DIE ZEIT: Frau Kar, am nächsten Dienstag ist Bundesfeiertag, und wir waren ehrlich gesagt baff, als wir lasen, dass Sie in Baden eine 1.-August-Rede halten.

Petra Volpe: Chapeau, he!

Güzin Kar: Es ist nicht meine erste Rede zur Bundesfeier, trotzdem habe ich mich nicht leichtgetan damit. Ich will in meiner Rede nicht salopp werden, das gehört sich nicht, sondern humorvoll sein, aber mich nicht über das Event lustig machen. Das wäre billig. Ich will das ernst nehmen.

ZEIT: Das heißt?

Kar: Keine Angst, ich werde nicht zur glühenden Patriotin, die Fahnen schwingt. Ich kann das nicht, bin dafür auch zu klein.

ZEIT: Sind Sie denn eine Patriotin?

Kar: In welchem Sinn?

ZEIT: Empfinden Sie eine Liebe zur Schweiz?

Kar: Das hat wenig mit Liebe, sondern vielmehr mit einer Sorge für das Land zu tun, mit einem kritischen Interesse für seine Eigenheiten, sofern ich die überhaupt überblicken kann. Nationalstaaten sind eigentlich etwas Unzeitgemäßes, aber solange sie existieren, bedürfen sie einer kritischen Zuwendung, die man als schwierige Liebe bezeichnen könnte.

ZEIT: Frau Volpe, was machen Sie am 1. August?

Volpe: An dem Abend bin ich in Augsburg mit meinem Film Die Göttliche Ordnung, danach gibt es immer eine Fragerunde.

Kar: Das klingt aber verdächtig nach einer 1.-August-Rede.

Volpe: Ich werde mit Leidenschaft für Demokratie, Gleichberechtigung und Zivilcourage werben. So wie ich es auch in der Schweiz getan habe. Und ich hab keine Angst vor Pathos.

Kar: Wir haben das Pathos viel zu lange den Rechten überlassen. Wir müssen es zurückerobern.

Volpe: Ich arbeite daran. Wenn ich vor dem Kinovorhang stehe und einen emotional aufgeladenen Appell an das Publikum richte, merke ich, das fällt auch in der Schweiz auf fruchtbaren Boden.

Kar: Ich sehe, du machst bald eine zweite Karriere als Demagogin.

Volpe: Ich wurde schon gefragt, ob ich nicht Politikerin werden wolle.

ZEIT: Und?

Volpe: Da gehört schon etwas mehr dazu, als schöne Reden zu schwingen.

ZEIT: Sie exponieren sich aber bereits heute.

Volpe: Ich unterscheide zwischen privater Person und der Filmemacherin, als die ich in der Öffentlichkeit stehe und Interviews gebe – aber da musste ich erst reinwachsen. Wenn da steht, Petra Volpe habe einen italienischen Vater, dann steht das da, weil ich das will.

Kar: Die Journalisten schreiben bei mir einfach in den Titel oder in den Lead, was ich im Interview nicht drinhaben wollte.

ZEIT: Das geht gar nicht.

Kar: Die Leute haben das Bedürfnis, dich und mich in eine bestimmte Ecke zu stecken.

ZEIT: Eine Ecke, in die man Sie beide stellen könnte, wäre ...

Volpe: ... Hardcore-Feministinnen!

Kar: (lacht schallend)

ZEIT: Viel schlimmer: Aargauerinnen!

Volpe: Ou!

Kar: Stimmt, ich bin im Fricktal aufgewachsen.

Volpe: Das wäre ja furchtbar!

ZEIT: Frau Volpe, Sie haben gerade den Aargauer Kulturpreis gewonnen!

Volpe: Das war ein Witz. Ich hab damit kein Problem, es ist auch lustig. Mit solchen Labels kann man spielen. Das musste ich allerdings wie gesagt erst lernen.

Es geht um die Sprache und das Spiel mit ihr

Zwei Frauen, die versuchen, sich die Arschlöcher aus ihrem leben zu halten. © Vera Hartmann

Volpe: (Ein Handy klingelt, Volpe greift nach ihrer Handtasche, holt ihr Telefon raus, schaut drauf) Das ist meine Mami.

