Miljenko Jergovićs Unerhörte Geschichte meiner Familie ist, für mich, das monumentalste Buch, ein Buch von hunderttausend Seiten. Seine Motive und Geschichten haben sich in mir fortgeschrieben, die vielfältigen Handlungszweige haben Knospen getrieben und sich weiter verästelt. Sie schlagen ohnehin weit aus im Wirbelsturm der europäischen Vergangenheit, und im Auge des Sturms ruht die Stubler-Sippe, mehrere Generationen, der letzte Nachkomme: Miljenko Jergović.

Es ist das leichteste Buch, ein Buch von dreihunderttausend Seiten, und keine wiegt zu schwer. Jergović weiß, was er erzählen will und wie, er erzählt es geradeheraus. Wenn er sich einmal einer Sache unsicher ist, schreibt er auch die Unsicherheit unverschleiert auf. Er nennt die Dinge beim Namen und nicht beim Symbol, Bilder setzt er sparsam ein, da ist kein sprachlicher Firlefanz, keine Formulierungen der Art von "vielfältigen Handlungszweigen, die Knospen treiben und sich verästeln".

Das ist ein Buch über die Stubler-Sippe, mit Karlo Stubler beginnt alles, einem Deutschen aus dem rumänischen Banat, der nicht an Gott glaubt und niemals im Kino war, und das ist ein Buch über seinen Sohn, den zweimal unglücklich verliebten Rudi – einmal ist es die eigene Cousine, ein anderes Mal eine junge Frau aus einer muslimischen Familie.

"Warum hassen sie uns so?", fragt Karlo Stubler, nachdem die Verwandtschaft der jungen Frau erklärt, sie gäben sie lieber dem Tod als einem Mann, der einer anderen Religion angehört. Und damit ist auch schon so einiges Tragische gesagt darüber, wie religiöser Hokuspokus, Fremdbestimmung und Abgrenzung dem möglichen Glück im Weg stehen und das Schicksal des ethnischen und konfessionellen Mosaiks "Balkan" prägen.

Rudi verbringt seine Zeit am liebsten in Caféhäusern, ein zarter Feigling, der an die Front gelangt, die deutsche Abstammung bestimmt die Seite, auf der er kämpfen soll. Rudi entkommt dem Tod knapp mit einer Schuhschachtel unterm Arm, in der nichts oder vielleicht alles steckt.

Das ist ein Buch über das Vielleicht, die Geschichte der Familie Stubler ist eine Spekulation, die Mutmaßung methodisch, auch die Mutmaßung über das, was verloren gegangen ist, was mit in den Tod genommen wurde. Jergović scheint es eher um Möglichkeiten als um Tatsachen zu gehen. Er sagt "Ich weiß es nicht" und überbrückt das, was er nicht weiß, mit einem erfundenen Lebenslauf, einer Stimme aus dem Grab, einer Anverwandlung, und manchmal heißt es trotz alldem abschließend: "Ich weiß es nicht." Das meint er dann wirklich so. Vielleicht.

Denn das ist auch ein Buch über die Unmöglichkeit autobiografischen Erzählens, über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten biografischer Fiktion und wie kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, als auch in Sarajevo alles entschieden war, zwei Wehrmachtssoldaten einen Tag lang aus Tante Doležals Wohnung die Stadt durch Ferngläser beobachten und sich unnütze Notizen machen. Jergović weiß nicht, was sie gesehen haben. Tante Doležal wird Kaffee servieren, in dem sie neben der gebrannten Gerste auch ein paar echte Bohnen vermutet, sie wird es versäumen, die Soldaten nach ihren Namen zu fragen.