In Deutschland wie auch in anderen Industrienationen hat sich die Art und Weise, wie die Menschen arbeiten, radikal verändert. Vor 15 Jahren arbeiteten deutlich weniger Menschen in Teilzeit, befristeten Arbeitsverhältnissen, Minijobs oder als Selbstständige. Auch die Zahl der Vollzeitstellen ist in jüngerer Vergangenheit gestiegen, aber für die Zunahme der Beschäftigungszahlen in Deutschland sind vor allem die Teilzeitstellen verantwortlich. Die haben sich seit 2000 verdoppelt und machen inzwischen 27 Prozent aller Beschäftigungsverhältnisse aus. Diese Verlagerung hat gewaltige Folgen für das Wohlergehen der Menschen, aber auch für Deutschlands Sozialstaat und dessen Zukunft.

In der neuesten Phase dieses Trends finden immer mehr Menschen Arbeit in der "digitalen Wirtschaft", meist über Plattformen im Internet. Einige Menschen arbeiten als Freiberufler von zu Hause aus, andere sitzen in den vielen Coworking-Spaces, die sich in Berlin, Hamburg oder München ausgebreitet haben. Sie haben keinen festen Arbeitsplatz, keinen festen Arbeitgeber und keine festen Arbeitszeiten.

Einige werden als "Klickarbeiter" bezeichnet und arbeiten für jeden, der ihre besonderen Fähigkeiten in Anspruch nehmen will, sei es Softwareentwicklung, Programmieren, Datenmanagement, Web- und Grafikdesign, Übersetzen oder Lektorieren. Viele arbeiten gleichzeitig für mehrere Firmen und müssen dabei ständig diverse Jobs jonglieren. Manche arbeiten Vollzeit, andere Teilzeit. Ein Auftrag kann einige Stunden, Tage oder sogar Wochen dauern.

Auch andere Berufsfelder werden von "Disruptionen" heimgesucht. Dabei geht es zum Beispiel um das Ausliefern von Lebensmitteln, Haushaltsdienstleistungen und Wohnungsvermietungen. Diese Branchen arbeiten heute mit "Plattform-Arbeitern", die die Aufträge der Kunden aufs Smartphone oder über das Internet zugeschickt bekommen. Die meisten dieser "Plattform-Arbeiter" verbringen viel unbezahlte Zeit mit der Suche nach dem nächsten Job und erhalten nur wenig an Sozialleistungen. Ihre Löhne variieren berufsabhängig sehr stark – wer in der IT-Branche arbeitet, kann viel verdienen, andere schaffen es kaum über den Mindestlohn.

Insgesamt ist die Arbeitnehmerschaft zusehends komplexer geworden. Viele Arbeitnehmer wechseln im Laufe ihres Lebens zwischen unterschiedlichen Arbeitsformen hin und her – von der Selbstständigkeit auf eine befristete Stelle, von Vollzeit zu Teilzeit, zu Werkvertrag, zu Subunternehmer und wieder zurück. Immer mehr Arbeitnehmer stocken ihre Einnahmen inzwischen mit einer zweiten, dritten oder vierten Anstellung auf. Tatsächlich hat sich laut Eurostat die Zahl der Deutschen, die zwei Jobs gleichzeitig ausüben, in den vergangenen zehn Jahren von 1,2 Millionen auf 2,2 Millionen Menschen nahezu verdoppelt.

Firmen mögen es, Freiberufler unter Vertrag zu nehmen, denn das senkt ihre Arbeitskosten um 25 bis 30 Prozent. Die Firmen müssen nicht für die Gesundheitsversorgung aufkommen, für die Rente, für Krankengeld, für Urlaub, und sie müssen auch nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen. Selbstständige Frauen haben keinen Anspruch auf Mutterschutz. Freiberufler sind gesetzlich verpflichtet, sowohl ihren Anteil als auch den Arbeitgeberanteil an die Krankenkasse abzuführen. Das entspricht mindestens 14,6 Prozent ihres Lohns. Bei einigen Freiberuflern mit geringem Einkommen können es sogar bis zu 46,5 Prozent sein.

Wenn so viele Beschäftigungsformen ineinanderfließen, verkompliziert das die Einhaltung der Arbeitsgesetze. In diversen Untersuchungen wurde weitverbreiteter Missbrauch festgestellt. Viele Unternehmen beschäftigen Mitarbeiter, die eigentlich wie Arbeitnehmer für sie tätig sind, als Freiberufler, um ihre Sozialleistungen zu verringern und sich vor rechtlichen Verpflichtungen zu drücken. In vielen Fällen handelt es sich also um eine "Scheinselbstständigkeit".

