Das Ehepaar aus Berlin, das in Südtirol Urlaub macht, will auf den Berg. Es sitzt im Lift, die schweren Wanderschuhe an den Füßen, die Wanderstöcke im Schoß, der Mann hat den Wanderrucksack auf seine Oberschenkel gestellt. Eine anstrengende Zeit liegt hinter den beiden, vor allem die Frau hatte viel Stress im Job, war häufig unterwegs, hat viel gesessen und geredet. Da tun die Berge gut, die Bewegung, die frische Luft.

Das Ehepaar aus Berlin, das Urlaub macht wie viele andere, ist kein normales Ehepaar. Doch wie bei allen normalen Leuten sagt die Art, wie sie ihre Freizeit verbringen, viel über ihren Charakter aus.

Angela Merkel ist Bundeskanzlerin. Dieser Satz ist immer noch wahr. Sieht man sie mit ihrem Mann Joachim Sauer im Tiroler Lift sitzen, wirkt es, als sei auch ein anderer Satz wahr, der Spitzenpolitikern nicht häufig zugeschrieben wird: Angela Merkel kann loslassen.

Wenn Merkel im Urlaub ist, streift sie ab, was die Macht von ihr verlangt, zumindest äußerlich. Die Hosenanzüge bleiben zu Hause, geschminkt wird kaum bis gar nicht (so sieht es zumindest aus). Dafür kommen Sachen mit, die jedes Jahr dabei sind: ein schwarzer Pullover, ein rot-weißes Hemd, eine Dreiviertelhose, die Wanderschuhe, dazu eine beigefarbene Kopfbedeckung, die die Bild-Zeitung das "Kanzler-Käppi" nennt. Und unter dem Kanzler-Käppi diese Frisur! Angelehnt an den Topfschnitt der Beatles, weckt sie Erinnerungen an eine fern wirkende Zeit, in der Angela Merkel noch nicht als "Retterin der westlichen Welt" angefleht wurde, sondern eine ehrgeizige junge Frau war, der viele die Weltpolitik nicht zutrauten – auch wegen ihres Auftritts mit dieser Frisur.

Angela Merkel hat sich verändert. Sie trägt bei der Arbeit feine Garderobe, perfekt auf die Figur zugeschnitten, und ihr Haar hat deutlich an Volumen gewonnen. Wenn sie in den Urlaub fährt, demonstriert sie aber: Die Veränderungen sind nur Veränderungen, die ihr Job mit sich bringt. Wenn sie für sich ist, bleibt sie die Alte. Dann zeigt sie es den Nörglern und Lustigmachern und Gehässigen, indem sie ihre Haare wieder genauso zotteln lässt wie am Anfang ihrer Karriere.

Merkel ist stur, Merkel harrt aus. Dieses Ausharren hat Wirkung: Die Ferienfotos der Kanzlerin, über die sich die Nation in den ersten Jahren süffisant amüsierte ("Diese Frau hat einfach keinen Stil"), beruhigen in ihrer Gleichförmigkeit. Merkel bleibt Merkel. Sie planscht nicht fotogen in den Wellen vor Hawaii (Obama), holt zum Abreagieren nicht den Golfschläger raus (Trump) oder verzichtet komplett auf Erholung, um der Nation zu demonstrieren, wie wachsam und eisern ein Staatsoberhaupt zu sein hat (Putin).

Sie fährt dorthin, wo sie immer hingefahren ist, egal, was sonst in ihrem Leben geschieht. Und zeigt ihren Landsleuten damit auch, dass es gar nicht so wahnsinnig kompliziert sein muss mit der Work-Life-Balance, wie ständig behauptet wird. Nun gut, die Kanzlerin wird von einem mobilen Kanzlerbüro begleitet. Aber wenn es selbst diese Frau schafft, drei Wochen im Jahr ein wenig abzuschalten, dann sollte es doch jedem normalen Angestellten gelingen, das E-Mail-Postfach mit einer Abwesenheitsnotiz zu versehen und das Smartphone nur als Fotoapparat zu nutzen, oder?

Das Ausharren der Angela Merkel hat allerdings nicht nur eine volkspädagogische Komponente. Es hat nach all den Jahren noch eine andere Wirkung, eine wahrscheinlich völlig unbeabsichtigte. Angela Merkel ist ihrem Kleidungs- und Frisurstil so lange treu geblieben, dass sie nun in einen Bereich vordringt, der als modische Avantgarde bezeichnet werden kann.

Abwegig? Ganz und gar nicht!

Man schaue nur auf die Füße und die Köpfe der Hipster in New York und Berlin. Wenn die Sonne nicht vom Himmel brennt (und wann tut sie das schon), sieht man durchaus das eine oder andere Paar klobiger Wanderstiefel. Und das Modell "Kanzler-Käppi" war so lange out, dass es mittlerweile den Weg zurück in die Popkultur gefunden hat. Die Hipster tragen die Kappen derzeit zwar lieber falsch herum, mit dem Schirm im Nacken. Dazu wird man Angela Merkel nicht bringen können. Aber diese Burschen werden sicher bald verstehen, dass der geradlinige Kanzlerinnen-Look der coolste ist.