Der fröstelnde Besuchertrupp aus Fernost steht ahnungslos vor dem Vermächtnis der Zivilisation. Eine Bergwerksführerin in Knappenmontur drängt die Gruppe schon weiter zum nächsten Stollen im Hallstätter Salzberg, da schießen noch rasch die Selfiesticks aus den Hüften. Auch wenn keinem bewusst ist, was es mit den ockergelben Kisten auf sich hat, die sich tief im Fels auftürmen: Ein Foto muss sein.

Für Martin Kunze sind die Selfies eine Steilvorlage. "Wir produzieren ständig gigantische Datenmengen", sagt er, "aber wir hinterlassen keine Aufzeichnungen, die dauerhaft bestehen werden." Weil der 49-jährige Oberösterreicher dem digitalen Vergessen den Kampf angesagt hat, lagert er seit fünf Jahren hier, im Bauch des Salzbergs am Hallstätter See, die schweren, gelben Kisten ein. Darin befinden sich quadratische Platten, die sich wie Badezimmerkacheln anfühlen: gebrannter, mit Fotos und Texten bedruckter Ton. Ein billiger Werkstoff als Datenträger, der das Wissen über die Menschheit wie in einer Zeitkapsel sichern soll.

Kunze, 49 Jahre alt, rötlicher Vollbart, tiefblaue Augen, betreibt im Brotberuf eine Keramikwerkstatt in Gmunden. Doch längst bestimmt das megalomanisch wirkende Projekt sein Leben, das er Memory of Mankind, kurz MoM, getauft hat. Gedacht ist es für eine Zukunft, in der nach Atomkriegen oder Asteroideneinschlägen die menschliche Spezies aufgehört hat zu existieren und eine neue, intelligentere Zivilisation nach Spuren der Vergangenheit sucht. Oder eine Zukunft, in der Bibliotheken verrottet, Festplatten unlesbar, Serverfarmen zusammengebrochen sind und sich die digitale Cloud, in der sich heute die globalen Informationen zusammenballen, in Luft aufgelöst hat. "Ökonomisch werden wir es uns bald nicht mehr leisten können, alle Daten zu sichern", sagt Kunze, der stundenlang über Speichermedien, Lesegeräte oder Algorithmen sinnieren kann.

Die Gefahr eines digital dark age beschäftigt Technologieunternehmen, Wissenschaftler, Regierungen auf der ganzen Welt. Tontafeln als analoges Back-up der Gegenwart klingt banal, doch gerade deshalb macht Kunze von sich und seiner Mission reden. Er wird zu TED-Talks und Forschungskonferenzen geladen, auch Vertreter der schwedischen Atombehörde und der Nuclear Energy Agency in Paris haben sich von ihm in den Salzberg führen lassen, weil sie nach Wegen suchen, wie sich Hinweise auf gefährliche Atommülllager für die Nachwelt sichern lassen.

Die Kälte tief im Inneren der Felsen dringt rasch unter die dickste Jacke. Kunze geht zurück zur ruckeligen Grubenbahn, die ihn durch einen engen Stollen wieder in die Sommersonne bringen wird. Fast zärtlich streicht er zuvor noch über die Stollenwände und testet den salzigen Zeigefinger mit der Zunge.

Salzkristalle überziehen alles in diesem Berg. Auch die Kisten mit den Tontafeln werden bald versiegelt sein. Denn das Salz im Fels breitet sich aus. Es bewegt sich ungefähr so schnell, wie Fingernägel nachwachsen. "Nach ein paar Jahrzehnten wird das Archiv völlig verschlossen sein", sagt Kunze.

Das Salz macht den Fels zudem duktil, wie es in der Geologie heißt: Stöße, Druck, Bewegungen federt es ab und wird Kunzes Tontafeln bald wie eine dicke Plastilinhülle schützen. Mit den Salinen Austria, denen das Bergwerk gehört, hat Kunze einen Vertrag abgeschlossen: Das MoM bleibt im Berg, selbst wenn das Unternehmen einmal verkauft werden sollte. Das Depot im Schaubergwerk ist ein Provisorium. In ein paar Jahren sollen die Datenträger in eigene Kammern gebracht werden, die zwei Kilometer tief im Berg verborgen liegen – ein Pharaonengrab für das Wissen der Welt.

Eine halbe Autostunde braucht Kunze von Hallstatt zurück an das linke Traunufer. Die Keramikwerkstatt, in der er mit seiner Frau arbeitet, liegt an einem verwinkelten Platz in der Gmundner Altstadt. Im Ofen hinter dem Verkaufsraum brennt Kunze auch die Kacheln für sein Archiv der Menschheit. Die Technik hat er mit einer deutschen Firma entwickelt, die für ihn ein mit Gelatine beschichtetes Spezialpapier bedruckt. Mit Wasser überträgt Kunze die keramischen Farbpigmente auf rohe Fliesen, nach dem Brennen hält er glasiertes Steinzeug in der Hand, das nahezu unzerstörbar ist.

Den mit Keilschrift beschrieben Tontafeln der Sumerer konnten auch 5.000 Jahre nicht viel anhaben. Für die Floppy Disks früherer Computergenerationen gibt es schon jetzt kaum mehr Lesegeräte: Solche Gedanken haben im Kopf des Keramikkünstler über die Jahre gearbeitet. Jetzt treibt ihn die Idee eines physischen Archivs für die Ewigkeit fast besessen an. In Gesprächen landet er schnell bei Hochrechnungen von Bytes, bei den Teilchen des sichtbaren Universums und fast im selben Atemzug bei ASCII-Codes, bis einem der Kopf schwirrt. Laufend sucht er Linguisten, Geologen, Materialwissenschaftler oder Anthropologen auf, um mehr und mehr Wissen in sich hineinzustopfen, das für sein Wissensdepot hilfreich sein könnte.