Offiziell werden etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen als "selbstständig" geführt, aber die Auswirkungen auf die Wirtschaft gehen weit darüber hinaus. Erschwert wird die Sache noch dadurch, dass es innerhalb der digitalen Wirtschaft viel einfacher ist, anstelle von fest angestellten Arbeitnehmern Freiberufler zu lokalisieren und vorübergehend unter Vertrag zu nehmen. Dennoch bagatellisieren viele deutsche Führungspersönlichkeiten dieses Thema. Sie behaupten, der Anteil der Klickarbeiter und Plattform-Arbeiter an der gesamten deutschen Arbeitnehmerschaft sei nicht groß genug, um Anlass zur Besorgnis zu geben.

Das heikle Gleichgewicht zwischen Solidarität und Mitbestimmung

Die digitalen Freischaffenden sind nur schwer greifbar. Ihre Arbeit lässt sich statistisch kaum erfassen. Es kann durchaus sein, dass die offiziellen Zahlen zu niedrig sind. Laut einer Studie des McKinsey Global Institute ist der Prozentsatz der Deutschen, die "unabhängig" vom traditionellen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis arbeiten, nahezu doppelt so hoch wie der von der Regierung geschätzte Wert. Die Zahl deutscher Klickarbeiter beispielsweise, die auf der amerikanischen Plattform Upwork nach Aufträgen suchen, ist allein in den neun Monaten bis Juli 2017 auf 59.000 gestiegen. Von dieser Gruppe haben im Juli 22.400 Aufträge erhalten.

Und das ist nur eine Online-Jobbörse, es gibt Dutzende davon. Verschiedenen Studien zufolge verdienen zwischen ein und zwei Millionen Deutsche (2,3 bis 4,6 Prozent aller Arbeiter) auf diesen Plattformen Geld. Nach vorläufigen Zahlen einer aktuellen Umfrage, die vom Bundesministerium für Arbeit in Auftrag gegeben wurde, haben im vergangenen Jahr 3,1 Prozent der Arbeiter auf diesen Plattformen Einkünfte erzielt.

Noch beunruhigender ist ein anderer Umstand: Wenn diese Arbeiter von Firmen oder Privatkunden aus anderen Teilen der Welt beschäftigt werden, melden die Auftraggeber den deutschen Behörden oftmals nicht, wie viel Geld an wen geflossen ist. Und auch die einzelnen Arbeiter verschweigen vermutlich einen Großteil dieser "unterhalb des Radars erzielten" Einkommen. In einem Bericht für die Europäische Kommission wirft Professor Gerhard Bäcker von der Universität Duisburg-Essen die Frage auf: "Wie lässt sich das Einkommen von Klickarbeitern erfassen?"

Eine schwierige Frage. Nach meinen Berechnungen bleiben jährlich Einnahmen von ungefähr vier Milliarden Euro unversteuert, und den Krankenkassen entgehen 600 Millionen Euro. Und je mehr digitale Freischaffende auf diesen Online-Plattformen Arbeit finden, desto mehr Geld fehlt dem Staat für das Bildungswesen, das Transportwesen, den Gesundheitsbereich und die Energiewende.

Es steht viel auf dem Spiel. Wird der Trend hin zu mehr Teilzeit und mehr Selbstständigkeit nicht in die richtigen Bahnen gelenkt, erwächst daraus eine Gefahr für die Zukunft. Nicht nur werden dem Sozialstaat Einnahmen entgehen, es werden auch die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung und das heikle Gleichgewicht zwischen Solidarität und Mitbestimmung zerfallen.

Was für die Vereinigten Staaten und andere Industrienationen gilt, gilt ebenso für Deutschland: Man muss besser darin werden, die Daten zu erheben, die erforderlich sind, um die vielen unterschiedlichen Wege zu erfassen, wie Menschen heutzutage arbeiten. Zusätzlich schlage ich die Schaffung eines flexiblen Wohlfahrtsnetzes für alle bislang ausgeschlossenen Freiberufler vor.

Dies ließe sich zum Beispiel erreichen, indem man die Künstlersozialkasse erweitert. Dieses System war ursprünglich dafür geschaffen worden, Freiberufler, die bestimmte Aufgaben von zu Hause erledigen oder als Künstler, Musiker und Journalisten ihr Geld verdienen, krankenzuversichern und sozial abzusichern.

Wie bei regulären Arbeitnehmern auch müsste jedes Unternehmen anteilig Sozialversicherungskosten bezahlen, ähnlich wie die Arbeitenden auch. Dieses Geld würde dazu dienen, ein Sicherheitsnetz für die Arbeitenden aufzuspannen. Dadurch würde Deutschland das Schlupfloch der Scheinselbstständigkeit schließen – denn wollte ein Unternehmen einen Freischaffenden beschäftigen, könnte es die Sozialabgaben nicht länger umgehen. Menschen wiederum, die Gefallen an flexiblen Arbeitsbedingungen finden, müssten ihrerseits nicht zwangsläufig auf Sicherheit verzichten und umgekehrt. Das würde viel dazu beitragen, die Arbeitnehmerschaft und die deutsche Wirtschaft besser auf das digitale Zeitalter vorzubereiten.

Aus dem Englischen von Matthias Schulz