David Foster Wallace hat in seinem 1997 erschienenen Kreuzfahrtschiff-Standardwerk Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich genüsslich den Horror ausgebreitet, der den distanziert beobachtenden Passagier eines Luxusliners erwartet: Bingo und Bordgymnastik; dicke Amerikaner in kurzen Hosen; enthemmte Kleinbürger, die in fest eingeteilten Schichten zwecks Massenabfertigung durch Restaurants getrieben werden. Immerhin: Wallace ist für seine Reportage eine Woche lang durch die irdische Hölle gegangen und mitgefahren. So weit ist der Protagonist in Bodo Kirchhoffs neuem, schmalem Buch Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt noch nicht. Noch lange nicht. Er sitzt an seinem Schreibtisch und schreibt eine Mail. Die Mail ist das Buch, das wir vor uns haben. Zwischendurch steht der Mann, von Beruf Schriftsteller, immer mal wieder auf, um sich einen Whisky einzugießen. Der Tonfall wird beschwingter, die Assoziationsketten werden kühner.

Die Adressatin seiner Mail heißt Frau Faber-Eschenbach und ist die Marketing-Direktorin der Reederei Arkadia Line. Sie hat den Schriftsteller zu einer Rundreise eingeladen, von Havanna nach Havanna. Kosten, so wird ihm versprochen, fallen für ihn nicht an. Dafür hat er an Bord die Rolle des Edutainers, eine Wortschöpfung der Reederei, einzunehmen. Dem Angebot von Frau Faber-Eschenbach ist ein achtzehnseitiger Anhang beigefügt. Darin steht, was der Schriftsteller an Bord zu tun und zu lassen hat: der Reederei beispielsweise sämtliche Passagen im Voraus vorzulegen, die er bei seinen obligatorischen Auftritten an Bord vorzulesen gedenkt. Oder den zahlenden Passagieren stets den Vortritt zu lassen, sei es am Buffet, sei es bei der Auswahl der Kabine. Bei den Rettungsbooten wahrscheinlich auch, im Fall der Fälle. Besagtes Angebot muss es, glaubt man Bodo Kirchhoff, tatsächlich gegeben haben. Doch Kirchhoff macht es sich nicht so einfach, das wohlfeile Potenzial zur Realsatire anzunehmen und zu returnieren.

Die Komik dieses Buchs besteht in seiner Ambivalenz: Der Schriftsteller ist nicht nur ein Großmaul und ein Frauenfeind; er ist noch dazu ein unglaublicher Angsthase, der in seiner Vorstellung jedes denkbare Katastrophenszenario überhöht und ins Groteske wendet. Und so wird Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt nicht nur zu einem konzentrierten Text, in dem Kirchhoff die vermeintliche Realität des Luxusschiffes als eine Glücksblase, also als die eigentliche Fiktion inszeniert. Darüber hinaus gerät die Erzählung auch zu einem ziemlich bösartigen Selbstporträt des Schriftstellers als nörgelnder Bildungshuber, der nicht nur permanent Kafka-Anspielungen servieren, sondern ebendiese Anspielungen auch noch als solche kenntlich machen muss. Und das ist in der selbstironisch-leichthändigen Zuspitzung tatsächlich schrecklich amüsant.

Bodo Kirchhoff: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt.
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2017; 128 S., 18,– €, E-Book 12,99 €