In Europas Gedächtnis sind Flüchtlingskrisen etwas Flüchtiges: Plötzlich sind sie da, wie jetzt im deutschen Wahlkampf. Und genauso schnell sind sie wieder weg, wie damals, nach dem Flüchtlingsdeal mit der Türkei. Im zentralen Mittelmeer, zwischen Nordafrika und Italien, sind sie eine Dauerkatastrophe. Jedes Jahr wird dort ein neuer dramatischer Rekord vermeldet. 2015 zählte die Internationale Organisation für Migration 150.000 Bootsflüchtlinge. Am Ende dieses Jahres wird sich die Zahl wohl verdoppelt haben, schätzt die EU-Grenzschutzagentur Frontex. So viele Flüchtlinge wie nie zuvor würden sich dann nach Nordafrika durchschlagen und dort in ein Boot nach Europa steigen. So viele wie nie zuvor würden ertrinken.

Das sind die Prognosen, wenn alles so bleibt, wie es ist. Tatsächlich könnten es noch viel mehr Menschen werden. Dann nämlich, wenn die Länder Nordafrikas keine Transitstaaten für Flüchtlinge bleiben, sondern selbst zu Staaten werden, aus denen massenweise Menschen fliehen. Das Szenario ist gar nicht so unwahrscheinlich. Europa aber ist darauf kaum vorbereitet.

Mit Ausnahme von Libyen, jenem zerfallenen Staat, von dem aus die meisten Flüchtlinge ablegen, galt Nordafrika bislang als die letzte einigermaßen stabile Region des Nahen Ostens. Doch selbst in der Vorzeigedemokratie Tunesien sind die Zeichen der politischen und wirtschaftlichen Erosion unübersehbar. Wirtschaftskrisen und der Klimawandel setzen Nordafrika zu, von Ägypten bis Marokko. Die Bevölkerung wächst schnell, und mit ihr die Nachfrage nach Nahrung, Wasser und Energie. Gleichzeitig zählt die Gegend zu den trockensten der Welt. Wasser wird knapper, die Dürren häufen sich. In den Staaten Nordafrikas liegt der Altersdurchschnitt bei rund 25 Jahren. Die Regierung in Kairo beispielsweise muss heute die Versorgung doppelt so vieler Ägypter sicherstellen wie noch vor dreißig Jahren.

Die Verteilungskämpfe haben längst begonnen. Im Frühjahr gab es in Kairo und anderen Städten am Nil heftige Unruhen, weil die Subventionen für Brot gestrichen werden sollten. Verschärft werden solche Krisen durch die autoritäre Führung von Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi. Unter ihr leidet nicht nur das ägyptische Volk, sondern auch die ägyptische Volkswirtschaft. Die Preise explodieren, Lebensmittel, Benzin, Strom, das alles ist heute doppelt so teuer wie noch vor einem Jahr. Wegen der hohen Inflationsrate von mehr als dreißig Prozent hat die Regierung die Subventionen für Öl und Strom gestrichen. Die Importnation Ägypten muss sparen, auch weil die Bevölkerung explodiert. Zwar wuchs die Wirtschaft zuletzt um vier Prozent, mit dem Bevölkerungswachstum kann sie jedoch kaum mithalten. Offiziell sind schon jetzt rund 30 Prozent der jungen Ägypter arbeitslos, viele Ökonomen schätzen aber, dass die Zahl noch viel höher liegt.

Während die Bevölkerung nicht über die Runden kommt, verzettelt sich der Präsident mit Prestigeprojekten, für die eigentlich das Geld fehlt: Er lässt den Suezkanal ausbauen, die Hauptstadt verlegen und ein Atomkraftwerk bauen. Brot können sich die Ägypter davon nicht kaufen. Und keiner weiß, ob sich für die Fertigstellung der Bauten überhaupt genug Investoren finden.

