Wahrscheinlich wird er über die Welt der Programmkinos nicht hinauskommen, aber anzuzeigen ist ein höchst erstaunlicher, nahezu perfekter, vor allem perfekt und anmutig ausbalancierter Film, den der russische Meisterregisseur Andrei Kontschalowski (er wird dieses Jahr achtzig) über den Holocaust gedreht hat. In Venedig erhielt er letztes Jahr den Silbernen Löwen, kurz darauf wurde er für den Oscar nominiert, Paradies lautet sein befremdlicher Titel. Sind wir jetzt so weit? Darf es einen anmutig ausbalancierten Film, noch dazu in nostalgischem Schwarz-Weiß und mit gleichnishaften Zügen, über den Judenmord der Nazis geben?

Freilich spricht manches dafür, dass der Holocaust schon des Längeren seinen präzisen Ort – das Skandalon seiner historischen Tatsächlichkeit – verloren hat und in den internationalen Mythenschatz der Menschheit übergegangen ist, aus dem sich Künstler jederzeit bedienen können. Kürzlich erst hat der englische Romancier Martin Amis ein Liebesdrama vor den Leichenbergen eines Konzentrationslagers entfaltet, Quentin Tarantino mit seinen Inglourious Basterds die blutrünstige Fiktion einer jüdischen Rache ins Kino gebracht und einige Jahre zuvor der amerikanische Franzose Jonathan Littell die zweibändige Einfühlung in die Gedankenwelt eines SS-Mannes der verstörten Öffentlichkeit unterbreitet. Die Öffentlichkeit hat sich inzwischen schon wieder beruhigt. Sie wird damit leben, dass sich auch der Holocaust für Kitsch, Comics, Splattermovies und frivole Gedankenspiele eignet. Die Zeit der skrupulösen, ästhetisch enthaltsamen, dokumentarisch keuschen Annäherungen eines Claude Lanzmann oder Marcel Ophüls, deren Entsetzen nur im Hintergrund vibrierte, sind vorüber.

Nicht ganz vorüber allerdings für Kontschalowski. In Spielszenen zeigt er einen französischen Kollaborateur (Philippe Duquesne), eine judenrettende russische Gräfin im Pariser Exil (Julia Wisotskaja) und einen hitlergläubigen SS-Offizier (Christian Clauß), der, um Widersprüche unbesorgt, in Liebe zu dieser Gräfin entbrannt ist. Dazwischen befinden sich quasidokumentarische Verhörszenen, in denen die Protagonisten ihr Leben beichten müssen, als seien sie nach Kriegsende vor ein alliiertes Militärgericht geraten oder, ärger noch, Jahre später vor die Kamera des milde, aber unerbittlich fragenden Marcel Ophüls. Der Kollaborateur und der SS-Mann bestreiten selbstverständlich, das kennt man von Ophüls’ echten Zeugen, jede Schuld. Nur und ausgerechnet die russische Gräfin, die doch Juden zu retten versucht hat, ist verzweifelt und voller Selbstvorwürfe.

Kino - »Paradies« (Trailer) © Foto: Alpenrepublik Filmverleih

Befremdlicherweise sind jedoch diese Figuren zu dem Zeitpunkt ihres Rückblicks längst tot, der Franzose von der Résistance hingerichtet, die Russin anstelle einer Jüdin im KZ ermordet, der Deutsche bei der alliierten Eroberung des Lagers umgekommen (vielleicht auch von eigener Hand). Wo und wann finden die Verhöre also statt? Zunächst natürlich: im Film. Die Figuren werden vor den Richterstuhl des Regisseurs gezerrt. Indes, und hier beginnt die bizarre, fast atemberaubende Provokation des Films, muss man nicht notwendig von diesem Bruch der Fiktion ausgehen, einem Wechsel der Erzählebene. Es könnte auch so sein, dass die Ebene zwar wechselt – aber nur vom Diesseits ins Jenseits. Die Figuren, mit anderen Worten, plötzlich vor dem Jüngsten Gericht stehen.

Wann hätte es das je gegeben, in der jüngeren Film- oder Literaturgeschichte, dass sich Menschen vor dem ewigen Richterstuhl verantworten müssen? Nachdem die Russin zu Ende gebeichtet hat, als Einzige verzweifelt und unter Tränen, hört man eine Stimme aus dem Off: "Sei unbesorgt. Du hast nichts zu fürchten." Die Stimme Gottes oder eines himmlischen Generalstaatsanwaltes? Und was haben die anderen zu fürchten? Hölle und ewige Verdammnis? Der Titel des Filmes, der sich zunächst sarkastisch auf das "deutsche Paradies" der Nazis zu beziehen schien, von dem der SS-Mann in fanatischer Verzückung fantasiert, erhält plötzlich eine kindliche, fromme Buchstäblichkeit. Der Judenretterin wird das Paradies versprochen.

In diesem Film lässt sich die christliche Vorstellungswelt, anders als etwa in Martin Scorseses Silence, nicht auf die Figurenpsyche abschieben. Kontschalowskis Figuren sind gar nicht religiös; sie geraten nur in den religiösen Deutungsrahmen des Regisseurs. Gewiefte Interpreten werden daher, um das Christliche wegzuerklären, die himmlische Stimme aus dem Off mit der Meinung des Regisseurs identifizieren, der über seine Figuren richtet.

Das wäre natürlich auch nicht falsch – nur ganz gegen den Atem und Geist des Films. Kontschalowski ist ein ausgebuffter Profi, ein wirklich abgebrüht raffinierter Künstler, der genau weiß, wie man etwas suggeriert, ohne es zu plakatieren. Man versteht als Zuschauer nur zu gut, dass dem Regisseur der Holocaust mehr als ein Menschheitsverbrechen ist, nämlich ein kosmisches Vergehen, das auf Erden nicht angemessen zu sühnen ist. Es schreit zum Himmel – und dort wird der Schrei gehört.

Damit erreicht der Film einen ungeheuerlichen Ernst, der alles übertrifft und degradiert, was in letzter Zeit sonst so am deutschen Judenmord sein künstlerisches Mütchen gekühlt (beziehungsweise erhitzt) hat. Und alle, die sich die Pointe vom Leibe halten wollen, seien gewarnt: Sie werden die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommen, vor allem die Gesichter der Hauptdarsteller nicht, die von dem Regisseur zu ungeheurer Intensität geführt werden: der kaum bekannte Christian Clauß vom Dresdner Schauspiel ebenso wie Julia Wisotskaja (mit der Kontschalowski seit 1988 verheiratet ist). Namentlich sie, die an sich selbst verzweifelte Märtyrerin, die mit dem kahl rasierten Schädel, mit dem sie ins Gas geschickt wurde, vor dem Jüngsten Gericht sitzt, wird uns nicht mehr verlassen.

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