Heiterkeit nach einem Terroranschlag? Geht gar nicht? Geht doch! Zumindest in Großbritannien, dem Mutterland des Humors. Dass man selbst auf Katastrophen heiter reagieren kann, bewiesen die Briten nach dem Londoner Terroranschlag im Juni. Da richteten islamistische Attentäter in der Innenstadt ein Blutbad an, panisch flohen Menschen in alle Richtungen. Doch inmitten des Chaos gab es diese eine Szene: Zwischen den Flüchtenden ging ein Mann gemäßigten Schrittes, konzentriert sein Bierglas balancierend und bemüht, keinen Tropfen zu verschütten.

Kaum postete jemand dieses Bild bei Twitter, wurde der Mann als Symbol der Unerschütterlichkeit gefeiert. Motto: "Scheiß auf den Terror, Hauptsache, das Bier ist in Sicherheit." Ein Kommentator scherzte: "Wir müssen Prioritäten setzen. Wir sind immer noch Briten." Andere erinnerten daran, dass die Terroristen vor allem "Bilder der Angst" schaffen wollten und dass deshalb der gelassene Kneipengänger, "der nicht daran dachte, sein Bier für diese feigen Verlierer zu verschütten", der "vielleicht größte Held des Jahres" sei.

Natürlich befanden auch manche, das sei nicht der Moment für Albernheiten. Sieben Menschen hätten schließlich ihr Leben verloren. Die Antwort kam prompt. "Keiner ignoriert das vergossene Blut, aber Humor gibt uns die Kraft, für diejenigen zu kämpfen, die verletzt und ermordet wurden. So machen wir das hier!", twitterte eine Mutter aus Birmingham stellvertretend für ihre Landsleute.

Damit formuliert sie eine Einsicht, die auch Psychologen zunehmend vertreten: Humor stärkt die seelische Widerstandskraft und ist ein wertvolles Mittel gegen Kalamitäten aller Art. Selbst gegen Terror kann er helfen, zumindest ein wenig: Denn Attentate wie jenes in London zielen ja weniger auf die zufälligen Opfer, sondern vor allem auf die großflächige Verbreitung von Angst und Unsicherheit. Wie ein Gift soll sich das Gefühl ständiger Bedrohung ins Unterbewusstsein der Gesellschaft fressen. Daher gehört zur Terrorabwehr – neben Polizeiarbeit und politischer Reaktion – auch die Frage, wie wir diese Attacke auf unsere Psyche abwehren. Unerschrockene Heiterkeit ist da nicht das schlechteste Mittel.

"Am dringendsten benötigt der Mensch den Humor, wenn es ihm schlecht geht", sagt der Psychologe Willibald Ruch, der seit vierzig Jahren die Wirkungen der Heiterkeit erforscht und an der Universität Zürich lehrt. "Freude ist nun einmal der mächtigste Antagonist der Angst." Deshalb sei Humor eine extrem effektive Technik der Gefühlsverarbeitung. "Positive Emotionen erweitern das Blickfeld, Angst und Ärger bewirken das Gegenteil. Viele Studien zeigen, dass der Mensch mit schwierigen Situationen besser umgehen kann, wenn er Humor einsetzt", erklärt Ruch.

Das haben offenbar auch jene Hamburger verstanden, die dem gewalttätigen G20-Wochenende im Juli mit Humor trotzten – wie etwa der Comedian Andre Kramer. Als hochgerüstete Polizeitruppen und schwarzer Block die Atmosphäre anheizten, trat Kramer mit einem Pappschild auf die Straße, auf dem stand: "Ich bin Anwohner und gehe nur kurz zu Edeka. Danke". Um humorvolle Deeskalation bemühten sich auch andere. "Wir sind süße Ostfriesen. Bitte nicht hauen", hatten zwei Demo-Teilnehmer auf ihr Transparent geschrieben, ein anderer fragte hintersinnig: "Wo geht’s denn hier zum Hafengeburtstag?" – eine Anspielung auf Olaf Scholz’ unbedachten Vergleich des G20-Gipfels mit einem Hafengeburtstag.

Das kann man als Blödelei sehen – oder als kluge psychologische Strategie. Denn gerade in kritischer Lage hilft Humor gegen das Gefühl der Machtlosigkeit, das viele Hamburger angesichts der geballten Aggression empfanden. Wer es da schaffte, seine Wut in Witz zu verwandeln, eröffnete sich einen emotionalen Spielraum für neue Deutungsmöglichkeiten.

"Wenn ich humorvoll etwas betrachte, bin ich in der One-up-Position, betrachte die Situation von außen", erklärt der Psychiater Ulrich Sachsse, der lange Zeit Patienten mit Traumafolgestörungen behandelte. Wer gemeinsam mit anderen über eine Situation lachen könne, so Sachsse, sei "nicht mehr nur Opfer eines unerträglichen Lebensschicksals, sondern gelassen-selbstsicherer Akteur".