Tomek? Könnte er das sein? Nein, zu alt. Ich frage mich, ob ich schon bestellen soll, streiche mir die Haare aus dem Gesicht, schaue mich im Park um und beschließe, mit meinem Kaffee doch lieber zu warten. Mir ist etwas übel. Warum eigentlich?

Tomek? Nein, wieder nicht. Der Mann läuft geradewegs zu einer anderen Frau. Ich schaue aufs Handy, noch zehn Minuten. Habe ich meinen Notizblock eingepackt? Soll ich überhaupt mitschreiben? Wie kommt das rüber? Wie komme ich rüber? Sehe ich aus wie eine reiche Deutsche?

Ich hätte absagen sollen. Was für eine dämliche Idee, dieses Blind Date. Vor einer Stunde lag ich noch auf dem Hotelbett und stopfte vor Aufregung M&Ms in mich hinein. Ich hatte das Handy schon in der Hand, seine Nummer schon aufgerufen, um ihm abzusagen. Dann checkte ich noch kurz das Wetter, und als ich auf dem Display nicht "Wejherowo" las, den polnischen Namen meiner Heimatstadt, sondern "Neustadt an der Rheda", die deutsche Übersetzung, war ich so verwirrt, dass ich vergaß, welche wirklich gute Ausrede ich mir zurechtgelegt hatte.

"Emilka?"

Ich schaue hoch.

Er lächelt. Es ist auf einmal so still im Park, dass ich mir einbilde, meine Synapsen arbeiten zu hören. Ich sehe ihn an, nicht zu lange, damit es nicht peinlich wird, aber lange genug, um seine großen Zähne zu sehen. Er ist es. Tatsächlich.

"Cześć Tomek", sage ich. "Weißt du wirklich, wer ich bin?"

"Natürlich weiß ich das! Als mir das Sekretariat im Krankenhaus deine Mail zeigte, las ich diesen Namen, 'Smechowski', ich dachte noch, komische Schreibweise, dann schlug die Erinnerung ein. Das warst du. Die Emilka von früher."

Wenn ich an sie denke, an mein früheres Ich, sind da nur Erinnerungsfetzen, Bilder meiner Kindheit in Polen. Tomek und ich, beste Freunde. Unsere gemeinsamen Nachmittage. Die verrostete Teppichstange, an der wir manchmal turnten. Der Sandkasten, in dem wir spielten. Der giftige Regen aus dem Osten, von dem meine Mutter lange Zeit gesprochen hatte und der dafür sorgte, dass wir keine Pilze mehr essen mussten.

Und dann dieser eine Abend im Juni 1988. Ich war fünf Jahre alt. In nur noch wenigen Fenstern brannte Licht, als meine Eltern mich, meine kleine Schwester und drei Koffer in den Polski-Fiat packten und über die Grenze verschwanden, nach West-Berlin, für ein besseres Leben, für immer. Wir legten einen polnischen Abgang hin, wir gingen grußlos. Ich konnte Tomek nicht Tschüs sagen, beziehungsweise auf Polnisch: pa.

In dem neuen Land nannten sie uns Aussiedler, wir stiegen schnell auf. Meine Eltern arbeiteten als Ärzte, wir bauten ein Haus. Wir fuhren erst einen Mazda, dann einen BMW und einen Chrysler, später nur noch Limousinen von Audi. Unsere Namen wurden verändert, eingedeutscht, mein Geburtsort ebenso: Glaubt man meinem deutschen Pass, komme ich aus "Neustadt/Westpreußen". So steht es da. Schwarz auf Passgrün.

Heute arbeite ich als Journalistin in Berlin, bin wie Tomek Anfang 30, habe eine Tochter. Mit ihr, meiner Mutter und meiner kleinen Schwester bin ich zum ersten Mal zurückgefahren in die Stadt, in der ich geboren wurde.

Etwa zwei Millionen Menschen mit polnischen Wurzeln leben in Deutschland. Ich bin eine davon. Was suche ich also hier, bei Tomek? Ein bisschen Heimat? Eine Antwort auf die Frage: Was, wenn ich geblieben wäre? Wäre ich dann heute eine andere?

