"Barley, Barley?" Der Pförtner ihres Ministeriums sucht den Namen irritiert in der Telefonliste. Vergeblich. Katarina Barley (SPD) ist so neu im Amt, dass sie noch gar nicht eingetragen ist. Erst ein Anruf bei ihrem Sprecher klärt die Situation: Die Türen öffnen sich.

Frage: Frau Barley, ist die Ehe in Gefahr?

Katarina Barley: Ach was. Es ist doch schön, wenn zwei Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.

Frage: Sie weisen die Kritik an der Ehe für alle zurück?

Barley: Ich bin ein empathischer Mensch und kann mich in fast alles hineinversetzen. In diesem Punkt fällt es mir aber schwer, weil es um Liebe geht. Was steckt denn dahinter, wenn man die Ehe für alle ablehnt? Alle Gegner, mit denen ich gesprochen habe, haben ein komisches Bauchgefühl. Schlüssige Argumente haben sie nicht.

Frage: Viele Menschen fühlen sich überfordert.

Barley: Das ist ein vorgeschobenes Argument. Ich erwarte von zivilisierten Menschen in einem modernen Rechtsstaat, dass sie ein persönliches Gefühl nicht zum Maßstab für das Lebensglück anderer machen. 83 Prozent der Leute finden die Ehe für alle richtig.

Frage: Und was ist mit den anderen 17 Prozent? Die haben Sie mit dem schnellen Vorstoß überrumpelt.

Barley: Überrumpelt? Das Thema wird seit 20 Jahren diskutiert! Der Antrag ist fünf Jahre alt. Er wurde 30-mal im Rechtsausschuss vertagt.

Frage: Können Sie die katholische Kirche denn gar nicht verstehen?

Barley: In der katholischen Kirche gibt es so viele Menschen wie Meinungen. Ich habe zu Hause in Trier mit Stephan Ackermann einen sehr sympathischen, liberalen Bischof. Auch Papst Franziskus verstehe ich so, dass er dem Thema offener gegenübersteht als seine Vorgänger. Mancherorts werden bereits homosexuelle Paare gesegnet. Die Kirche wird sich da bestimmt noch bewegen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Frage: Wie stehen Sie persönlich zur Kirche?

Barley: Ich wohne in einer sehr katholischen Gegend und arbeite mit Stephan Ackermann wunderbar zusammen. Wir sind oft einer Meinung. Wie ich selbst zu Religion stehe, ist meine Privatsache.

Frage: Kardinal Marx hat die bayerische Landesregierung dazu aufgefordert, eine Verfassungsbeschwerde gegen die Ehe für alle einzulegen.

Barley: Ich finde das sehr schade. Das würde ich ihm angesichts der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung auch nicht empfehlen.

Frage: Stört es Sie, wenn die katholische Kirche sich in die weltliche Ordnung einmischt?

Barley: Nein, das gehört zur Demokratie dazu. Wir mischen uns ja auch ein, wenn wir mit der Kirche nicht einverstanden sind. Ich glaube aber nicht, dass die Bayern klagen werden.

Frage: Und wenn doch?

Barley: Ich habe keine Angst. Unser Gesetz greift die Ehe zwischen Mann und Frau nicht an.

Frage: Die Rechtsprechung war bisher eine andere. Karlsruhe hat die Ehe 2002 als Verbindung von Mann und Frau definiert.

Barley: Warten wir es ab.

Frage: Ist es für Sie überhaupt wichtig, was ein Kardinal Marx von Ihrem Gesetz hält?

Barley: Kardinal Marx wird man nicht überzeugen können. Am Ende muss auch eine große gesellschaftliche Kraft wie die Kirche einen demokratischen Prozess anerkennen können. Durch die eingetragenen Lebenspartnerschaften ist das christliche Abendland auch nicht untergegangen. In fünf Jahren redet in der Kirche keiner mehr darüber.

Frage: Man könnte meinen, die SPD habe ein Problem mit der katholischen Kirche.

Barley: Im Gegenteil. Die katholische Soziallehre steht uns sehr nahe, genauso wie das emanzipatorische Menschenbild: Auch wir glauben daran, dass Menschen in der Lage sind, Gutes zu tun.

Frage: Was sagen denn dann die Katholiken in Ihrer Partei zur Homo-Ehe?

Barley: Andrea Nahles ist wohl das bekannteste SPD-Mitglied, das seine Bedenken öffentlich formuliert hat. Einigen Abgeordneten ist es schwergefallen, gegen ihre Kirche zu stimmen. Dennoch haben alle, die in diesem Zwiespalt waren, am Ende für die Würde der homosexuellen Paare gestimmt.

Frage: Haben die Kirchen ihren Einfluss auf die Politik verloren?

"Die Ehe ist für mich kein Instrument, das auf Fortpflanzung angelegt ist"

Barley: Was das konservative Spektrum angeht, stimmt das vielleicht. Andererseits: Der Bund zwischen Union und Kirche hatte beim Thema Ehe lange Bestand. Einige Abgeordnete in der Union sind homosexuell und haben trotzdem jahrelang die Fraktionsdisziplin eingehalten.

