DIE ZEIT: Vielen Menschen macht die Gegenwart Angst. Ihnen beiden offenbar nicht. Sie, Frau Knapp, beschreiben, "warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind"; Sie, Frau Dische, haben nach der Wahl von Donald Trump in der ZEIT lauter Gründe aufgezählt, "warum wir Amerikaner uns über Trumps Sieg nicht allzu sehr grämen müssen". Was finden Sie denn daran gut?

Irene Dische: Zum Beispiel, dass plötzlich die russischen Witze wieder aufblühen. Der letzte, der mir zu Ohren kam, stammte aus der Zeit der Perestroika. Nun erzählt man sich wieder solche Witze – nur geht es jetzt um Trump. Er und die alten Herren, die er um sich versammelt – das hat etwas Politbürohaftes an sich.

ZEIT: Ist das der Galgenhumor der Verzweiflung?

Dische: Also, ich bin nicht verzweifelt. Ganz anders als die Freunde aus New York, die mich kürzlich angerufen haben. Sie sagten, sie würden nun die nächsten vier Jahre keine Zeitung mehr lesen. Wegen Trump. Das geht doch nicht.

Irene Dische pendelt als Schriftstellerin zwischen Berlin und den USA und versteht es, Schweres heiter zu behandeln, etwa Erlebnisse der Nazizeit in "Großmama packt aus". © Katja Lenz / ddp

Natalie Knapp: Ich verstehe schon, wenn derzeit jemand beschließt, nicht mehr jede einzelne Nachricht und jeden Tweet zu verfolgen. Man kann die Weltlage auch eher mit Distanz, wie mit einer Art Weitwinkelobjektiv betrachten. Für mich ist das aber keine Resignation, sondern gerade eine Möglichkeit, handlungsfähig zu bleiben.

ZEIT: Was ist denn das Wertvolle für Sie an solch unsicheren Zeiten?

Knapp: Für mich ist Unsicherheit eine Voraussetzung für viele wertvolle Dinge. Nehmen Sie nur die Hoffnung. Gerade weil die Zukunft ungewiss ist, darf man Dinge erhoffen, die rational nicht erwartbar sind. Wäre die Zukunft festgelegt, gäbe es weder dieses Element der Hoffnung, noch hätten unsere Entscheidungen irgendeinen Sinn.

ZEIT: Derzeit sieht die Zukunft nicht sehr heiter aus: Trump, Terror, Klimawandel – macht Ihnen das keine Angst?

Natalie Knapp lebt als Philosophin und Autorin in Berlin. In ihrem jüngsten Buch erklärt sie, "Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind". © Julia Baier/laif

Dische: Oh, come on! Solche Ängste gab es doch immer! Seit ich denken kann, höre ich von dieser Angst vor der Zukunft. Ich fühle mich eher wie jemand, der sehr viel im Lotto investiert hat und jetzt die Angst hat, nicht zu gewinnen. Der Einsatz ist sehr hoch. Was wird geschehen? Wird es eine neue politische Bewegung geben – oder nicht?

Knapp: Das ist eben keine Angst, sondern: Unsicherheit. Angst setzt ein emotionales Selbstverteidigungsprogramm in Gang, das für rationale Argumente kaum noch zugänglich ist. Unsicherheit hingegen führt zu einer Art hellwacher Spannung. Das mag sich unangenehm anfühlen, ist aber die Grundstimmung von Kreativität.

ZEIT: In Ihrer Familiengeschichte, Frau Dische, gab es ausreichend Grund für Ängste aller Art. Ihre Eltern mussten vor den Nazis flüchten, Ihr Vater war der einzige Überlebende seiner jüdischen Familie. Was Sie in Ihrem Buch Großmama packt aus erzählen, ist eine Ansammlung von Katastrophen. Zugleich ist es eine heitere Lektüre. Man spürt da eine stählerne Heiterkeit, die sich nicht beirren lässt und den Glauben an das Gute bewahrt.

Dische: Ja, meine Eltern haben schreckliche Dinge durchgemacht. Aber sie haben nie darüber geklagt. Das war für mich eine Lehre. Wer wirklich Schlimmes erlebt hat, klagt selten darüber. Jene Menschen dagegen, die ständig rumjammern, haben oft keine wirklich schlimmen Probleme. Diese Larmoyanz ertrage ich schwer.

ZEIT: Sie erzählen in Ihrem Buch, wie Ihr Kindermädchen Friedel Sie immer in den Wandschrank sperrte. Aus heutiger Sicht würde man sagen: Das war Kindesmisshandlung. Ein Wunder, dass Sie nicht schwer traumatisiert sind.

Dische: Eigentlich war vieles noch schlimmer, als ich es beschrieben habe. Unsere Kinderfrau war wirklich sadistisch. Aber wir haben gelernt, das Beste daraus zu machen. Eines Sommers waren wir mit ihr drei Monate allein in einem Strandhaus. Jeden Nachmittag zwang sie uns, zwei Stunden im Bett zu liegen, ohne Bücher oder sonstige Ablenkung. Sie wollte ihre Ruhe haben. Aber an meinem Fenster war ein Rollo angebracht, durch das die Sonne schien. Da lernte ich, dass ich auf diesem Rollo, wie auf einer Leinwand, Filme sehen konnte.

ZEIT: Filme?

Dische: Ja, die habe ich mir einfach vorgestellt. Ab da sah ich jeden Nachmittag zwei Stunden lang Filme. Heute denke ich: Ähnliches passiert häufig in Kirchen. Stundenlange Gottesdienste machen die Leute durch Zwangslangeweile kreativ. Denn Langeweile ist der erste Baustein der Kreativität.