Um Tomek wiederzufinden, musste meine Mutter nur ihren alten Arbeitgeber anrufen, der auch der Arbeitgeber von Tomeks Eltern war. "Der kleine Tomek?", sagte jemand am anderen Ende der Leitung. "Der ist nicht mehr so klein. Der arbeitet hier!"

Nun sitzen wir uns gegenüber, Tomek und ich, wir gleichen unsere Leben ab. "Du bist jetzt Arzt?", frage ich. Er nickt.

Heimat ist eine komplizierte Angelegenheit

Unsere Autorin mit ihrer Mutter in Polen © privat

"Ich bin Anästhesist, wie deine Eltern. Im Krankenhaus von Wejherowo, auch wie deine Eltern. Ich bin hier geblieben, habe geheiratet und zwei Kinder bekommen, Stasiu und Hania. Gerade haben wir begonnen, ein Haus zu bauen", sagt er, als die Kellnerin endlich die Getränke bringt. Latte macchiato für mich, schwarzen Tee mit Zitrone für ihn. Wie polnisch, denke ich.

Tomek erzählt von seinem Leben, dem Leben, das auch ich hätte führen können. Wäre ich nicht ausgereist und deutsch geworden. "Ach, weißt du", sagt Tomek. "Es hat sich zuerst nicht viel getan nach der Wende. Wir haben noch acht Jahre in unserem Block gewohnt, dann haben wir ein kleines Häuschen gekauft, in einem besseren Viertel."

Ich schaue Tomek an. Sein Haar zeigt erste lichte Stellen, aber sein Gesicht ist noch immer rund und etwas kindlich, mit seinem blau-weiß karierten Hemd und dem Jackett aus Filz sieht er irgendwie bayerisch aus. Er trägt eine Uhr, die schwer wirkt und mit der man sicher einige Meter tief tauchen kann. Tomek, das sieht man, gehört zu der Sorte von Polen, die es geschafft haben.

Er arbeitet aber auch 60 Stunden in der Woche, erzählt er. Neben seiner Stelle im Krankenhaus noch in einem anderen als Belegarzt – und in einem Hospiz. Als er und seine Frau, die ebenfalls Ärztin ist, erfuhren, dass ihr Monatsgehalt in etwa so viel wert sei wie zwei Nachtdienste in Frankreich, überlegten sie sogar einmal auszureisen. Und blieben doch.

Es ist bizarr. Tomek und ich sind im selben Jahr geboren, im selben Block aufgewachsen. Doch heute hat er eine Wohnung in Danzig und ein Grundstück außerhalb, seine Frau ist wegen der Kinder in Teilzeit gegangen, sie haben zwei Autos, und einmal im Jahr fahren sie in die Sonne, nach Spanien oder Griechenland.

Ich hingegen bin nicht gerade das, was man sesshaft nennt, trotz Kind, trotz Beziehung. Mir macht die Vorstellung, irgendwo für immer zu bleiben, Herzrasen. Ich wohne in einer unrenovierten Altbauwohnung, es ist mein 15. Wohnsitz in 16 Jahren, ich habe keinen Führerschein und keinen Fernseher und lebe mit dem konstant schlechten Gewissen einer viel und gern arbeitenden Mutter. Ich habe mir dieses Leben so ausgesucht, meistens mag ich es. Und bin mir doch unsicher: Brauche ich mehr Ruhe, mehr Boden unter den Füßen?

Tomek sagt, in Deutschland sei er nur einmal gewesen, in Berlin, auf Jugendfahrt. Er sagt, er spreche kaum andere Sprachen. Ich sage, ich spreche fünf.

Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter immer "Pssst" machte, wenn meine Schwester und ich auf der Straße plötzlich Polnisch miteinander sprachen. Wir ließen es dann ziemlich schnell bleiben. Wir passten uns an. Wie viele Polen, die in den achtziger und neunziger Jahren nach Deutschland gekommen waren, machten wir uns unsichtbar.

Als ich 16, 17 Jahre alt war, da hatte ich meine Muttersprache fast komplett verlernt oder zumindest in mir vergraben. Ich sprach kein Polnisch, niemand sprach es in Deutschland. So kam es mir vor. Alles, was ich von den Polen in Deutschland vernahm, war, neben dem ständigen "Pssst" meiner Mutter: ein Flüstern. "Dobrze", "na pewno", "zostaw to". Ein polnisches Wispern, das sich durch die gesamte Stadt zog. Ein leiser Klangteppich aus Wortfetzen, bevor man wieder ins Deutsche wechselte, in normaler Lautstärke. Wenn wir hingegen in Polen im Urlaub waren, hielt meine Oma uns an, auf der Straße auf keinen Fall Deutsch zu sprechen. Die Geschichte, ihr wisst schon, sagte sie. In meiner Familie herrschten eiserne Sprachregeln.

