Bärbel, die Pfarrersfrau

Falls jemand noch nie in einem Gottesdienst war, sollte er sich am besten in Bärbels Nähe setzen. Denn ihr Lieblingsplatz in der Mitte der Kirche ist gerade richtig, wenn man alles gut mitverfolgen, aber nicht zu exponiert sitzen will. Sie ist in der Liturgie zu Hause und bewegt sich darin mit Selbstbewusstsein. Sie weiß, wann die Gemeinde aufsteht und dass man auf den Segen mit "Amen" antwortet. Meistens ist Bärbel der übrigen Gemeinde eine Millisekunde voraus. Beim Vaterunser ist sie schon beim "…ter", wenn die anderen noch beim "Va…" sind. Ihr ganzes Leben hat sie Menschen aus ihrem nächsten Umfeld dabei zugesehen, wie diese vorne stehen und predigen. Erst als Pastorentochter, dann als Pastorenfrau. Inzwischen ist der Mann pensioniert und der jüngste Sohn studiert Theologie.

Die Kirche rekrutiert ihren pastoralen Nachwuchs aus den eigenen Reihen. Während viele Menschen Abstand von der Kirche nehmen, verfestigen sich die ekklesialen Dynastien. Sie halten jeder Austrittswelle stand. Bärbels Glaube braucht die Gemeinschaft, und die wiederum kann sie auch ganz gut gebrauchen. Früher hat sie den Kindergottesdienst geleitet. Jetzt singt sie im Chor und ist die Stütze im Alt. Sie arbeitet Teilzeit als Ergotherapeutin. Und dann gestaltet sie auch noch den Schaukasten für die Gemeinde. Dass sie einen Blick für das Schöne hat, sieht man auch an ihrer Kleidung. Immer sieht sie schick aus, und ein Stück sticht oft heraus: die großen Ohrringe, der bunte Rock oder die roten Espadrilles. Aber insgesamt immer angemessen.

Kimberly, die Konfirmandin

Manchmal wünscht sich die 13-jährige Kimberly, dass ihre Mutter auch mal mit in einen Gottesdienst kommen würde. So wie andere Konfirmanden-Eltern. Die wichtigste Rolle bei der religiösen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen spielt das Elternhaus. Wer damit nicht aufwächst, findet in der Pubertät kaum mehr hinein in eine Sprache, in der Dinge "wahrhaft, würdig und recht" sind und ein "Christe" als Lamm bezeichnet wird. Kimberly traut sich nicht, die Fragen nach dem, was da eigentlich warum gemacht wird, offen zu stellen, und so bleiben sie auf ihrer gerunzelten Stirn stehen. Dabei muss die Kirche sich diesen Fragen dringend aussetzen, wenn sie nicht möchte, dass Kimberly und ihre Generation nach Erhalt der ersten Gehaltsabrechnung googeln: "Wie trete ich aus der Kirche aus?" Wenn sie mitsingt, dann nur leise, am liebsten aus der Liedermappe. "So ist Versöhnung" gefällt ihr. Sie wünscht sich, dass das leichter wäre mit dem Vergeben und Verzeihen.

Wenn der Pfarrer auf die Kanzel steigt, blickt Kimberly nie ganz durch, wann jetzt was dran ist. Er erzählt eine Geschichte, die ihm selber mal passiert ist, und sie hört aufmerksam zu. Es geht um Versöhnung und wie es ist, wenn man etwas falsch gemacht hat. Dann geht es noch um irgendwas mit Jesus. Sie sucht mit den Händen in ihrer Kunstlederhandtasche nach einem Kaugummi und steckt es so unauffällig wie möglich in den Mund.

Norbert, der Trostsuchende

© David Czinczoll für Christ&Welt

Früher ist er selten zur Kirche gegangen, noch nicht mal jedes Weihnachtsfest. Früher haben sie am Wochenende oft Ausflüge mit dem Rad gemacht, um 8 Uhr ging es los. Mittagessen in dem kleinen Restaurant am Fluss, erst am frühen Abend ging es zurück. Das Wochenende gehörte seiner Frau und ihm. Zwei Jahre noch bis zum Ruhestand und dann noch mehr Radfahren, größere Flüsse und längere Reisen. Vor acht Monaten ist seine Frau plötzlich gestorben. Viel zu früh, aber es ist ja immer zu früh. Nachdem er Freitagnachmittag nach Hause gekommen ist, bleibt Norbert den ganzen Abend allein. Und den ganzen Samstag. Immer öfter sitzt er sonntags in der Kirche, weil er sonst nichts mit sich anzufangen weiß. Die meisten kennen ihn kaum, sein Banknachbar begrüßt ihn mit einem leichten Nicken.

In vielen Kirchengemeinden kann der Gottesdienstbesucher das Maß an Distanz zur übrigen Gemeinde selbst bestimmen. Wer kommt, muss nicht mehr leisten als das: hingehen. Wie einige andere auch bleibt Norbert beim Abendmahl sitzen. Während er den Halbkreis um den Altar beobachtet, fragt er sich, was ihn neben seiner Einsamkeit neuerdings in die Kirche treibt. Der Segen tut ihm gut. Und die letzten paar Worte des Glaubensbekenntnisses – Auferstehung der Toten und das ewige Leben – hinterlassen bei ihm einen Hauch von Trost. Es gibt außer der Kirche keine Institution, die sich für Fragen von Schmerz, Tod, Trost und Hoffnung zuständig fühlt und die flächendeckend vertreten ist. Wenn es Kirchenkaffee gibt, dann bleibt Norbert noch, meistens geht er als einer der letzten.

Lena, die Mutter

Vor fünf Jahren saß sie das letzte Mal in dieser Kirche. Allerdings vorne auf einem blumenverzierten Stuhl. Am Tag vor ihrer Hochzeit hatte sie mit zwei Freundinnen den Blumenschmuck an den alten Holzbänken befestigt. Jetzt ist sie wieder da. Die Orgel fängt an zu spielen. Lena betrachtet die bunten Fenster, dann die verschieden großen Orgelpfeifen und erinnert sich: Es war eine schöne Trauung. Kurz danach war sie mit dem Studium fertig geworden, und ihr Mann hatte seinen Meister gemacht. Sie waren wieder zurückgezogen in ihre Heimat und haben ein Haus gebaut. Ihr Sohn ist jetzt vier und geht in die Gemeinde-Kita. Die Erzieherinnen singen mit den Kindern christliche Lieder und feiern mit ihnen die kirchlichen Feste wie Weihnachten oder den Dreikönigstag. Von sich aus würde sie ihren Kindern nicht von Gott erzählen, aber sie findet es gut, dass die Kita das macht. Eigentlich wollte sie ihre Kinder selber entscheiden lassen, ob sie getauft werden wollen, später mal. Aber ihr Sohn hat sie neulich gefragt, ob er auch getauft sei. Jetzt hat Lena ihren Plan geändert und bereitet die Taufe vor.

Also sitzt sie wieder in ihrer Hochzeitskirche und guckt sich die neue Pastorin einmal an. Der ist das junge, unbekannte Gesicht gleich aufgefallen, und sie hofft, dass Lena der Gottesdienst gefällt und sie wiederkommt. Die Parteien und Vereine, alle hätten sie gerne, die Anfang Dreißigjährigen. Sie und ihre Kreativität, ihre Tatkraft, ihre Jugend. Der Kirche gelingt es, sie anzusprechen – als Eltern. Als Menschen, die abseits vom Kindergottesdienst selber suchen, fragen, hoffen – nur sehr selten.