Diese Tränen waren lange geplant. Genussvoll hatten sich die Zehntklässler ausgemalt, wie sie sich in den Armen liegen – "Ich werde so flennen!" – "Das wird schrecklich!" – "Ich werd euch so vermissen!" Es war die Zeit, in der alles zum letzten Mal geschah. Die letzte Mathestunde. Der letzte Tafeldienst. Das letzte Mal Kaugummi unter den Tisch kleben. Das letzte Mal ermahnt werden. Das letzte Mal, dass Klassenlehrer Frank Dopp ein Gedicht vortrug, so ernsthaft und schön, wie nur er das konnte. Das letzte Mal, dass sie über Alex lachten, der wieder mal Geräusche machte. Das letzte Mal, dass sie fragten: Wo ist Elena, die doch immer da war und nun am Ende aufgegeben hatte und wegblieb, ohne zu sagen, warum.

Unübersehbar saß der Abschiedsschmerz mit im Klassenzimmer. Schon Monate bevor er an einem Freitag Mitte Juni seinen großen Auftritt hat. Die Lehrer gaben ihm sogar die Schuld daran, dass sich die Schüler der 10.3 wieder benahmen wie damals, als sie, nicht größer als 1,30 Meter, in die fünfte Klasse kamen und die Neuen an der Gesamtschule Bremen Ost (GSO) waren. Plötzlich erinnerte vieles an die schweren, oft unerträglichen Anfänge in der Inklusionsklasse. Bleistifte flogen wieder durchs Klassenzimmer, noch einmal wurde gequietscht, gequasselt und gewütet. Für die Lehrer war klar: Alles Anzeichen für schwere innere Bewegungen. Für Trauer und die Angst, einfach verloren zu gehen.

Bevor die Schüler weinen, fängt Siebo Donker damit an. Dem Sonderpädagogen bricht die Stimme weg, als er einem Jugendlichen aus dem Halbkreis vor sich sein Abschlusszeugnis überreichen will. Und Astrid Möllmann, die Sozialpädagogin, sagt: "Ich saß heute Morgen im Bett und hab jeden von euch noch mal vor mir gesehen und mir klargemacht, dass dieser Tag der letzte ist, den wir haben. Da musste ich weinen." Nur Frank Dopp, der in Jeans und grauem Kapuzenpulli neben seinen herausgeputzten Kollegen steht, behält die Fassung. "Ihr habt Maßstäbe gesetzt", sagt er seinen Schülern, "mit eurer Art, wie ihr gearbeitet und gestritten habt, wie ihr Lösungen gefunden habt. Ihr habt gezeigt, dass man es schaffen kann. Und das bleibt, wenn ihr geht."

Seit 2012 erzählt die ZEIT die Geschichte dieser Bremer Klasse, in der fünf Inklusionskinder sitzen. In jedem Jahr sind wir mehrmals in den Stadtteil Osterholz gefahren, wo viele Arbeiter und Migranten leben, und haben mit Schülern und Lehrern schöne und traurige Momente erlebt, Streit und Versöhnung, glorreichen und langweiligen Unterricht, Kinder, die fast einschliefen in ihren Bänken, und solche, die gekämpft haben um jede richtige Antwort, jede Note, die besser war als eine Vier. Aus den Mädchen wurden Frauen, die mit rot geschminkten Lippen und tiefem Ausschnitt in die Schule kamen; die Jungs legten ihre Kindergesichter ab, bekamen Stoppeln am Kinn und ließen sich Frisuren von Fußballern schneiden.

Im Saal, wo sie heute ihre Zeugnisse bekommen, hatten sie jede Woche Theaterunterricht. Hier waren die 25 Schüler alle gleich. Hier zählte nicht, ob einer behindert oder hochbegabt war, Prozentrechnung konnte, den Energieerhaltungssatz kannte oder wunderbare Aufsätze schrieb. Hier war es egal, wie viele Vermerke in der Schülerakte standen über Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwächen. Hier erlebten sie, dass auch der seltsamste Mitschüler ein Talent hat, das noch niemand zuvor in ihm gesehen hatte. An diesen Ort werden sie sich später vielleicht erinnern, wenn einer fragt: Und, war das eine gute Idee mit der Inklusion?

Damals, vor sechs Jahren, hatten sie keine Ahnung, was das war: Inklusion. Auf dem Schulhof waren sie "die aus der I-Klasse". Manche ihrer Mitschüler konnten kaum schreiben, nicht still sitzen, wurden schnell aggressiv. Ein bisschen war diese Gemeinschaft von Kindern, die unterschiedlicher nicht sein konnten, eine Wundertüte, in der es immer anders kam als geplant.

In dieser letzten Geschichte aus Bremen soll vor allem von den fünf Inklusionsschülern erzählt werden. Wie hat der bildungspolitische Großversuch ihr Leben verändert?

Alex, der wie alle Jugendlichen in diesem Text eigentlich anders heißt, war der, der in der Fünften Grimassen zog und quietschte. Später ratterte er Werbeslogans herunter oder dachte sich selbst welche aus. Alles im Unterricht. Sein Talent für Sprache zeigte sich im Englischen, Vokabeln konnte er gut. Schreiben fiel ihm schwer, einfach mit einer Aufgabe anzufangen, das schaffte er nur mit Unterstützung. Es konnte eine Viertelstunde dauern, bis er Datum und Überschrift aufs Papier bekam. Für sein Praktikum zur Berufsorientierung ging Alex in einen kleinen Supermarkt. Er trug einen weißen Kittel, räumte Regale ein und stand manchmal hinter der Käsetheke. Am Ende sagte er zu Siebo Donker, dem Sonderpädagogen, dass er Verkäufer werden wolle. Und Donker kümmerte sich.

Tuna, das war der, der gern mal ausrastete, sein Förderbedarf lag im "Bereich sozial-emotionale Entwicklung", wie es im Fachjargon der Inklusion heißt. Wenn Tuna wütend war, ging man lieber in Deckung. Er beleidigte, prügelte, einem Mädchen brach er bei einer Rangelei die Schulter. Aber Tuna war auch der, der anfing, Kontrabass zu spielen, im Schulorchester probte und mehrmals in der Woche zum Schwimmtraining ging. Sein Rücken wurde breiter, seine Oberarme zeigten beachtliche Muskeln. Schulisch fuhr er Achterbahn. Mal gab er Gas, dann ging es rauf, dann fiel er wieder tief. Irgendwann begriff er, dass es allein an ihm lag, und beschloss: Ich will das jetzt schaffen.

Elena, die bei ihren Großeltern in einer Roma-Familie aufwächst, war still und in sich gekehrt. Ihre Arbeitsblätter waren oft noch weiß, wenn die anderen schon vier Seiten gefüllt hatten. Im Unterricht kam kaum ein Wort aus ihrem Mund. Aber es wurde besser, mit jeder Woche, jedem Tag. Als sie sich traute zu sprechen, laut und beim Theaterspielen sogar vor Publikum, da verblüffte sie ihre Lehrer und sich selbst. Und wenn sie einer fragte, was sie werden wolle, antwortete Elena: Altenpflegerin.

Dann ist da noch Max, der in der siebten Klasse dazukam. Er hatte im Heim gelebt, bevor er zurück zu seiner Mutter nach Bremen durfte. Der rotblonde, blasse Junge wollte immer mehr sein als ein I-Kind. Er spürte, dass diese Klasse, diese Lehrer sein Glück waren. Menschen, denen er nicht egal war. Max schrieb mit, rechnete mit, meldete sich. Max fand Freunde. Und beschloss, Elektriker zu werden.