Frage: Das Hauptargument der katholischen Kirche lautet: Die Ehe ist nicht länger auf Kinder ausgelegt.

Barley: Das Argument ist mir zu platt, geradezu archaisch. Es heiraten auch 60-Jährige und Menschen, die keine Kinder haben wollen. Umgekehrt werden derzeit 70.000 Kinder bei homosexuellen Eltern groß. Es geht ihnen dort nicht besser oder schlechter als in anderen Familien.

Frage: Kinder sind für Sie also nicht der Sinn der Ehe?

Barley: Die Ehe ist für mich kein Instrument, das auf Fortpflanzung angelegt ist.

Frage: Was ist die Ehe denn dann für Sie?

Barley: Für mich ist die Ehe etwas sehr Emotionales, ein Versprechen zwischen zwei Menschen. Sie stabilisiert eine Beziehung und schafft Sicherheit. Ich glaube, dass sie überdauern wird.

Frage: Und deswegen darf man sie endlos verändern?

Barley: Was ist so schlimm an Veränderung? In den Siebzigerjahren durften Frauen ohne die Zustimmung ihres Mannes kein Konto eröffnen. Der Mann durfte alles bestimmen. Völlig irre. Ich habe die Folgen selbst erlebt.

Frage: Inwiefern?

Barley: Meine Großmutter war Lehrerin und hat ihren Beruf sehr geliebt. Doch mein Großvater hat ihr nach dem Zweiten Weltkrieg verboten, zu arbeiten. Sie hat darunter sehr gelitten und sich an uns Kindern ausgelebt. Wir mussten dann ständig Diktate schreiben.

Frage: Und Ihre Mutter?

Barley: Sie hat ein ganz anderes Verständnis von Ehe. Sie ist Ärztin und hat ihren Beruf selbst dann noch weiter ausgeübt, als wir Kinder kamen. Mein Vater war Journalist bei der Deutschen Welle und hat immer die Frühschichten übernommen, um auch für uns da sein zu können.

Frage: Im Westdeutschland der Achtzigerjahre war das unüblich.

Barley: Meine Mutter musste sich behaupten. Ich erinnere mich, dass die Schule immer Briefe an den Haushaltsvorstand schickte. Da stand "An Herrn Barley" drauf. Irgendwann hat meine Mutter das durchgestrichen und draufgeschrieben: "Geht zurück. Das Kind hat auch eine Mutter!"

Frage: Was haben Sie davon gehalten?

Barley: Ich war und bin stolz auf sie. Wir wurden vielleicht nicht so bekocht wie manche meiner Freundinnen. Andererseits habe ich früh realisiert, dass meine Mutter glücklich war, weil sie auch beruflich ein erfülltes Leben hatte. Das ist auch heute noch so.

Frage: Wie fand Ihr Vater dieses Ehemodell?

Barley: Er hat meine Mutter unterstützt. Als er in den Ruhestand ging, hat er ihr Büro übernommen und sie auf Fortbildungen begleitet. Es ist regelmäßig passiert, dass er als Herr Doktor Barley angeredet wurde und man sie für seine Sekretärin hielt. Mein Vater hat dann immer damit kokettiert und gesagt: "Nein, nein, das ist die Ärztin. Ich bin nur der Sekretär." Am Beispiel meiner Eltern und Großeltern habe ich erlebt, wie sich die Ehe verändern kann – ohne dass sie im Kern angegriffen wird.

Frage: Wie sieht Ihr eigenes Familienmodell aus?

Barley: Ich bin geschieden und habe zwei Söhne. Beruflich bin ich natürlich viel unterwegs, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich ganz Mama.

Frage: Ein straffes Programm.

Barley: Mein Älterer lebt schon außer Haus, den tangiert mein Beruf nicht. Der Jüngere hat ein dichtes Netz – wie bei den meisten berufstätigen Eltern. Da ich mein ganzes Berufsleben gependelt bin, kennt er das schon. Mein Vater springt oft ein. Mit meinem Ex-Mann verstehe ich mich sehr gut. Wir haben lange ein klassisches Wechselmodell gelebt. Als ich Generalsekretärin wurde, hat er angeboten, sich noch mehr in die Betreuung einzubringen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Frage: Nervt Sie diese Frage eigentlich?

Barley: Das ist schon okay. Ich würde mir nur wünschen, dass man Männer dasselbe fragt.

Frage: Ist Scheidung die neue Gesellschaftsrealität?

"Die Lebenswirklichkeit von Familien ist mittlerweile doch ganz unterschiedlich"

Barley: Die Zahlen sind, wie sie sind – auch wenn ich das schade finde. Wir müssen unsere Politik an die neue Realität anpassen.

Frage: Wie soll das gehen?

Barley: Ich glaube nicht, dass man die Ehe stärken kann, indem man rechtliche Rahmenbedingungen ändert. Man muss Paare unterstützen, bei denen es kriselt – und verhindern, dass sie sich trennen. Viele Ehen bekommen einen Knacks, wenn das erste Kind geboren wird.

Frage: Oha.

Barley: Werden Sie Vater?

Frage: Ja, in zwei Monaten.