Kar: Sag Grüße!

Volpe: Wegen der Labels: Bei dir, Güzin, ist das vermutlich viel stärker als bei mir. Du bist so frech, du setzt dich aus. Die Leute fühlen sich provoziert von deiner Person, von deinen Kolumnen. Du wirfst dich den Wölfen zum Fraß vor – und die Wölfe kommen. Dein Ton ist für Schweizer Verhältnisse so furchtlos. Das hat man in der Schweiz gar nicht gern.

Kar: Weißt du was? Ich bekomme keinen einzigen Hassbrief auf meine Kolumne.

Volpe: Die getrauen sich nicht!

Kar: Echt, es gibt keine. Auf Facebook, da gibt es Anfeindungen, und manchmal in den Leserkommentaren von Interviews, die ich gebe, aber das ist inzwischen leider bei jeder Frau so, die sich exponiert. Bei meiner Kolumne ist die Kommentarfunktion ausgeschaltet. Aber es geht mir nicht nur darum, dass ich mich dem nicht aussetzen möchte, sondern weil ich finde: Man darf einen Text auch mal als Text zur Disposition stellen – ohne Mitmachfunktion.

ZEIT: Aber Sie provozieren.

Kar: Die Vorstellung täuscht, dass ich die Ach-so-Freche bin. Ich habe Fans aus allen politischen Lagern, seltsamerweise sogar aus der rechten Ecke.

Volpe: Frag dich mal, warum! (lacht)

Kar: Genau! Jetzt geh mal in dich!

ZEIT: Was ist Ihre Antwort?

Kar: Die Leute fahren auf meine Sprache und meinen Humor ab, das höre ich oft – und das ehrt mich. Darum geht es mir ja auch. Um die Sprache und das Spiel mit ihr, um das poetische Unterlaufen von fixen Vorstellungen – erst dann geht es mir um den Inhalt. Mein riesiges Vorbild ist der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der das meisterhaft konnte.

ZEIT: Frau Volpe hat vorhin unterschieden zwischen privater Person und der öffentlichen Künstlerin. Machen Sie das auch?

Kar: Ich zieh nicht das Arbeitsjäckchen an, setz mich hin und werde jemand anders. Wenn ich öffentlich bin, zeige ich nur einen Ausschnitt meiner Person. Im Privatleben will ich das nicht tun, das ist der Ort, an dem man sich nicht permanent erklären muss. Der Ausschnitt, den ich in der Öffentlichkeit zeige, ist zugespitzt und führt zur Verwechslung. Ich komme zu den Leuten heim, sie lesen mich am Frühstückstisch oder im Bett. Ich bin ein Teil ihres Privatlebens. Viele können sich nicht vorstellen, dass ich ein komplett anderes Leben führe. Aber: Mein öffentliches Ich ist nicht gelogen, es ist nur nicht die ganze Person.

ZEIT: Frau Volpe, Sie wurden mit Die Göttliche Ordnung zur großen Erklärerin der Schweizer Frauengeschichte. Passt Ihnen diese Rolle?

Volpe: Ich sehe es als Chance, meine Message unter die Leute zu bringen. Es hat mir gefallen, bei der Vorpremiere vor 400 Leuten zu sagen: Geht abstimmen! Kämpft für Gleichberechtigung! Es ist auch für die Männer wichtig! Der Film leistet das für sich schon, aber wenn jemand danach vorne hinsteht und es noch einmal sagt, dann stößt es auf offene Ohren und Herzen. Das war übrigens bei meinem letzten Film Traumland nicht anders. Da habe ich viel über Prostitution gesprochen, auch da ging es um Aufklärung.

ZEIT: Aber Traumland war ein kleiner Arthouse-Film, Die Göttliche Ordnung ist Mainstream. Haben Sie bewusst ein größeres Publikum gesucht?

