Nicht lange her, da war die Kunst von allem frei. Frei von Scham und Scheu, frei von inneren Zwängen und von äußeren meist auch. Und die Gesellschaft? War stolz darauf, in der Freiheit der Kunst ihre eigene zu erblicken.

Nun aber stehen die Zeichen auf Widerruf. Was bis eben noch autonom war, soll kuschen. Was als radikal galt, soll beschnitten werden. Plötzlich sind Respekt und Rücksicht gefragt, viel ist von Anstand die Rede und davon, dass verstörende Werke ruckzuck ins Depot verbannt werden müssten, wobei das noch die mildeste Strafe wäre. Vernichtet sie! Verbrennt die Kunst! Auch solche Bildersturmparolen waren in letzter Zeit öfter zu hören. Und das Verblüffendste: Viele Künstler widersprechen nicht. Sie fügen sich willig. Sie geben ihre Freiheit preis.

Als Kelley Walker im vorigen Herbst seine große Ausstellung in Missouri eröffnete, im Kunstmuseum von St. Louis, hatte er eigentlich nur getan, was er mehr oder weniger immer tut: Er hatte Fotoarchive durchkämmt, hatte sich Bilder von den Straßenkämpfen der sechziger Jahre herausgegriffen, hatte sie kopiert, mit weißer und schwarzer Schokolade überzogen, dann auf Leinwand gedruckt. Mit solchen Motiven möchte Walker, wie das Museum schreibt, "Themen der Identität, Rasse, Klasse, Sexualität und Politik destabilisieren". Das ist ihm zweifelsohne gelungen.

Destabilisierte Museumsbesucher pöbelten die Wärter an, einmal kam es zu einer Prügelei. Auch wurde von schwarzen Mitarbeitern eine Petition verfasst und der weiße Künstler zu einer Entschuldigung aufgefordert. Seine Bilder sollten, wenn nicht zerstört, so doch umgehend aus den Sälen entfernt werden. Der Vorwurf: Walkers Kunst habe "rassische und kulturelle Spannungen, Unbehagen und Verletzungen" hervorgerufen.

Ähnliche Vorwürfe musste sich die Malerin Dana Schutz gefallen lassen, als sie im Frühjahr auf der Whitney-Biennale in New York ein Bildnis ausstellte. In diesem Fall waren es viele linksliberal gesinnte Künstlerkollegen, die wutschnaubend dazu aufriefen, das Kunstwerk zu vernichten. Schutz hatte die Leiche des schwarzen Jungen Emmett Till gemalt, der 1955 von einem Lynchmob zu Tode gefoltert worden war, weil er angeblich einer weißen Frau hinterhergepfiffen hatte. Tills Mutter hatte bei der Trauerfeier den Sarg nicht verschließen lassen: Alle sollten sehen, wie grausam ihr 14-jähriger Sohn zugerichtet worden war. Das Bild wurde zur Ikone im Freiheitskampf der Schwarzen, und als Dana Schutz nun darauf zugriff, um es auf ihre Weise für die Gegenwart zu interpretieren, schien das vielen wie Blasphemie. Sie sehen in ihrer Kunst keine Kunst, sie erblicken ein Zeichen weißer Herrschaft.

Hier werde "schwarzes Leid als Rohmaterial" benutzt, schrieb die Künstlerin Hannah Black in einem offenen, von etlichen Mitstreitern unterzeichneten Brief. "Es steht Schutz nicht zu, sich mit der Thematik zu befassen. Das Gemälde muss verschwinden."

So weit kam es am Ende nicht, dafür aber verschwand nur wenige Wochen später ein anderes Kunstwerk, eines, das 2012 auf der Documenta in Kassel stand und nun in Minneapolis aufgebaut worden war, bis es noch vor der Einweihung unter schrillen Protesten weichen musste. Sam Durant hatte die Holzkonstruktion ersonnen, sie sollte an Hinrichtungen in den USA erinnern, auch an die Exekution von 38 Dakota-Indianern. Deren Nachfahren erfuhren von Durants Projekt und belagerten das Walker Art Center. "Unser Völkermord ist nicht eure Kunst", stand auf den Plakaten. Für den "Skalp des Künstlers" wurden 200 Dollar ausgelobt.

Durant, noch mit voller Haarpracht, nahm sich die Widerworte zu Herzen. Rasch willigte er ein, seine Schafott genannte Installation zu zerstören, und übertrug sein geistiges Eigentum dem Indianerstamm. Dieser erwägt jetzt, die Reste des Kunstwerks in einem Ritual zu verbrennen.

Riten im selbst geknüpften Zelt

Die schwarzen Rauchwolken wären das treffende Symbol für dieses Kunstjahr, das zu einem Jahr der Selbstzensur und Selbstauflösung zu werden droht. Zwar wurden ähnliche Fälle wie die von Walker, Schutz und Durant in Europa bislang nicht vermeldet, doch unverkennbar wächst auch hier die Macht der Minderheiten, die sich gegen jede Art von künstlerischer Ausbeutung wehren. Sie wollen nicht abermals zum Opfer werden. Sie wollen selbst bestimmen, wie ihrer Geschichte, ihres Leids gedacht wird.

So verzichtete der Künstler Ernesto Neto nicht zufällig darauf, eine eigene Installation aufzubauen, als er im Mai auf der Biennale in Venedig auftrat. Lieber vertraute er einer "kollektiven Vision", wie es in einem Kuratorentext heißt, und der Mitarbeit "amazonischer KünstlerInnen, PflanzenheilerInnen und Pajés (Schamanen) der 37 Huni-Kuin-Gemeinschaften aus dem Gebiet des Jordão-Flusses". Zudem war auch das Publikum eingeladen, an den Riten im selbst geknüpften Zelt teilzunehmen und einer Prozession durch die Biennale zu folgen.

Vergleichbares lässt sich gerade auf der Documenta beobachten, die in diesem Sommer mehr indigene Volksvertreter eingeladen hat denn je. Rentierfelle, Rentierschädel, sogar Porzellanketten aus der Knochenasche von Rentieren gibt es zu sehen, allesamt von Künstlern mitgebracht, die dem Volk der Samen angehören. Ob es sich dabei um künstlerisch bedeutsame Objekte handelt, ist nebensächlich. Für die Documenta zählt, dass die Künstler einer bedrohten Ethnie angehören: "Die Gemeinschaft der Sámi kämpft – nach Jahrhunderten der 'Norwegisierung' – um die Bewahrung ihrer Identität, die ihren Ausdruck in Sprache, Lebensgrundlage und Kultur findet." Vor allem dieser Kampf soll in Kassel für alle sichtbar werden.

Der alte Kampf um Form, Komposition oder Originalität scheint damit beendet. Es geht um Fragen der Identität, um Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe. Wer darf was in wessen Namen zeigen? Muss die Kunst lernen, sich nicht alles und jedes einzuverleiben?