war die letzte verbliebene Opfervertreterin in der Kommission. Sie ärgerte sich auch über eine andere Aussage Müllers: Nach ihrer Erinnerung hatten sich beide am Rande eines Abendessens in Dublin persönlich kennengelernt. Müller behauptete später, die Irin nie getroffen zu haben.

Auch Opfervertreter aus Regensburg machten ähnliche Erfahrungen mit dem Kardinal. Anfragen für Gespräche wurden abgelehnt. "Persönliche seelsorgerliche Gespräche bleiben ihrer Natur nach vertraulich", so sagte Müller vergangenes Jahr in einem Interview enigmatisch, als er gefragt wurde, ob er mit Betroffenen oder ihren Vertretern sprechen würde. Selbst enge Vertraute des Kardinals wissen nichts über derartige Begegnungen. Müllers Verhältnis zu den Betroffenen bleibt ein Rätsel.