Volpe: Wenn man einen Film macht, ist man zuerst einmal lange Zeit praktisch allein an seinem Schreibtisch und versucht, eine gute Geschichte zu erzählen. Natürlich wollte ich, dass ihn später möglichst viele Menschen sehen, aber dass er dann so erfolgreich wird, das konnten wir nicht absehen. Meine größte Angst war, dass der Film die Frauen enttäuscht. Es war ein tolles Gefühl bei den Vorpremieren, diese älteren Frauen zu sehen, die sich wiedererkannten: "Genau so war es!" Da war eine Dankbarkeit, die mich sehr berührt hat. Nach den Vorpremieren war ich oft sehr aufgewühlt, weil mich das so traurig gemacht hat, dass wir Frauen noch heute dankbar sein müssen, dass endlich mal eine Geschichte über uns erzählt wird. Ich merkte: Das hat eine Kraft, wenn Frauen nicht mehr das Objekt in einer Geschichte sind, sondern das Subjekt. Damit kann ich etwas erreichen.

ZEIT: Ihr nächstes Projekt ist wieder politisch. Die Fernsehserie Frieden , die in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg spielt.

Volpe: Ich bin schon gespannt auf die Hassbriefe, das Thema ist nach wie vor aufgeladen in der Schweiz!

ZEIT: Eben. Sie ziehen sich nicht ins Kleine zurück, sondern bleiben beim Großen. Haben Sie die Lunte gerochen?

"Die Deutschen inspirieren mich nicht so richtig"

Volpe: Ich reibe mich an dieser Schweiz, arbeite mich an ihr ab. Traumland, Göttliche Ordnung ...

Kar: ... auch Heidi.

ZEIT: Sie haben das Drehbuch zur neuen Heidi-Verfilmung von Alain Gsponer geschrieben und daraus eine Emanzipationsgeschichte gemacht. Den Film sahen 3,5 Millionen Menschen im Kino.

Volpe: Die Schweiz bleibt für mich ein interessantes Land, auch wenn ich im Ausland lebe.

ZEIT: Sie haben einmal den schönen Satz gesagt: "Die Deutschen inspirieren mich nicht so richtig."

Volpe: Ich lebe gerne in Berlin. Aber Geschichten und Figuren fallen mir dort nicht einfach so zu, wie das in der Schweiz der Fall ist. Ich habe in 20 Jahren keine Handvoll Stoffe gefunden, die mich interessieren. Sie genügen bis jetzt meinen Ansprüchen nicht, meinem Wunsch nach Authentizität. Wenn ich deutsche Figuren schreibe, werden sie nicht lebendig. Wenn ich hingegen Schweizer schreibe, kenne ich die zutiefst. Dieses ganz bestimmte Milieu: middle class, lower middle class, Arbeiter. Es sind nie Intellektuelle.

ZEIT: Es ist die Welt, aus der Sie selbst kommen. Suhr bei Aarau, die Mutter Bäckerstochter, der Vater italienischer Gastarbeiter.

Volpe: Dieses Milieu ist eine große Inspirationsquelle, diese kleinen Helden des Alltags. Figuren wie die Nora aus Die Göttliche Ordnung, die in ihren Leben stecken, nicht todunglücklich sind, aber auch nicht ganz glücklich. Die interessieren mich.

ZEIT: Frau Kar, Sie arbeiten in Deutschland, schreiben Drehbücher für deutsche Filme. Was machen Sie anders?

Kar: Ich habe mich jeweils reingearbeitet, so lange, bis ich die Figuren fand, die mich auch dort interessieren. Die Adaption des Kinderbuchklassikers Die Wilden Hühner war der Anfang, später habe ich Fernsehfilme für das ZDF geschrieben, wovon einer im Osten Deutschlands spielt.

Volpe: Klar geht das. Aber ich finde, der kulturelle Unterschied ist enorm.

Kar: Er ist enorm!

Volpe: Vor allem die Art, wie die Leute kommunizieren, ist total anders. Man muss sich alles über die Recherche erschließen. In der Schweiz höre und spüre ich sofort, was gemeint ist. Die Deutschen sind fadengeradeheraus, die Schweizer sehr indirekt.

Kar: Ich bin in Laufenburg an der deutschen Grenze aufgewachsen und hatte schon immer deutsche Freundinnen, die auf der anderen Rheinseite wohnten. Hochdeutsch ist mir sehr vertraut, ich denke auf Hochdeutsch, wenn ich schreibe, ich habe später in Ludwigsburg studiert und fünf Jahre dort gelebt. Mag sein, dass meine Verbandelung mit Deutschland so groß ist, dass es keine Berührungsängste gibt.

