DIE ZEIT: Frau Funke, es erscheinen derzeit auffallend viele Bücher für junge Leser, die sich mit aktuellen Fragen und Konflikten befassen. Es geht um Flüchtlinge und Rechtsextremismus, um Rassismus, Gewalt und soziale Ungleichheit. Was denken Sie, wie politisch Kinder- und Jugendliteratur sein sollte?

Cornelia Funke: Ich habe Probleme mit "sollte" – "könnte" würde mir wesentlich besser gefallen.

ZEIT: Gut, was können Jugendbücher zur politischen Debatte beitragen?

Funke: Es gibt für mich sehr unterschiedliche Arten, politische Aussagen zu treffen. Auch etwas zutiefst Privates kann hochpolitisch sein, etwa eine lesbische Liebesgeschichte. Von Indoktrinierung, wie wir sie in den siebziger Jahren in der deutschen Jugendliteratur schon mal erlebt haben, halte ich hingegen nichts. Das finde ich sogar sehr gefährlich. Man sollte Kindern und Jugendlichen beibringen, selbst zu denken, man sollte ihnen nicht sagen, was sie denken sollen.

ZEIT: Wie macht man das?

Funke: Das Wichtigste ist immer eine gute Geschichte. Wenn darin eine Haltung steckt, wunderbar! Wenn ich in meinen Texten einen Schwarzen zum Prinzen mache oder eine Figur mit körperlicher Behinderung auftreten lasse, dann bin ich damit sehr politisch. Aber sobald man eine politische Haltung propagiert – und sei sie aus meiner Sicht noch so richtig –, vergrätzt man Jugendliche und verleidet ihnen das Lesen.

ZEIT: In Ihrem neuesten Kinderbuch Drachenreiter – Die Feder eines Greifs haben Sie aber selbst eine politische Botschaft verbreitet: für den Umweltschutz, gegen den Klimawandel. Widersprechen Sie sich damit nicht selbst?

Funke: Der Umweltschutz hat mich in den letzten Jahren immer stärker beschäftigt. Ich glaube, er ist das entscheidende Thema unserer Zeit. Deshalb wollte ich mich auch schreiberisch damit auseinandersetzen. Trotzdem sage ich auch mir selbst: Vorsicht mit missionarischen Statements, weil man damit Kindern und Jugendlichen das Gefühl gibt, man bevormundet sie und will sie erziehen. Und ich glaube, weder Kinder noch Erwachsene wollen Bücher lesen, in denen man sie erzieht. Das bedeutet aber nicht, dass man keine Fragen stellen und nicht auf Dinge aufmerksam machen darf.