Nicht immer geht es in der Wissenschaft mit rechten Dingen zu. Es gibt Plagiatsskandale, hochgejazzte Forschungsergebnisse, unlautere Kungeleien. Mit Fehlverhalten transparent umzugehen gehört zur Kernaufgabe aller Forschungseinrichtungen, um ihre gesellschaftliche Integrität zu wahren. So weit die Theorie.

In der Praxis, so fand der Wissenschaftsrat vor drei Jahren in einer Umfrage heraus, kennt nicht einmal die Hälfte aller Fakultäten in Deutschland die "Regeln guter Wissenschaft", einen Leitfaden der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Darin fordert sie etwa dazu auf, Whistleblower zu schützen, und analysiert Interessenkonflikte von Gutachtern. Bislang fungieren zu diesen Themen Ombudspersonen an fast allen Hochschulen als neutrale Ansprechpartner. Sie nehmen Vorwürfe auf und leiten Verdachtsfälle an Kommissionen weiter, die gesondert ermitteln und gegebenenfalls Sanktionen empfehlen.

Die Empfehlung des Wissenschaftsrates lautete 2015, eine nationale Plattform zur wissenschaftlichen Integrität zu schaffen, in der Fehlverhalten bundesweit dokumentiert und einheitliche Sanktionsformen entwickelt werden. Maximale Transparenz, das war die Ansage: In Zeiten, in denen die öffentliche Skepsis gegenüber hermetischen Forschungseinrichtungen wächst, könne man sich den Eindruck einer unredlichen Wissenschaft nicht leisten.

Was ist aus dem Vorschlag des Wissenschaftsrats geworden? Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hat sich gegen eine solche Plattform entschieden. Beschlossen wurde das bereits Ende 2016. "Intern", wie es von der Allianz heißt – die übrigens in der Szene nicht zufällig als "Fürstenrunde" firmiert, in der man die Dinge gerne unter sich ausmacht. Öffentlich wird diese Entscheidung erst jetzt. "Um eine neue Einrichtung zu rechtfertigen, wäre ein klarer Mehrwert nötig. Einen solchen haben wir nicht gesehen", erklärt Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und Allianz-Sprecher. Die existierenden "Strukturen" würden "gut funktionieren", das überregionale, ehrenamtliche Ombudsgremium für die Wissenschaft sei von drei auf vier Personen verstärkt und mit einer Geschäftsstelle versehen worden. "In den Debatten zur Integrität in der Wissenschaft schwingt oft mit, die Wissenschaftseinrichtungen würden hier nicht genügend tun. Das sehe ich nicht so", sagt Wiestler.

Wann wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt, bleibt also auch künftig die Hoheitsentscheidung von Unis und Instituten. Damit hat der Wissenschaftsrat zwar kein Problem. Seine Vorsitzende Martina Brockmeier betont aber, dass endlich die "erforderlichen Ressourcen zur Verfügung stehen" müssten, um Ombudsleute zu vernetzen und institutionsübergreifend in allen Fächern klare Grenzen zwischen guter und schlechter Wissenschaft zu ziehen. Das sagt auch Stephan Rixen, Sprecher des DFG-Ombudsgremiums – dieses könne den zusätzlichen Aufgaben, die sich der Wissenschaftsrat vorstellt, nur gerecht werden, "wenn unsere Geschäftsstelle personell deutlich aufgestockt wird".

In Wahrheit ist die Krux aber nicht das Geld. Eine zentrale Integritätsplattform scheint für die Allianz der Wissenschaftsorganisationen in Wahrheit aus Autonomiegründen undenkbar: jedem Fürst sein Fürstentum.

Beschädigte Integrität allerdings kennt keine Institutionengrenzen. Sie wird gemeinhin kollektiviert.