Beim Frühstück mit meiner Frau.

Ich: So uralt zu werden ist ja eigentlich eine ... Wenn nur nicht immer so viele ...

Frau: Ja, was meint denn mein neunzehnjähriger Doktor da mal wieder. Du bist doch noch ziemlich fit und wirst sicher mindestens so alt wie der Hamburger Alt-Bundeskanzler. Noch dazu, wo du nie geraucht hast.

Ich: Wer weiß das. Aber hör doch endlich einmal auf mit dieser witzlosen Zahlendreherei.

Frau: Warum? Ich fühle mich dadurch noch mal wie 18.

Ich: Mit 19 war ich schon Soldat im Krieg. Und du gingst in Hinterpommern noch in die Grundschule.

Frau: Tatsächlich, dass dir das gleich wieder so einfällt.

Ich: Das von dunnemals scheint fest im Kopf verankert zu sein, aber dann kommen auch schon große Lücken des Vergessens, die heutzutage immer größer werden.

Frau: Stimmt genau. Ich kann sogar manchmal nicht die Namen vieler Bekannter aus dem Gedächtnis abrufen. Das ist vielleicht fatal.

Ich: Ja, das kommt schon einmal vor, ist aber ...

Frau: Du schreibst dir ja vieles auf, um es nicht zu vergessen.

Ich: Meistens Merkzettel und keine Namenslisten.

Frau: So, nun erst mal an die frische Luft mit dir, und bring ein Brot mit, wenn du zurückkommst.

Wenig später auf der Straße. Einer meiner Patienten kommt auf mich zu und spricht mich an.

Patient: Hallo und guten Tag, ewig nicht gesehen.

Ich: Wie geht’s? (prompt fällt mir sein Name nicht mehr ein)

Patient: Ganz gut ... Aber erinnern Sie sich noch, wie schlecht es mir damals ging und Sie ... (erfolgloses Nachdenken bei mir)

Ich: Was macht denn Ihre Frau? (lenke ich ab)

Patient: Ach, die liegt doch schon ein paar Jahre unter der Erde. (rums, noch eine Peinlichkeit)

Ich: Wohnen Sie noch immer bei Ihrem ...? (ja, wo eigentlich?)

Patient: Nee, bei meiner Tochter, Sie wissen doch, bei der Sie seinerzeit das ... Na, wie heißt das bloß ... Also das haben Sie weggemacht damals.

Ich: Das ist alles so lange her (muss ich erneut ausweichen). Man bringt vieles durcheinander.

Patient: Ja, das stimmt, aber ich sage dann oft selbst zu mir, Pliesekow, denk richtig nach ... (Pliesekow, genau! So hieß er!)

Ich: Das machen Sie vollkommen richtig, Herr Pliesekow (erleichtert atme ich durch).

Patient: Jawoll, und ich freu mich, Sie wieder einmal getroffen zu haben.

Wir geben uns die Hand. Auf einmal sieht er mich seltsam an.

Patient: Wie heißen Sie eigentlich?

Erst bin ich etwas perplex. Dann lachen wir beide befreit auf.

Wieder zu Hause.

Ich: Weißt du, wen ich gerade getroffen habe ...

Ich erzähle die ganze Episode. Meine Frau hört zu und lächelt gegen Ende hintergründig.

Frau: Das muss ja wirklich interessant gewesen sein. Wo hast du eigentlich das Brot?