Die Wende von Regensburg begann 2012 mit einem Mann, dem kaum jemand einen Bruch mit der Linie seines Vorgängers zugetraut hatte: Rudolf Voderholzer aber hat nach seiner Ernennung zum Bischof damit angefangen, den Missbrauchsskandal um Deutschlands berühmtesten Knabenchor aufzuarbeiten. Ausflüchte, Ablenkungsmanöver und halbherzige Entschuldigungen sollten nicht mehr die Antwort des Bistums auf das jahrzehntelange Leiden bei den Domspatzen sein.

Der frühere Dogmatikprofessor aus Trier ist kein innerkirchlicher Reformer: Der 57-Jährige ist Herausgeber von Papst Benedikts Gesammelten Werken und eng verbunden mit dem Rom Joseph Ratzingers. Dessen enger Vertrauter Gerhard Ludwig Müller war nicht nur Voderholzers Vorgänger auf dem Regensburger Bischofssitz, sondern auch sein Doktorvater. Müller blieb auch nach seiner Ernennung zum Präfekten der Glaubenskongregation eine Autorität in Regensburg. Zuvor hatte er die Aufklärung eher verschleppt und den Medien eine kirchenfeindliche "Kampagne" unterstellt.

Entsprechend gehemmt beließ Voderholzer Müllers Generalvikar Michael Fuchs, der sich im Missbrauchsskandal dilettantisch verhalten hatte, im Amt, erklärte, die Aufklärungsarbeit sei bisher durchaus "angemessen" abgelaufen.

Doch unbemerkt von der Öffentlichkeit praktizierte Voderholzer einen neuen Stil, traf sich diskret mit mehreren Opfern, von denen einige noch heute unter den Spätfolgen wie Depressionen und Panikattacken leiden. Dabei spielte auch sein Bruder, ein Psychotherapeut und Arzt für Psychosomatik, eine Rolle. Bei ihm hatte sich Voderholzer intensiv über die Gefahren einer Retraumatisierung informiert. Der Bischof setzte einen Krisenstab ein, der Aufarbeitung, Opferentschädigung und Prävention vorantreiben soll und dem neben Bischof, Domkapellmeister und Internatsdirektor drei Opfervertreter angehören. Allen Seelsorgern und pastoralen Mitarbeitern im Bistum verordnete er eine Fortbildung in Prävention.

Als jetzt der Abschlussbericht zum Domspatzen-Skandal vorgestellt wurde, gab es von Kirchenseite keinen Versuch, zu bremsen oder zu relativieren. Der komplette Text von 440 Seiten ist auf der Bistums-Homepage abrufbar. Und Voderholzer bat in einem Hirtenwort erneut "in Demut" um Vergebung.

Der Domspatzen-Skandal ist der größte Fall von Misshandlung und Missbrauch in Deutschland. Fast wäre er in einer "Kultur des Schweigens" untergegangen, wie der vom Bistum beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber bei der Vorstellung des Berichts in der vergangenen Woche sagte. 547 Opfer von körperlicher Gewalt und nicht selten auch sexuellem Missbrauch hat er ermittelt. 49 Tatverdächtige listet der Bericht auf, die meisten von ihnen sind inzwischen verstorben. "Der Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit sollte dazu dienen", so Weber, "den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen" – alles im Interesse des zauberschönen Chorklangs, den das Publikum gern mit den Engeln im Himmel vergleicht.

Die Veröffentlichung des Berichts ist nun der sichtbarste Beweis dafür, dass sich in der konservativen Diözese endgültig etwas verändert hat. Die Opfervertreter – jahrelang frustriert und verärgert von den Aussagen seines Vorgängers – lobten Voderholzers ehrliches Engagement. Besonders aufgefallen war ihnen, dass der Bischof bei jeder Sitzung des Krisenstabs dabei gewesen war, ohne die Verhandlungen zu beeinflussen. Alexander Probst, Autor der Streitschrift "Von der Kirche missbraucht", sagt: "Wir haben etwas erreicht, von dem wir jahrelang geträumt haben. Es sind nicht allein die Worte, die Voderholzer wählt, sondern die Art, wie er sie sagt. Auch der Bischof hat Narben davongetragen."

Von den Entschuldigungsmechanismen der ewigen Verdränger hatte sich Voderholzer inzwischen klipp und klar distanziert: "Die Zeitbedingtheit der Pädagogik, die hin und wieder verteidigend ins Feld geführt wird, rechtfertigt in keiner Weise die Exzesse körperlicher Züchtigung, wie wir sie beklagen müssen, und erst recht nicht die Fälle sexueller Gewalt." Kurz zuvor hatten Missbrauchsopfer noch frustriert vom jahrelangen Verhalten des Bistums eine "Gesellschaft gegen das Vergessen" gegründet. Zunehmend beeindruckt erlebten sie, wie eine historische und eine sozialwissenschaftliche Studie initiiert wurden, um strukturelle Mechanismen hinter dem Missbrauch durchschauen und Täterprofile zeichnen zu können. Und wie ihnen das Bistum Beträge in vier- oder fünfstelliger Höhe zahlte, die Voderholzer ausdrücklich nicht als Entschädigung, sondern als Anerkennung von Leid und "Zeichen unserer Zerknirschung" verstanden wissen will.

Was hatte sich in Regensburg verändert? Voderholzers großer Förderer Benedikt hatte die kirchlichen Rechtsnormen im Umgang mit den Tätern verschärft und war schon als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation für eine Null-Toleranz-Linie eingetreten.

Hat der Papst außer Diensten Voderholzer zu seinem vorpreschenden Engagement ermuntert, um die Versäumnisse aus der Müller-Ära vergessen zu machen? Hat der in Regensburg skeptisch beäugte Müller-Nachfolger die Gelegenheit genutzt, um sich von seinem – damals in Rom noch mächtigen – Ziehvater zu emanzipieren?