Volpe: Ich verstehe oft den Humor in deutschen Filmen nicht. Ich sehe ganz selten Filme, bei denen die Figuren richtig spürbar sind. Andreas Dresen kriegt das hin ...

Kar: ... Maren Ade ...

Volpe: ... ja, Maren Ade, Fatih Akin, aber sehr oft bleiben mir die Figuren wie ausgeschnitten, es hat etwas Kühles, Distanziertes. Interessanterweise ist das anders, wenn ich Drehbücher aus den USA erhalte. Die Geschichten fallen sofort auf fruchtbaren Boden.

Kar: Ich habe neulich auf einer Verlagsfeier in Berlin mit Wolfgang Kohlhaase, dem Drehbuchautor mehrerer Dresen-Filme, und einigen anderen älteren Kollegen gesprochen. Die sagten, dass sie im Alter keine Komödien mehr schreiben wollten, da dies Spitzensport sei. Sie waren voller Bewunderung für mich, weil ich das noch kann.

Volpe: Eine Komödie wird nach wie vor schnell als seichte Unterhaltung abgetan. Du wirst eher ernster genommen, wenn du ein Drama schreibst. Dabei ist das meiner Meinung nach einfacher. Nur manche Journalisten verstehen das nicht.

ZEIT: Kümmert es Sie denn überhaupt, was Journalisten über Sie und Ihre Filme schreiben?

Volpe: Nein, überhaupt nicht!

Kar: (lacht schallend) Wir tun nur gerne so, als ob.

Volpe: Leichten Filmen schlägt auf alle Fälle mehr Misstrauen entgegen.

ZEIT: Was vielen gefällt, kann nicht gut sein?

Kar: Einem Werk wird zum Vorwurf gemacht, dass es zugänglich ist. Wenn man es auf Anhieb versteht, kann es keine zweite Ebene haben. Es wird beargwöhnt. Dabei braucht es vor allem Vielfalt: kleine Arthouse-Filme wie auch riesige Trash-Komödien.

Volpe: Das ist doch schon so in der Schweiz.

Kar: Richtig. Nochmals zu den Journalisten: Es kümmert mich schon, was die schreiben. Erstens bin ich mit einem Filmjournalisten verheiratet. Zweitens finde ich, dass auch wir Filmerinnen präzise sein müssen, wenn wir über Kritik reden. Es gibt große Efforts, dass der Schweizer Film anders, differenzierter betrachtet wird als noch vor zwanzig Jahren. Das muss man anerkennen. Wir müssen uns für eine Komödie nicht mehr gar so sehr rechtfertigen wie früher.

Volpe: Die Filmkritik ist jedoch nach wie vor sehr männlich geprägt. Das ist ein Problem, nicht nur hierzulande, sondern weltweit: Die Reflexion über Filme wird von Männern betrieben.

ZEIT: Mit welchen Folgen?

Volpe: Es wird der immer gleiche und alte Kanon von männlichen Regisseuren abgefeiert. Aber das beginnt langsam zu bröckeln, Frauen drängen vor, sowohl auf der Rezeptions- als auch auf der Macher-Ebene.

Kar: Frau zu sein ist ja noch kein Garant dafür, dass anders rezipiert wird. Ich merke häufig, dass sich auch Filmkritikerinnen in der Schweiz und in Deutschland einer männlich dominierten Sicht unterordnen, damit sie in ihrer Redaktion weiterkommen.

Volpe: Weil ihr Chef ein Mann ist.

Kar: Genau. Für mich ist die Erfolgsdebatte männlich geprägt. Man nimmt die Theorien aus der Wirtschaft und überträgt sie eins zu eins auf die Filme: Umsatz, Publikum, A-Festivals, Box-Office. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

ZEIT: Was ist die andere Hälfte?

Kar: Dass einige von vornherein vom großen Erfolg ausgeschlossen sind. Dass Frauen als Drehbuchautorinnen gefördert werden, aber kein Thema mehr sind, wenn es um die Regie geht. Man traut Frauen die große Leinwand seltener zu.

