Die Bundeswehr-Uni bildet in einem neuen Masterstudiengang Soldaten für den Kampf im Netz aus.

Neubiberg im flachen Süden von München: 14.000 Einwohner, bayerische Vorstadtidylle. Zwischen Feldern und Wiesen sitzt hier seit 1973 die Universität der Bundeswehr. Zäune säumen den Campus, Sicherheitskräfte überwachen den Eingang, Kameras filmen. Nur wer sich ausweist, darf herein. Die meisten der etwa 2.800 Studenten hier studieren parallel zur Offizierslaufbahn – Psychologie, Sportwissenschaft oder Informatik.

An diesem Tag Ende Juni feiert die Uni das Richtfest eines neuen Studentenwohnheims. Der Rohbau ist mit Fahnen geschmückt, Blasmusikanten spielen einen Militärmarsch. Bauschutt türmt sich zwischen Cocktailtischen, an denen Bürgermeister, Landtagspolitiker und Lokaljournalisten an Sekt Orange nippen. Mittendrin: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

Das neue Wohnheim ist dabei nur vordergründig der Anlass für den Besuch der Verteidigungsministerin. Ihre eigentliche Mission: Deutschlands Cyber-Sicherheit. Das Verteidigungsministerium investiert 160 Millionen Euro in Neubiberg – in einen neuen Studiengang, neue Professoren und eine neue IT-Infrastruktur auf dem Campus. "An einem Standort, der für die Bundeswehr schon immer Innovationsstätte war", sagt Ursula von der Leyen.

Die Ministerin braucht den Applaus, der auf diese Worte folgt. Seit ihrer Pauschalkritik über Haltungsprobleme in der Bundeswehr und nach der Affäre um einen rechtsradikalen Soldaten gilt das Verhältnis zwischen der Bundeswehr und ihrer Chefin als zerrüttet. Auch in den Jahren zuvor verbuchte von der Leyen nicht nur Positivschlagzeilen. Da gab es das Gewehr, das nicht traf, und einen Hacker-Angriff auf den Bundestag. Auch wenn von der Leyen die Nachrichtendienste nicht unterstehen, hat sich längst der Eindruck verfestigt, dass auch das Netz eine Front ist, an der die Sicherheit Deutschlands verteidigt werden muss. Seit den Skandalen um Hacker-Attacken im amerikanischen und französischen Wahlkampf erscheint ein Aufrüsten bei der Cyber-Sicherheit umso dringlicher.

Die große Investition in Neubiberg ist also auch ein Symbol. Von der Leyen will kurz vor der Bundestagswahl bloß nicht den Eindruck erwecken, Probleme zu unterschätzen. Zwar schützt seit April eine neue Cyber-Teilstreitkraft die Netze der Bundeswehr; bis 2021 soll sie 13.500 zivile und militärische Mitarbeiter haben. Doch der neuen Truppe fehlt der Nachwuchs; rund 2.000 IT-Stellen sind derzeit unbesetzt. Der neue Studiengang soll auf diesen stetig wachsenden Bedarf reagieren. Deswegen soll von den 160 Millionen in kürzester Zeit der neue Masterstudiengang "Cyber-Sicherheit" hochgezogen werden. Schon ab Januar 2018 sollen hier jene IT-Sicherheits-Experten ausgebildet werden, die für den Kampf gegen Hacker-Angriffe auf die Demokratie gebraucht werden.

Neubiberg ist eine Wette auf die Zukunft der Cyber-Sicherheit Deutschlands. Doch kann dieser kleine Ort dafür zum Symbol werden? Der politische Wille ist da, das Geld auch. Einen der Öffentlichkeit präsentierbaren Fahrplan für das erste Trimester im Januar gibt es allerdings noch nicht. Wer soll an der Provinz-Uni lehren, wer studieren und vor allem: was genau?

Besuch bei Klaus Buchenrieder, Dekan der Informatik-Fakultät und künftig Studiengangsleiter des neuen Masters. Ein Cyber-Spezialist sei er nicht – sondern Experte für Prothetik, das stellt der ergraute Mann in schwerem bayerischem Dialekt allerdings gleich klar. "Wir haben den Auftrag, zur ersten Adresse für die Cyber-Sicherheit des Bundes und der Bundeswehr zu werden", sagt Buchenrieder, "und den haben wir angenommen."

Nur, wer wird die Bundeswehr bei dem Vorhaben unterstützen? Die "Besten der Besten" aus der ganzen Welt wolle man für den Studiengang nach Neubiberg holen, sagt Informatik-Professorin Gabi Dreo, die bei der Planung des neuen Studiengangs mitarbeitet. 13 neue Professuren sollen geschaffen werden und über 60 Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, Techniker und Verwaltungsangestellte. Derart großzügige Berufungswellen sind in der Wissenschaftswelt eine Seltenheit. Doch die Suche nach geeignetem wissenschaftlichem Personal scheint nicht einfach zu sein. Dass einige Professuren mehrmals ausgeschrieben werden mussten, möchte man vonseiten der Bundeswehr-Uni nicht kommentieren.

Klar ist: Experten für digitale Forensik oder Big Data sind sehr gefragt. Allein im Süden von München konkurriert die Bundeswehr-Uni als Arbeitgeber mit dem nahen Hauptsitz des Dax-Technologiekonzerns Infineon und dem Ludwig-Bölkow-Campus für Luft- und Raumfahrt. Auch in der Wissenschaft wird es die Provinz-Uni nicht leicht haben. An der Universität des Saarlandes, in Darmstadt oder Aachen gibt es bereits einschlägige Cyber-Sicherheits-Schwerpunkte. Kann es gelingen, wissenschaftliches Personal von dort abzuwerben?

Gabi Dreo sagt zu den laufenden Berufungsverfahren nur so viel: "Wir haben interessante Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten." Sandro Gaycken ist da skeptisch. Als "nicht wahnsinnig attraktiv für Wissenschaftler" bezeichnet er die neue Cyber-Schmiede in Neubiberg. Gaycken ist Cyber-Theoretiker und IT-Experte, er berät unter anderem die Nato. Das "neue Harvard", urteilt Gaycken, werde die Uni aus seiner Sicht gewiss nicht: zu provinziell der Standort, zu hart die Konkurrenz der umliegenden Industrie und der internationalen Forschung.