Es sind die Teeblätter auf der Schnauze eines Hundes, die Arundhati Roy zur Dichterin machen. Im zweiten Kapitel ihres neuen Romans unterhalten sich zwei ihrer vom Schicksal zerzausten Helden auf dem Dach eines höchst plan- und regelwidrig errichteten Hauses auf einem muslimischen Friedhof in der Altstadt von Delhi. Bei ihnen sitzt Biroo, ein zugelaufener Beagle, der sich angewöhnt hat, alles zu fressen, was seine Herrin isst, von frittierten Teigwaren bis zu süßen Desserts: "Es war schlecht für seinen Körper, aber ausgezeichnet für seine Seele." Diesmal bekommt der Hund eine Pfütze Tee vorgesetzt, dann wird ausführlich vom brutalen Lynchmord an einem unschuldigen Mann aus der untersten indischen Gesellschaftsklasse erzählt. Als es zu heiß wird, beenden die Gesprächspartner ihre Unterhaltung auf der Dachterrasse, und auch der Hund verabschiedet sich: "Biroo schlürfte den Rest kalten Tees auf der Untertasse und trottete mit gekochten Teeblättern auf der Schnauze davon."

Roy ist eine weltberühmte Kapitalismuskritikerin, und ihr Roman Das Ministerium des äußersten Glücks ist bis zum Platzen vollgestopft mit Protest gegen die Ungerechtigkeit der indischen Gesellschaft und unserer Zeit überhaupt. Aber obwohl sie so stark mit dem Schicksal der Menschheit beschäftigt ist, sieht sie die Teeblätter an der Schnauze des Beagles Biroo und vergisst sie nicht. Dass man sich dem allgemeinen Verderben entgegenstemmt, heißt nicht, dass man einen Straßenköter ignorieren dürfte. Wenn ein Käuzchen, das auf einer Straßenlaterne sitzt, "mit der Eleganz und den tadellosen Manieren eines japanischen Geschäftsmannes" den Kopf neigt, dann lässt Roy das Bild nicht einfach liegen, sondern reicht es weiter, an die Frau, die von ihrem Zimmer aus den Vogel im Blick hat: "In manchen Nächten nickte sie ebenfalls und sagte, Moshi , Moshi . Mehr Japanisch konnte sie nicht." Auf beinahe jeder Seite findet sich diese Poesie des Details, finden sich Humor und Genauigkeit und Liebe. Und deswegen ist Das Ministerium des äußersten Glücks nicht bloß Propaganda oder Engagement, sondern Dichtung.

Man muss sich diese Kleinigkeiten der Kunst besonders bewusst machen bei dem interkontinentalen Hype, der die Veröffentlichung dieses Buchs umgibt. Dass ein Werk "lange erwartet" wurde, ist normalerweise eine hohle Verlegerphrase, hier wäre es eine unverschämte Untertreibung. Arundhati Roys erster Roman, Der Gott der kleinen Dinge, der 1997 erschien, war eine Sensation und hat seine Autorin auf einen Schlag zum globalen Star gemacht. Das Buch war exotisch und universal zugleich, eine aus der Kinderperspektive erlebte Romeo-und-Julia-Tragödie in einem blühenden, aber von potenziell tödlichen Kastengrenzen durchzogenen Südindien. Roy hat danach zwanzig Jahre lang keine erzählende Literatur mehr veröffentlicht, sondern nur noch politische Essays: publizistische Nebenprodukte einer nimmermüden Aktivistinnenbiografie, in der sie den Imperialismus von George W. Bushs USA angriff und den indischen Staat wegen seiner Atomrüstung oder seiner rücksichtslosen Staudammprojekte attackierte.

Roy wurde eine Ikone der Anti-Globalisierungs-Bewegung. In Indien ist sie bei den aggressiven Nationalisten verhasst, die in ihr eine Sympathisantin von kommunistischen Rebellen und von militanten Separatisten in der Provinz Kaschmir sehen. Aber niemand kann an ihrer Identifikation mit ihrem Land zweifeln, altmodisch gesagt: an ihrem Patriotismus. Salman Rushdie, mit dessen Mitternachtskindern 1981 die weltweite Erfolgsgeschichte der modernen indischen Literatur begann, hat sein Leben überwiegend in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten verbracht. Arundhati Roy, die ohne Probleme in London oder New York ein glamouröses Großautorendasein führen könnte, ist immer in Indien wohnen geblieben und hat mit ihren Protesten und Provokationen ihre indische Bürgerpflicht erfüllt.

Tatsächlich lässt sich Das Ministerium des äußersten Glücks auch als ein Stück subversiver, gegen den Strich gebürsteter Heimatliteratur lesen. Der erste Teil spielt in den schmalen Gassen und halb verfallenen Häusern von Alt-Delhi, in einer Welt von kleinen Händlern und volkstümlichen islamischen Pilgerstätten, die um jahrhundertealte Heiligengräber herum entstanden sind. Die zentrale Figur ist Anjum, eine Hijra, wie in Indien alle Spielarten des "dritten Geschlechts" von Transvestiten, Hermaphroditen oder Transgender-Personen genannt werden.