ZEIT: Das ging Ihnen, Frau Volpe, bei Heidi so, einem Film mit einem Budget von 8,5 Millionen Franken. Man hat Sie das Drehbuch schreiben lassen, die Regie aber einem Mann übertragen.

Volpe: Heute wäre das vielleicht anders.

Kar: Regisseurinnen werden noch immer als Risiko betrachtet, obwohl wir nachweislich das Budget viel seltener überschreiten als unsere männlichen Kollegen.

"Ich erwarte aber auch von mir, dass ich unter Druck anständig bleibe"

ZEIT: Sie, Frau Kar, haben im Frühling die erste Staffel der neuen SRF-Serie Seitentriebe abgedreht. Gesendet wird sie im kommenden Frühjahr. Es geht darin um Paare, denen die Liebe und der Sex abhandengekommen sind. Macht es einen Unterschied, wenn da eine Frau Regie führt?

Kar: Ich geh ja nicht als Frau aufs Set, sondern als Regisseurin mit meinem eigenen Stil. Es ist nicht so, dass wir Frauen alle gleich inszenieren, nur weil wir Frauen sind. Aber ich habe kein Durchsetzungsproblem, falls das gemeint war (lacht). Als Regisseurin gibst du den Ton an.

Volpe: Wenn ich müde bin und ein bisschen down, überträgt sich das auf alle am Set.

Kar: Es gibt aber tatsächlich etwas, das von Männern und Frauen sehr unterschiedlich gehandhabt wird: Nacktszenen. Mir ist es wichtig, alle Schauspieler umsichtig zu behandeln. Nicht nur eine Frau, auch ein Mann fühlt sich verletzlich, wenn er vor einer ganzen Crew nackt sein und erst noch spielen muss.

Volpe: Ich umgebe mich gerne mit sehr guten Leuten. Mit Leuten, die kein Problem damit haben, dass viele Frauen am Set sind. Die Kunst ist, sich ein Team zusammenzustellen, das menschlich top ist. Darauf achte ich extrem. Dass sich niemand im Ton vergreift, dass die Leute keine Aggressionen ablassen. Ich bin sehr empfindlich dafür, wie Leute unter Stress reagieren. Ist er oder sie dann immer noch anständig? Oder beginnen sie, die Untergebenen zusammenzuscheißen? Das kann ich nicht ertragen. Ich erwarte aber auch von mir, dass ich unter Druck anständig bleibe. Sonst entsteht eine vergiftete Atmosphäre, die dem Film schadet.

Kar: Ich war bei Seitentriebe beeindruckt von meiner Regieassistentin. Einer jungen Frau, direkt ab Studium. Ich bin überhaupt beeindruckt, wie weit die junge Generation schon ist, die nun heranwächst.

Volpe: Ich bin eine Spätstarterin. Aufgewachsen in einer Welt, in der Literatur und Musik kein Thema waren. Wir schauten Fernsehen, das war unsere Kultur. Ich war Mitte 20, bis ich überhaupt begriff, dass ich Filmemacherin werden könnte. Die jungen Leute kommen heute viel früher auf die Idee, so etwas tun zu wollen. Das beeindruckt mich.

ZEIT: Ist die neue Generation selbstbewusster?

Kar: Ich glaube eher, dass sie verstanden haben, wie viel sie investieren, und an sich selber arbeiten müssen, wenn sie es schaffen wollen. Es heißt immer, die junge Generation sei bequem, wolle alles geschenkt bekommen. Ich mache die umgekehrte Erfahrung. Die sind Anfang 30 und bereit, sich reinzuknien.

ZEIT: Wie entscheiden Sie selber, welche Projekte Sie umsetzen wollen?

Volpe: Das ist unheimlich schwierig, weil es die wichtigste Entscheidung ist. Eine gute Idee reicht nicht. Ich mäandriere zwischen Projekten hin und her, schreibe bisschen hier, bisschen da. Wenn ich mich entschieden habe, braucht es einen klaren Fokus und Beharrlichkeit, um das Ding zum Leben zu erwecken.