Ich war schwanger, als diese Suche begann, dieses merkwürdige Graben nach Wurzeln. Ich fragte mich immer wieder, ob ich mein Kind deutsch erziehen sollte. Wenn, dann wäre es das Ende unserer Migrationsgeschichte. Die ultimative Assimilation, der Sieg der CSU über die Einwanderergesellschaft.

Ich entschied mich dagegen. Belegte Kurse in einer polnischen Sprachschule, las Bücher, schaute Filme, schrieb Reportagen über Polen. Ich sprach wieder Polnisch. Ich machte Fehler, bei jedem polnischen Satz sprang mir die Röte ins Gesicht, aber ich sprach. Heute laufen die meisten Unterhaltungen zwischen meiner Tochter, drei Jahre, und mir, 33, so ab: Ich spreche Polnisch, sie antwortet meistens auf Deutsch. Und doch kostet es mich manchmal Überwindung, laut auf Polnisch über den Spielplatz zu rufen.

Ich sehne mich nach Aufbrechen und Ankommen gleichzeitig. Heimat ist eine komplizierte, schmerzhafte Angelegenheit. Sie wurde mir entrissen. Manchmal frage ich mich, ob ich sie im Gegenzug nun verkläre. Wenn ich an Heimat denke, denke ich an den Geruch von feuchtem Waldboden. Und an den von Braunkohle.

Als ich schließlich zahlen will, besteht Tomek darauf, die Rechnung zu übernehmen. Zum Abschied geben wir uns polnische Küsschen, einmal rechts, einmal links. Dann geht er zurück in sein Leben – ein Leben, das sich meine Eltern wahrscheinlich auch für mich gewünscht hätten.

Ein Wort wie eine Umarmung

Unsere Autorin bei ihrer Einschulung in Deutschland © privat

Ich treffe meine Mutter, meine kleine Schwester und meine Tochter. Wir gehen in das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin.

Als wir auf die Plattenbauten zulaufen, wirken sie von Weitem, als hätte ein Riese ein paar Cornflakes-Packungen fallen lassen. "Wartet, ich glaube, unser Haus ist dort hinten rechts", sagt meine Mutter. "Oder doch links?"

Wir laufen ein paar Meter, meine Mutter schaut sich um. Wie verloren sie wirkt, in diesen Straßen, die noch immer durchzogen sind von Schlaglöchern. Als wir dann doch vor unserem Haus stehen, sagt meine Schwester, die als drittes Kind in Berlin geboren wurde und unsere Heimatstadt nie zuvor gesehen hat: "Krass, Mama. Ich kann mir dich hier gar nicht vorstellen. Dass du in so einer Wohnung gelebt hast, in der Platte!"

Sie hat recht. Meine Mutter, akkurat geschminkt, teure Klamotten, Designerbrille, wirkt wie eine alternde Hollywood-Schauspielerin, die einem Fernsehteam den Trailerpark zeigt, in dem sie aufgewachsen ist. So stehen wir hier, vor der Nummer 19A, und legen unsere Köpfe in den Nacken: Dort oben, wo die weiße Wäsche auf dem Balkon flattert. Da ist es.

Als wir hier wohnten, in den 1980er Jahren, war das Haus grau gewesen. Irgendwann haben sie es zitronengelb gestrichen wie die Wände meiner ersten Wohnung, in die ich mit 16 gezogen bin. Das Haus daneben ist heute babyblau, das nächste erdbeereisrosa. Die Farbe blättert schon langsam ab.

Wir laufen einmal um den Block, vielleicht gibt es noch den Spielplatz, auf den wir kurz gehen können? Doch nur die rostige Teppichstange ist noch da, der Sandhaufen verschwunden. Niemand ist auf der Straße, niemand geht ins Haus hinein, niemand kommt heraus. Wir machen Fotos. Wir müssen ein komisches Bild abgeben in diesem Moment. Meine Mutter nimmt ihre Enkelin auf den Arm und drückt sie, sie drückt zurück, und ich denke, dass es kaum ein schöneres Wort in der polnischen Sprache gibt als przytulać, es klingt so weich, ein Wort wie eine Umarmung, was es ja auch heißt: umarmen, kuscheln.