Barley: Ich kann Ihnen nur empfehlen, jede Woche einen Paarabend zu machen, an dem nichts dazwischenkommen darf.

Frage: Trotz solcher Tipps werden Ehen geschieden.

Barley: Viele Ex-Partner sind voller Hass aufeinander. Dabei haben sich diese Menschen mal geliebt. Man sollte ihnen während der Scheidung beiseitestehen, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen. Die Kinder müssen im Vordergrund stehen. In Rheinland-Pfalz gab es jahrelang das "Cochemer Modell". Das ist darauf ausgerichtet, eine Eskalation vor Gericht zu verhindern, auch, indem viele verschiedene Fachleute gemeinsam an einen Tisch geholt werden. Solche Modelle will ich als Familienministerin fördern.

Frage: Viele Richter haben noch die klassische Ehe im Kopf.

Barley: Sie urteilen oft nach Stereotypen. Die Lebenswirklichkeit von Familien ist mittlerweile doch ganz unterschiedlich. Jede Familie ist anders, und das muss auch berücksichtigt werden. Aber am besten ist es, wenn die Eltern selbst eine einvernehmliche Regelung finden.

Frage: Ihr Einfluss als Familienministerin ist da begrenzt.

Barley: Das sehe ich anders. Man kann Druck von den Betroffenen nehmen. Nehmen wir das Beispiel Steuerrecht: Wenn sich Eheleute mit Kindern trennen, müssen sie zwei Haushalte führen und sind steuerlich schlechter gestellt. Wenn sich beide Eltern um das Kind kümmern, brauchen sie in jeder Wohnung ein Kinderzimmer und Kleidung. Sie werden das noch erleben: Kinder sind teuer.

Frage: Die Kleinen hoffentlich nicht.

Barley: Oh doch. Ich habe meine Kinder damals auf Flohmärkten eingekleidet. Das kann ich Ihnen nur empfehlen, ist günstig und dann sind auch die Schadstoffe rausgewaschen. Aber wir waren ganz woanders.

Frage: Beim Steuerrecht.

Barley: Richtig. Es ist gibt viele Ungerechtigkeiten. Bei Beamten können etwa Zuschläge wegfallen, wenn sie sich scheiden lassen. So etwas müssen wir überprüfen.

Frage: Sie möchten den Homosexuellen helfen, den Geschiedenen … Als Nächstes wollen Sie das Ehegattensplitting abschaffen. Wo bleibt da die klassische Ehe?

Barley: Das Ehegattensplitting bevorzugt Ehen, in denen der Einkommensunterschied möglichst groß ist. Es führt oft dazu, dass sich für Frauen die Erwerbstätigkeit finanziell nicht lohnt. Das finde ich politisch nicht mehr zeitgemäß. Ich würde auch gerne bei den Steuerklassen ansetzen. Die Steuerklasse V ist eine Frechheit. Die Frauen verdienen fast nichts, und der Beitrag zur Altersvorsorge ist lächerlich.

Frage: Letztlich wollen Sie die Hausfrauenehe abschaffen.

Barley: Nein, jeder soll selbst entscheiden können, wie er oder sie leben will. Aber es gibt eben verschiedene Ehemodelle, nicht nur eins. Der Staat hat ein Interesse daran, dass Frauen sich eine eigene Altersversorgung aufbauen.

Frage: Dann müssen die Väter aber mitziehen.

Barley: Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass man für Väter so etwas Ähnliches wie den Mutterschutz einführt. Dann könnten die Väter, wenn die Kinder gerade geboren sind, eine Zeit lang aussetzen. Das hilft den Müttern. Und es ist wissenschaftlich belegt, dass Männer, die sich sehr früh um ihre Kinder kümmern, auch im gesamten weiteren Leben stärker Verantwortung übernehmen. Nehmen Sie eigentlich Elternzeit, wenn Ihr Kind da ist?

Frage: Den klassischen einen Monat.

Barley: Nehmen Sie wenigstens zwei!

Frage: Das geht leider nicht.

Barley: Ich hoffe, Sie nehmen ihn wenigstens nicht zusammen mit Ihrer Frau am Ende, um vier Wochen in den Urlaub zu fahren?

Frage: Keine Sorge, ich mache das ganz am Anfang.

Barley: Sehr schön! Dann haben Sie Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Viele Väter tun so, als sei das alles eine Zumutung. Dabei ist es das Allerschönste, was es gibt auf der Welt. Und es bleibt auch so.

Frage: Mein Gefühl ist eher: Die meisten jungen Väter freuen sich auf das Kind. Der Realitätsschock kommt erst im Alltag, wenn beide arbeiten und ständig die Zeit fehlt.

Barley: Deshalb rate ich allen jungen Eltern, wirklich aktiv an ihrer Beziehung zu arbeiten und zum Beispiel einen Ehe-Workshop zu besuchen.

Frage: Haben Sie das auch gemacht?

Barley: Ja. Der Workshop "Eltern werden, Paar bleiben" hat mich nicht vor der Scheidung bewahrt. Aber das war erst viele Jahre später. Wir sind im Guten auseinandergegangen. Das wünsche ich allen, deren Beziehung zu einem Ende kommt.