Hijras sind Außenseiter, aber auch für sie gibt es eine traditionelle Rolle und Lebensform, in einem eigentümlichen Grenzbereich von Entertainment, Spiritualität und Prostitution. Es ist eine solche Hijra-Kommune, in der Anjum, vor deren Anderssein ihre Eltern hilflos stehen, Unterschlupf findet. Bis sie es auch in dieser immer noch irgendwie konventionellen Parallelgesellschaft nicht mehr aushält und sie auf jenen Friedhof zieht, auf dem sie dann den Beagle Biroo mit unbekömmlichen Leckereien füttert. Nach und nach sammelt Anjum dort eine exterritoriale Zwergrepublik von Streunern und Aussteigern um sich. Eine Gegenwirklichkeit nicht nur zum alten, konservativen, sittenverklemmten, sondern ebenso zum neuen, modernen, effizienten Indien mit seinen computerisierten Bürojobs, seinen Shoppingmalls und seinem rekordmäßigen Wirtschaftswachstum. Auch zur linken Emanzipationsmoderne: Mit besonderer Skepsis betrachtet Anjum eine jüngere Hijra-Kollegin, die in Gender-Rechte-Gruppen mitarbeitet, von sich selbst als "Transperson" spricht und der Liebling der Medien ist. In der Roy-Welt findet man sein Glück in der Anarchie, nicht in einer fortschrittlichen Normalität.

Die Temperatur ist immer zu hoch, die Distanz zu gering

Wie mit Fenstern, die sich auf eine Katastrophenlandschaft öffnen, ist die Erzählung durchbrochen von Ausblicken auf die sozialen Grausamkeiten, die Arundhati Roy an ihrem Land entsetzen und empören: die Gewalt gegen Dalits, die immer noch diskriminierten früheren "Unberührbaren" der Kastenordnung; die Religions-Unruhen 2002 im Bundesstaat Gujarat, bei denen mehrere Hundert Muslime von Hindu-Mobs umgebracht wurden, ohne dass die Polizei wirksam dagegen eingeschritten wäre; die Rechtlosigkeit der Adivasi, der Stammesbevölkerung, die von Bergbaugesellschaften und ihren regierungsamtlichen Komplizen um ihre an Bodenschätzen reiche Heimat gebracht wird. In den späteren Kapiteln des Romans tritt eines dieser politischen Themen in den Vordergrund: Rebellion und Repression in Kaschmir, der Region im Norden des Landes, wo in den 1990er Jahren ein blutiger Konflikt zwischen militanten Unabhängigkeitskämpfern und indischen Sicherheitskräften stattfand – und wo auch heute bestenfalls eine prekäre, von der überwältigenden Präsenz der Staatsmacht erzwungene Ruhe herrscht.

Roy spiegelt das Kaschmir-Drama in der Geschichte von vier Freunden aus der Studentenzeit: drei Männern und einer Frau, in die sie alle verliebt sind. Die Erzählung wird jetzt verwickelt, die atmosphärische Intensität des paradoxen Delhi-Heimatromans geht verloren. Die drei Männer fächern das politische Spektrum auf. Der erste ist ein Beamter des Inlandsgeheimdienstes, in Kaschmir für die Aufstandsbekämpfung mitverantwortlich. Der zweite ist ein kritischer Journalist, der in einer Mischung aus Spielertum und Eitelkeit auf die Seite des Establishments wechselt und zum Informanten wird. Der dritte ist ein Milizenführer im Kampf gegen den indischen Staat. Der Guerillero wird ein bisschen reichlich romantisiert – von Tilottama, der Frau in dem Quartett, aber auch von der Autorin, die mit Tilottama auffallende biografische Gemeinsamkeiten verbinden. Doch besitzt Arundhati Roy die Größe, auch aus dem Geheimdienstler kein Monstrum zu machen; er ist ein aufgeklärter, leicht melancholischer Unterdrücker, der sich am Ende sogar von der Repressionspolitik abwendet (allerdings erst nachdem er wegen eines Alkoholproblems entlassen wurde). Da sind wir schon in den letzten Kapiteln des Romans, in denen so etwas wie die Stimmung eines schrägen Happy End aufkommt. Tilottama zieht auf Anjums Friedhof und in ihre Nonkonformistengemeinschaft, mit einem Findelkind als neuem Lebenszweck. Es ist im Grunde ein Märchenschluss.

Wer ein Buch mit dem Titel Das Ministerium des äußersten Glücks in die Hand bekommt, wird sofort denken: Das kann doch nur ironisch gemeint sein, das ist Satire. Doch Arundhati Roy ist es mit dem Glücksthema, mit dem Glücksverlangen vollkommen ernst. Die Schwächen ihres Romans und auch ihres Aktivistinnentums hängen genau damit zusammen: Ihr Bewusstsein der permanenten, brutalen Glücksverweigerung in Indien und sonst auf der Welt ist so scharf, dass die Dokumentation von Unmenschlichkeiten den Erzählfluss verstopft und die moralische Empörung die politische Analyse überwältigt. Als Hoffnungsperspektive bleibt nur noch eine exzentrische Aussteiger-Utopie. Arundhati Roys publizistische Aufschreie gegen den Überwachungsstaat oder die multinationalen Konzerne sind keine schlüssige Gesellschaftskritik, und Das Ministerium des äußersten Glücks ist kein gelungener Roman. Die Temperatur ist immer zu hoch, die Distanz zu gering.

Aber es steckt zugleich etwas Großes und Richtiges in dieser Naivität, in der rückhaltlosen Öffnung der moralischen und künstlerischen Tore. Nicht zufällig lebt Arundhati Roy in Indien und ist Das Ministerium des äußersten Glücks ein Indien-Roman. Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks
Roman; aus dem Englischen von Anette Grube; S. Fischer, Frankfurt/M. 2017; 560 S., 24,–€

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