Als Mutter war meine Mutter anders. Ich sollte ein Buch auf dem Kopf balancieren, um eine gerade Haltung zu üben. Nicht so große Schritte machen, schließlich sei das unweiblich. Und vor allem sollte ich Einsen mit nach Hause bringen. Keine guten Noten, Einsen. Wenn ich mit einer Zwei plus im Deutsch-Diktat nach Hause kam, fragte sie, wo denn das Problem gewesen sei. Ob ich nicht genug gelernt hätte? Es herrschte ein permanenter Druck.

Umso mehr liebe ich diese Momente, wenn ich sehe, wie innig die Beziehung zwischen Oma und Enkelin heute ist, trotz allem. Meine Tochter vergöttert ihre babcia, die ihr Eier kocht und Fisch brät, wenn sie jajo und ryba sagt – und außerdem hat babcia ein eigenes Auto!

Auch babcia spricht mit meiner Tochter Polnisch. Allerdings nicht in der Öffentlichkeit. "Es geht nicht", sagt sie. "In meiner Wohnung kann ich das. Aber draußen komme ich mir komisch vor. Ich habe Angst, dass meine Enkelin von anderen Kindern ausgegrenzt wird, wenn die hören, dass wir Polnisch sprechen." Es hört nicht auf.

Unser Versuch einer Assimilation, das kann ich heute sagen, ist gescheitert. Wir sind in Deutschland angekommen. Aber Deutsche sind wir nicht geworden. Meine Eltern sprechen die Sprache sehr gut, aber sie schämen sich noch immer, wenn sie merken, dass sie einen winzigen Grammatikfehler gemacht haben. Meine Mutter verwechselt noch immer "der", "die", "das". Dass man den Weizen isst und das Korn, aber das Weizen trinkt und den Korn, ist für sie der blanke Horror. Sie sagt "Witzbeutel", wenn sie Witzbold meint. Und "Tiefkultur" statt Tiefkühltruhe. Mein Vater ist mittlerweile Chefarzt. Je höher er aufsteigt, desto mehr muss er darauf achten, keine Fehler zu machen, sagt er.

Als ich am Ende des Tages allein mit meiner Tochter in der Danziger Stadtbahn sitze, zieht die Altstadt an uns vorbei. Der Waggon ist voll, ich halte meine Tochter auf dem Schoß. Die Werft, auf der die Solidarność streikte. Die medizinische Fakultät, an der meine Eltern studierten. Die Kirche, in der ich um meine tote Oma weinte. Der Zug knattert und knarzt, als wäre kaum Zeit vergangen, als würde ich selbst noch auf dem Schoß meiner Oma sitzen. Unzählige Male fuhren wir so durch die Stadt, und ich lernte die Stationen auswendig. Dieser Stich. Sehnsucht.

Als meine Tochter sich aus meinem Griff windet, merke ich, wie fest ich sie die ganze Zeit gepackt hatte, sie nestelt an ihrer Jacke herum, sie wird ungeduldig, dann schreit sie laut und deutlich durch den ganzen Waggon: "Ich will meine kurtka ausziehen!"

Ich werde rot, der alte Reflex. Doch plötzlich passiert etwas. Ich muss meinen Kopf wegdrehen, um nicht laut loszulachen, beiße mir auf die Lippen und grinse doch. Auf keinen Fall Polnisch auf deutschen Straßen, lieber kein Deutsch auf polnischen Straßen, mein halbes Leben lang wurde ich instruiert und instruierte mich selbst, wann und wo ich wie zu sprechen hatte. Was genau war denn jetzt bitte das Protokoll für Deutsch-Polnisch-Mischmasch in der polnischen Öffentlichkeit?

Uns gegenüber sitzt eine junge Frau und lächelt uns an. "Schön", sagt sie zu mir, "dass du es versuchst."

Mehr nicht.

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Dieser Text basiert auf Emilia Smechowskis Buch "Wir Strebermigranten", das diese Woche bei Hanser Berlin erscheint.