Vor einiger Zeit wurde ich gebeten, über folgende Frage nachzudenken: "Das Ende des Westens, wie wir ihn kennen?"

Nach allem, was sich in den letzten Monaten zugetragen hat, möchte ich mit der Feststellung beginnen: Wir können das Fragezeichen streichen.

Was aber war dieser Westen denn eigentlich? Der Westen, das ist der transatlantische Raum, der 1941 auf einem amerikanischen Kriegsschiff vor der Küste Neufundlands bei einem Treffen des damaligen britischen Premierministers Winston Churchill und des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt ausgerufen wurde. Aus der Atlantik-Charta, die von den beiden unterzeichnet wurde, ging später die Nato hervor. Diese war und ist ein Sicherheitsbündnis, das auf der Erkenntnis beruht, dass es eine transatlantische Schicksalsgemeinschaft gibt. Diese Erkenntnis wuchs in zwei Weltkriegen, die beide gegen Deutschland geführt wurden.

Deutschland verstand sich nicht als Teil des Westens. Seit der Reichseinigung von 1871 war die Frage seiner Zugehörigkeit Gegenstand großer kultureller Debatten. Thomas Mann hatte sich zuerst noch gegen die Zugehörigkeit Deutschlands zum Westen ausgesprochen. Der Westen, das war für ihn Frankreich, Großbritannien, Amerika; das war "Zivilisation" und nicht "Kultur". Deutschland sah sich verbunden mit der Kultur, während die Zivilisation als etwas bloß Technisches, Kommerzielles betrachtet wurde. Diese Idee, dass Deutschland eine antiwestliche Haltung vertreten muss, hat sich als überaus fatal erwiesen, wenn man die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts Revue passieren lässt.

Es war die große Leistung des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, von Konrad Adenauer, die Westintegration Westdeutschlands in das Zentrum seiner politischen Strategie zu stellen.

Sagen wir es, wie es ist: Der transatlantische Westen war für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg die Rettung. Darum muss jede Verschiebung im Grundlagengefüge dessen, was Westen heißt, in unserem Land besondere Wirkung zeigen. Die Bundesrepublik Deutschland, das alte Westdeutschland, und in der Verlängerung über die deutsche Einheit dann auch Gesamtdeutschland: Diese Staaten gründeten auf zwei Voraussetzungen. Die erste war die Zusage der Vereinigten Staaten von Amerika, Westdeutschland, Westeuropa und West-Berlin zu verteidigen. Diese Sicherheitsgarantie war die Voraussetzung für die Entwicklung der Demokratie in Westdeutschland und später dann auch für die Einheit in Frieden und Freiheit.

Die zweite Voraussetzung war, dass die Siegermächte – und hier wieder vorneweg die USA – anders als nach dem Ersten Weltkrieg die klare Erkenntnis hatten, dass dieses besiegte, moralisch selbstzerstörte Deutschland eine Chance haben musste. Man wollte die Fehler von Versailles nicht wiederholen. Ein demokratisches Deutschland sollte unter der Obhut der westlichen Siegermächte entstehen. Die Grundlage des Wiederaufstiegs dieses demokratischen Deutschlands sollte eine Wirtschaft sein, die auf freiem Welthandel gründete. Eine liberale Wirtschaftsordnung, Rechtstaatlichkeit und freiheitliche Demokratie, das waren die Grundpfeiler.

Wenn nun ausgerechnet die Garantie- und Gründungsmächte, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika, den Westen infrage stellen, dann gibt es ein ernstes Problem. In dem Moment, in dem sich die Garantiemächte der transatlantischen Ordnung von ihr verabschieden, entsteht das Risiko eines Machtvakuums. Von einer direkten militärischen Konfrontation abgesehen, ist in der internationalen Politik nichts so gefährlich wie ein Machtvakuum. Insofern trägt diese Entwicklung, die ich gerade kurz beschrieben habe, ganz erheblich zur Destabilisierung des transatlantischen Raumes und Europas bei.

Machen wir uns keine Illusionen. Was wäre gewesen, wenn Frankreich anders gewählt hätte? Das hätte eine dramatische finanzwirtschaftliche und realwirtschaftliche Krise ausgelöst, die nicht nur auf Europa beschränkt worden wäre. Dazu ist Europa in diesen Sektoren immer noch viel zu wichtig. Darum muss darüber nachgedacht werden, was zu tun ist, um eine globale Krise dramatischen Ausmaßes und eine gewaltige Destabilisierung Europas zu verhindern.