Als ich Remo Largo auf dem Platz vor dem Fraumünster in Zürich entdecke, kriege ich plötzlich ein bisschen Angst. Er sitzt da lang gestreckt und lässig auf einem Stuhl, eine große Pilotenbrille verbirgt die Augen, sein Gesicht zeigt keine Regung. Auch als wir uns begrüßen, lächelt er nicht. Und ich denke auf einmal: Shit. Vielleicht ist der gar nicht nett. Vielleicht werde ich den nicht mögen. Was irgendwie schlimm wäre. Weil ich Remo Largo schon länger beinahe blind vertraue, und zwar in einer unglaublich wichtigen Sache: wenn es um die Entwicklung meiner Tochter geht, die vor etwa einem halben Jahr zur Welt kam.

Babys sind wundervoll, dass sie nicht sprechen können, macht das Zusammenleben mit ihnen allerdings bisweilen kompliziert. Eltern müssen ständig raten, was gerade los ist, ob das jetzt normal ist oder schlimm, ob was fehlt, wenn ja, was. Man wünscht sich eine Gebrauchsanweisung. Meine Frau und ich haben auch eine. Sie heißt: Babyjahre, der Autor ist: Remo Largo, 73, Schweizer Kinderarzt und Professor für Kinderheilkunde. Babyjahre ist 1993 erschienen und hat sich seither mehr als eine Million Mal verkauft. Es haben vermutlich nur wenige Menschen solchen Einfluss auf die Kindererziehung in Deutschland wie Remo Largo. Ganz sicher jedenfalls hat niemand außerhalb unserer Familie so viel Einfluss auf die Erziehung meiner Tochter wie dieser Mann.

Babyjahre erklärt, wie kleine Kinder sich im Allgemeinen entwickeln. Was sie dafür brauchen, wie man es ihnen geben kann. Zugleich macht das Buch deutlich, dass jedes Kind einzigartig ist. Weshalb die zentrale Botschaft lautet, dass man versuchen sollte, ihm zu erlauben, es selbst zu werden. Was natürlich furchtbar human ist, aber auch wahnsinnig schwer. Man merkt als Leser übrigens sofort, dass der Autor immense Erfahrung mit Kindern hat und auch für alles Verständnis. Sogar für die Eltern. Als ich eines Nachts vollkommen fertig das Kapitel zum Schlafverhalten von Babys studierte, las ich von den "regelrechten Hassgefühlen", die übermüdete Eltern manchmal überfielen und "die sie selber zutiefst erschrecken". Ich dachte, Gott sei Dank, ich bin also kein Soziopath, sondern einfach nur Vater.

So. Und jetzt stehe ich also in der blitzblanken Altstadt von Zürich zum ersten Mal vor dem Menschen, der so etwas wie der unsichtbare Patenonkel für mein Kind geworden ist und den ich deswegen unbedingt mögen möchte. Es ist Dienstagvormittag, 11 Uhr. Remo Largo trägt ein Cordjackett, aus der geräumigen Tasche seines karierten Hemdes ragen Lesebrille, Stift und Schreibblock. Ein schmaler, braun gebrannter Mann mit Halbglatze und grauem Schnurrbart. Largos Vater kam aus Italien, von seiner Erscheinung her könnte er auch selbst auf irgendeiner Piazza sitzen neben anderen älteren Signori. Das eindrucksvollste an Largo sind die Augen, mit denen er eigenartig blitzen kann, wie ein Zuzwinkern ohne Zwinkern. Nur sehe ich die am Anfang wegen der Sonnenbrille eben nicht, und Largo wirkt so reserviert und schlägt gleich vor, ins Fraumünster zu gehen, als wolle er irgendwohin, wo es sich schlecht reden lässt. Dort erzählt er mir dann im Flüsterton vom emotionalen Gehalt des Christentums und den schönen Kirchenfenstern, auf denen Chagall das Leben Christi darstellt. Es ist, als habe er gar keine Lust, von sich zu sprechen.

In Wahrheit sollte mich das gar nicht überraschen. Ein Grund, warum ich Remo Largo so vertraue, ist ja, dass er in den Babyjahren als Autor kaum hörbar ist. Nicht einmal im Vorwort taucht ein "Ich" auf. Der Sound des Buches ist allwissend, ewig, ohne Zweifel. Dass Babyjahre von einem echten Menschen stammt, kapierte ich erst so richtig, als ich vor einer Weile in der Zeitung auf ein Interview mit Largo stieß. Er sprach über sein neues Buch, Das passende Leben, eine Art Gesellschaftstheorie auf 480 Seiten, in der er ein ziemlich harsches Urteil über unsere Lebenswelt fällt – und auf einmal dachte ich, ja, zum Teufel, den gibt’s natürlich wirklich und in echt, und was ist das eigentlich für ein Typ, dem ich so vertraue? Ich schrieb ihm. Wir verabredeten uns.

Beim Mittagessen, als es schon sehr viel leichter geht zwischen uns, erzählt mir Largo, dass er sich manchmal noch wundere, wenn Leute ihn einen "weltberühmten Kinderarzt" nennen. Er schüttelt den Kopf: "Ich war ja nie darauf aus, bekannt zu werden. Ich habe mich immer nur von meinen Interessen leiten lassen."

Als wir dann zahlen, erklärt er der Kellnerin, dass die Portion zu groß gewesen sei, aber es sei sehr gut gewesen, wirklich, und den Fisch, den habe er ganz gegessen – als hätte sie das selbst für ihn gekocht. Später dann, wir sind in sein Dorf südlich von Zürich gefahren und laufen dort an einem Nachbargrundstück vorbei, wo eine alte Dame ein Blumenbeet bearbeitet, flüstert er: "Ich spreche ab und zu mit ihr. Das ist unglaublich, was sie und ihr Mann für Kenntnisse über die Pflanzen und den Boden hier haben. Ganz alte Leute sind das, fast wie aus der griechischen Mythologie, Philemon und Baucis." Er sagt das mit einem solchen Respekt, dass man sich noch mal nach der Alten umdreht.

Mit jeder solchen Begegnung wird an diesem Tag deutlicher, wie zugewandt der Mann ist. Aber mir gegenüber taut er erst so richtig auf, nachdem er mir vorsichtig ein paar Fragen gestellt hat. Wo ich aufgewachsen bin, wo ich lebe. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihm ganz selbstverständlich Dinge anvertraue, und frage ihn, ob das nur mir so gehe. Largo lächelt. Er glaube schon, dass er ein Mensch sei, dem andere schnell viel erzählten. "Vielleicht, weil ich jeden Menschen spannend finde." Wirklich jeden? "Ja", sagt er. "Alle."