Kennen Sie die Giraffen aus dem Münchner Tierpark Hellabrunn? Taziyah, Limber und Bahati heißen sie, allesamt Weibchen. Anmutige Tiere, die meist majestätisch dahinschreiten. Nur zurzeit plagt sie leider der Bluthochdruck. So wie jeden Sommer – und jeden Sommer ein bisschen mehr. Die armen Tiere sind fashion victims, Opfer einer menschlichen Mode. Was sie stresst, ist, dass wir grillen.

Hellabrunn liegt nämlich direkt an der Isar. Und kaum ist das Wetter ein bisschen freundlich, versammeln sich auf deren Kiesbänken glühende Anhänger verbrannten Fleisches. Sie schleppen tragbare Lautsprecher und Bierkästen herbei, vor allem aber ihre Grills. Kleine Alu-Einweg-Kistchen von der Tanke, große Dreibeiner aus dem Baumarkt, teure Edelstahlvarianten vom Versand für Connaisseure. Bald schmoren Anzündhilfen, und wenn die Kohlen glühen, tropfen Fett und Marinade. Am späteren Abend dann produzieren Betrunkene ätzende Rauchsäulen, wenn sie auf die Glut urinieren oder mit ihr Müllcontainer in Brand setzen.

Taziyah, Limber und Bahati verstehen mit ihren kleinen Giraffenhirnen nicht, dass die Menschen ihre Grünanlagen aus reiner Vergnügungssucht in Krematorien verwandeln. Sie denken: Die Savanne brennt! Und sobald der Fluchtreflex seinen Weg bis hinunter in ihre Beine gefunden hat, wollen die Tiere nur noch abhauen, was in einem Zoo schwierig ist. Also steigt der Stresspegel, also steigt der Blutdruck.

Ich kann es den Tieren nachfühlen, mir selbst geht es kaum besser. Mag jeder seinen Spaß haben, aber mir stinkt nun mal die Grillerei, und ich kann ihr nicht mehr entkommen. Vor ein paar Jahren war das noch anders. Da grillte man eigentlich nur in Schreber- oder Reihenhausgärten, und wenn türkische Großfamilien das in städtischen Parks taten, rümpften die Deutschen ihre Nasen.

Heute ist kein Viertel, keine Gesellschaftsschicht noch glutenfrei: Es raucht auf den Balkons von Altbauten und Hochhaustürmen, es qualmt in Grünanlagen, in Gärten schicker Villen, auf den Dachterrassen der Innenstadt-Lofts. Arbeiter grillen, Studenten grillen, Akademiker grillen. Frauen grillen, Machos sowieso. Die allerstolzesten Griller in meinem Freundeskreis: ein schwules Pärchen mit einem neuen Weber-Kugelgerät.

Es wird derzeit viel gestritten über richtige Ernährung. Nur über das Grillen nicht. Dabei spricht einiges dagegen: Es stinkt und ist ungesund, weil krebserregend. Es ist schlecht für die Umwelt – Stichworte CO₂-Ausstoß, Kohle aus Tropenholz, Parklandschaften voller Müll. Aber solche Einwände mag die Grillgemeinde nicht hören. Wer ihr damit kommt, ist sich wohl zu fein für die einfachen Freuden. Die Kokelei schweißt zusammen. Vor dem Mann mit der Zange sind alle gleich. Da zählt nicht, woher man kommt oder was man mag, sondern nur, ob das Kotelett schon gar ist oder doch erst die Wurst. Probleme beim Tragen von wachsweichen, überladenen Papptellern haben Dortmund- wie auch Bayern-Fans. Über Fettflecken auf dem Hemd ärgern sich Flüchtlingshelfer wie AfD-Anhänger.

Der Grill als letzter verbliebener Seelenwärmer einer gespaltenen Gesellschaft – na, Mahlzeit! Nach meiner Erfahrung verdirbt die Brutzelei jedes Tischgespräch, schon darum, weil am Tisch meist kein Platz ist. Da stehen ja die zwanzig Flaschen mit identisch schmeckenden Saucen und die unvermeidlichen Schüsseln mit Kartoffel- und Nudelsalat.

In Wahrheit entzweit ein Rost Männergrüppchen so schnell, wie sie sich um ihn scharen. Die einen glotzen wortlos in die Glut, eine Bierflasche fest umklammert. Die anderen nerven den Grillmeister mit Tipps, die sie bei Grill den Henssler auf Vox, der Grillwoche auf Kabel eins oder Der großen Grillshow im ZDF aufgeschnappt haben. Frauen sind natürlich auch dabei, im erweiterten Dunstkreis. Sie wühlen in Kühltaschen herum oder wischen mit Feuchttüchern über rotbraune Kinderschnuten.

Frage ich Freunde, warum sie jetzt auch so gerne kokeln, schwadronieren sie über die "archaischste Art der Nahrungszubereitung" und "besonders wohltuend in unseren hypertechnisierten Zeiten". Diese Sehnsucht nach dem vermeintlich Ursprünglichen finde ich verwunderlich. Schließlich sind wir in anderen Bereichen durchaus froh, nicht auf Steinzeitniveau stehen geblieben zu sein.