Schon vor dem Sparprogramm gab es in Ägypten Unruhen. Die nächsten Aufstände könnten regelrechte Hungerrevolten werden: In Ägypten, mit fast 100 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt, haben ein Drittel der Menschen weniger als 80 Cent pro Tag zum Leben. Wenn sich nur ein Bruchteil von ihnen auf den Weg nach Europa macht, um dort ein besseres Leben zu suchen, hat die EU ein Problem.

Das bekommt sie auch, wenn Ägyptens Nachbarstaat Libyen noch weiter im Chaos versinkt. Ohne ein stabiles Libyen wird es kein stabiles Nordafrika geben. Das Land hat zwar nur sechs Millionen Einwohner, war aber durch seine starke Ölindustrie ein wichtiger Arbeitgeber für die Nachbarstaaten. Doch der Bürgerkrieg weitet sich immer mehr zu einem Stellvertreterkrieg aus. Die drei großen Fraktionen, die gegeneinander kämpfen, werden unter anderem von Ägypten, Katar und der Türkei unterstützt. Etwa eine halbe Million Libyer sind im eigenen Land vor der Gewalt auf der Flucht, die Wirtschaft ist zum großen Teil kollabiert. Eine Liquiditätskrise und zwei rivalisierende Bankensysteme verhindern, dass die Bürger Bargeld abheben können oder Löhne ausgezahlt bekommen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 50 Prozent.

Für Nordafrika hängt viel davon ab, ob sich der Krieg über Libyens Grenzen hinaus ausweitet. Wichtig ist dabei nicht nur die Frage, ob es den Nachbarstaaten gelingt, die Grenzen dicht zu halten; in Tunesien etwa helfen deutsche Grenzschützer, das kleine Land gegen Terroristen und Schmuggler aus Libyen abzuschirmen. Entscheidend ist noch etwas anderes: das Gefälle zwischen den eher prosperierenden Küstenregionen und den wirtschaftlich schwachen Gegenden im Inneren der nordafrikanischen Staaten. In Tunesien etwa konzentrieren sich drei Viertel der Wirtschaftskraft an der Küste. Ähnlich sieht es in Algerien und Marokko aus. In allen drei Staaten sind riesige Landstriche sich selbst überlassen, die Regierung ist dort kaum präsent. Immer wieder kommt es dort zu Unruhen und Protesten, zuletzt im tunesischen Tataouine und in einigen Orten im marokkanischen Rifgebirge.

Bislang tut die EU wenig, um die fragile Region zu stützen. Das könnte sie zum Beispiel, indem sie Handelsabkommen mit nordafrikanischen Ländern schlösse, die nicht nur der EU nutzen. Während europäische Konzerne freien Zugang zu den Märkten Marokkos, Tunesiens oder Algeriens genießen, müssen diese Länder Einfuhrzölle zahlen und Kontingente einhalten, wenn sie etwa ihr Olivenöl in die EU exportieren wollen. Stützen könnte die EU die nordafrikanischen Staaten auch, indem sie sich nicht von Autokraten wie Sisi erpressen lässt. Zwar hat der ägyptische Präsident ein wirksames Druckmittel in der Hand: fünf Millionen Flüchtlinge aus Syrien, Sudan oder Äthiopien, die sich in seinem Land aufhalten und womöglich auf die Überfahrt nach Europa warten. Andererseits dürften die sich erst recht auf den Weg machen, wenn die ägyptische Bevölkerung gegen die Unterdrückung rebelliert und es zu anhaltenden Unruhen kommt. Die EU könnte ihre Handelspolitik mit Ägypten also an klare Bedingungen knüpfen. An mehr Rechte für die Zivilbevölkerung zum Beispiel.

Vernachlässigt Europa die Region, könnte sich wiederholen, was 2011 auf der italienischen Insel Lampedusa geschah: Damals waren zeitweise mehr Flüchtlinge auf der Insel als Einheimische. Sie stammten aus Nordafrika.