ZEIT: Reift die Entscheidung von allein, oder erarbeitet man sie sich?

Volpe: Ich diskutiere viel mit meinem Produzenten Reto Schaerli. Wir philosophieren rum, er kennt auch den Markt, was nicht so mein Ding ist, aber ich finde es wichtig, dass der Produzent da gut informiert ist.

ZEIT: Ob ein Film gut läuft, das interessiert sie nicht?

Volpe: Ich frage mich eher: Welche Filme sollen übrig bleiben, wenn ich nicht mehr da bin? Es ist zutiefst persönlich, einen Film zu machen, und es ist viel Lebenszeit und Geld im Spiel. Ich will sagen können: Wenn ich jetzt sterbe, dann war es gut. Das ist meine dramatisch-pathetische Herangehensweise.

ZEIT: Was brauchte es für Sie, Frau Kar, damit es sich lohnt, eine Idee umzusetzen?

Kar: Mich muss ein Stoff leicht überfordern, damit ich dranbleibe. Wenn es mir zu leicht vorkommt, verliere ich das Interesse.

Volpe: Genau! Ein Projekt muss Angst machen.

Kar: Ich muss das Gefühl haben, dass ich etwas zum ersten Mal mache. Dass ich meinen künstlerischen Ausdruck überprüfen muss. Darum habe ich auch die Anfrage des Schauspielhauses Zürich angenommen. Ich habe noch nie vorher ein Theaterstück geschrieben.

ZEIT: Was schreiben Sie da für ein Stück?

Kar: Sweat Shop, in dem es um die glamouröse Modewelt hier und die horrenden Produktionsbedingungen in armen Ländern geht. Der Regisseur ist Sebastian Nübling, von dem ich bis dahin nicht einmal wusste, wer er ist, so fremd ist mir die Theaterwelt. Aber ich habe Ja gesagt. Diese latente Möglichkeit, scheitern zu können, die interessiert mich.

ZEIT: Reicht das?

Kar: Ich will mit anständigen, lustigen, respektvollen und dazu fähigen Leuten zusammenarbeiten. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mir die Arschlöcher aus meinem Leben fernhalten kann.

Volpe: Je länger ich im Geschäft bin, desto wählerischer werde ich. Ich brauche ein Gegenüber. Leute, die mich infrage stellen. Meine besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auch meine größten Feinde. Gute Kritik ist ein Akt der Liebe – aber irre anstrengend.

Kar: Die wichtigste Kritik an einem Film passiert nicht hinterher, sondern während der Arbeit. Man kann gar nie genug kritische Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben.

ZEIT: Junge, unbekannte Regisseurinnen müssen um ihre Projekte kämpfen, Geld eintreiben, Türklinken putzen. Wie ist das bei Ihnen?

Kar: Ich hatte das große Glück, immer wieder von Frauen wie von Männern überschätzt und für viel zu große Aufgaben angefragt zu werden. Ich bin nicht der Typ, der Türen einrennt und sagt: "Ich will jetzt, gebt mir jetzt!" Ich wurde gefunden, und so saß ich dann in einem Büro und dachte: Wie um alles in der Welt kommen die auf die bescheuerte Idee, ausgerechnet mich mit diesem Projekt zu betrauen. Ich wartete immer darauf, dass jemand hinter dem Vorhang hervortritt und sagt: "Tschuldigung, war ein blöder Witz, wir wollten nur schauen, wie du reagierst." Aber ich kann ja nicht Feministin sein und davon reden, dass wir Frauen uns mehr zutrauen sollten, und dann selber das Gegenteil tun.

ZEIT: Gab es da ein Schlüsselerlebnis?

Kar: Bei Die Wilden Hühner. Cornelia Funke, die Autorin der Originalbücher, hatte mich, den Neuling aus der Schweiz, als Drehbuchautorin vorgeschlagen. Da saß ich in München in einem Besprechungszimmer, und die Produzentin fragte mich: "Wir brauchen eine Million Zuschauer, schaffen Sie das?" Und ich hörte mich sagen: "Ja." Und dachte: "Du bist nicht ganz dicht!"

Volpe: Fake it until you make it.