Vertrauen ist zentral in der Medizin, es ist die wichtigste Grundlage für die Heilung. Ärzte müssen sich das Vertrauen ihrer Patienten verdienen – und genauso die Institutionen des Gesundheitswesens. Mit Kranken spielt man nicht. Und doch entsteht der Eindruck, dass genau dies zurzeit geschieht.

Seit März dieses Jahres können Patienten endlich Cannabis auf Rezept in der Apotheke bekommen. Allerdings nur theoretisch – praktisch gleicht die Beschaffung des Naturstoffs einem Hindernisrennen. Zunächst ist es offenbar schwierig, einen Arzt zu finden, der das Medikament verschreibt. Der bürokratische Aufwand ist hoch, die Arznei doppelt so teuer wie ursprünglich versprochen, und das belastet das Praxisbudget.

Hat ein Patient einen kooperativen Mediziner gefunden, scheitert die Beschaffung oft in der Apotheke. Weil der Stoff fehlt. Es war klar, dass es eine Weile dauern würde, bis der Anbau von Cannabis unter staatlicher Aufsicht in die Gänge käme. Deshalb sollten zunächst Cannabisblüten aus den Niederlanden und Kanada importiert werden. Klar war aber auch, dass die Nachfrage gewaltig sein würde. Jetzt kommt nicht genug amtliches Cannabis ins Land, und die Verblüffung ist groß.

Und selbst wenn eine Apotheke Cannabis vorhält, ist der Patient noch nicht am Ziel. Krankenkassen prüfen derzeit akribisch jeden Antrag. Nach Informationen der Arbeitsgemeinschaft "Cannabis als Medizin" wird je nach Region in bis zur Hälfte aller Fälle die Übernahme der Kosten abgelehnt. Begründung: Es sei ja überhaupt nicht klar, wogegen Cannabis genau helfe, in den Leitlinien fehlten entsprechende Hinweise. Aber das war ja genau der Witz: Erst musste man das Therapeutikum zulassen, um dann mit wissenschaftlicher Begleitforschung genauer herauszufinden, bei welchen Erkrankungen es am besten einzusetzen ist. Als Cannabis in der Medizin noch illegal war, konnte man das nicht untersuchen.

Dies alles führt die Patienten in ein teuflisches Dilemma. Nicht wenige Schmerzgeplagte, Menschen mit Multipler Sklerose oder Rheumakranke, haben gute Erfahrungen mit Cannabisblüten gemacht. Früher haben sie den Stoff selbst angebaut und durften auf Nachsichtigkeit seitens der Gerichte hoffen, weil es eben keine Alternative gab. Die neue gesetzliche Regelung aber hat diesen Weg versperrt, denn wenigstens theoretisch gäbe es ja ein entsprechendes, staatlich anerkanntes Arzneimittel. Wer jetzt Cannabis anbaut, muss die Strafverfolgung fürchten.

Die leidenden Patienten sind gefangen. Man hat ihnen einen Weg gewiesen und ihn dann für viele unpassierbar gemacht. Jetzt muss die Bürokratie abgebaut werden, der Druck auf die Krankenkassen steigen und der Preis fallen – damit das Vertrauen in die Medizin nicht erschüttert wird.

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