Für die Kirchen geht es bei der Digitalisierung nicht nur darum, konkrete Technologien und technische Produkte ethisch zu bewerten. Es geht um mehr: Digitalisierung ist als eine spezifische Weise anzusehen, Wirklichkeit wahrzunehmen, zu interpretieren und in ihr zu wirken. So gesehen bietet sie vielfache Anknüpfungspunkte für Theologie und theologische Ethik.

Fast alle technischen Geräte, Maschinen und Apparate aller Lebensbereiche sind heute mit digitalen Sensoren, digitaler Datenverarbeitung und digitaler Aktuatorik ausgestattet. Das ihnen zugrunde liegende binäre Zeichensystem ermöglicht einen globalen Datenaustausch. Man schätzt, dass sich jeder Mensch weltweit jederzeit mit mindestens 140 Sensoren umgibt. Die Zahl der aufgenommenen und verarbeiteten Daten verdoppelt sich alle zwei Jahre. All dies macht Big Data aus.

Die Digitalisierung theologisch zu verstehen heißt, die spezifische Weise des Wahrnehmens, Interpretierens und Wirkens durch digitale Sensorik, Datenverarbeitung und Aktuatorik zum Gegenstand theologischer Interpretation zu machen. Das Feld, das es theologisch zu beackern gilt, ist weit: Lifelogging-Armbänder selektieren aus einer umfassenden Leib-Seele-Einheit Blutdruck, Puls und andere medizinische Werte, vergleichen diese mit persönlichen Werten der Vergangenheit sowie statistischen Risikokonstellationen und geben Zeichen der Beruhigung ("alles im grünen Bereich") oder fordern zum baldigen oder sofortigen Arztbesuch auf. Medizinisch betrachtet kann dies sinnvoll sein, gar Leben retten. Wer diese Technologie jedoch "Lifelogging" und nicht "Blutdruck- und Pulsprotokoll" nennt, kann in die empiristische Falle laufen: Als könnten ein paar gemessene und quantifizierbare Werte das Protokoll des Lebens schreiben und ein Selbstbild zeichnen.

"Herr, du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so bist du um mich und siehst alle meine Wege …", heißt es in Psalm 139. Das Gebet benennt weitere Aspekte, die zum Selbstbild gehören können. Digitalisierung ist ein Gewinn, wenn die digitale Sicht auf das Leben neben andere Sichtweisen, darunter auch die Glaubensperspektive, gestellt wird und diese nicht zu ersetzen versucht. Letzteres wäre eine Neuauflage des Streits zwischen naturwissenschaftlichem und theologischem Weltbild. Dabei ist doch inzwischen klar, dass verschiedene Perspektiven das Leben reicher machen und nicht der Blick aus nur einer Richtung. Dahinter steht die Einsicht, dass die Schöpfung Gottes reicher ist als das, was wir digital erfassen können.

Big Data, die digitale Verarbeitung von massenhaften Daten in Algorithmen, ermöglicht Handlungsprognosen mit erstaunlicher personenbezogener Präzision. Algorithmen können heute schon mit hoher Wahrscheinlichkeit wissen, welche größere Konsumentscheidung ich morgen treffen werde, welche Studien- oder Berufswahl besser zu mir passt, sehen, welcher Partei ich demnächst meine Stimme geben werde, ob es erfolgversprechend ist, sich auf eine Partnerschaft mit Person xy einzulassen. Wer wird sich diese Prognose nicht ansehen und ihr Glauben schenken, wenn ihre Treffsicherheit statistisch "glaubhaft" nachgewiesen wird? Damit verkäme Glaube zu einem Vertrauen auf Prognosen aus der Korrelation massenhafter personenbezogener und personenunabhängiger statistischer Daten.

Bislang verließen wir uns auf existenzielle Erfahrungen, wissenschaftlich belastbare Erkenntnisse, "gute Gründe" und den "Einfall zur rechten Zeit". Und wenn wir fromm waren, beteten wir um den Heiligen Geist und Weisheit für rechte Entscheidungen. Werden solche Gebete in Zukunft unnötig, weil uns die beste aller möglichen Entscheidungen empfohlen wird und es unklug wäre, sich diesen Empfehlungen nicht anzuschließen? In Zeiten von Big Data müssen wir die Lehre vom Heiligen Geist neu durchdenken: Warum sollte es nicht im Einklang mit dem Heiligen Geist stehen, logische Schlüsse aus einer Vielzahl von Daten (sogenannte induktive Schlüsse) oder aus allgemeinen Regeln (sogenannte deduktive Schlüsse) zu ziehen? Genau das tun Algorithmen. Eine problematische Lebenshaltung "wider den Heiligen Geist" beginnt erst da, wo man sich allein auf solche Schlüsse verlässt und nicht für möglich hält, dass alles auch ganz anders sein könnte. Ein "Einfall", eine "kreative Idee", eine "Offenbarung" (sogenannte abduktive Schlüsse) können gewichtiger, verantwortlicher und letztlich überzeugender sein als Prognosen aus Vergangenem. Diese Möglichkeit gilt es offenzulassen. Alles andere wäre der selbst gewählte Verzicht von Freiheit.

Wäre Jesus von Nazareth ans Kreuz gegangen, wenn er auf Handlungsempfehlungen von Big-Data-Algorithmen gehört hätte? Oder hätten diese Algorithmen – die Christentumsgeschichte "vorausahnend" – gerade deswegen den Weg ans Kreuz empfohlen? So oder so: Er hat sich frei, im Glauben, entschieden. Alles andere wäre Selbstaufgabe und Gleichschaltung mit Algorithmen gewesen. Heute, in Zeiten der Digitalisierung, haben wir zu entscheiden: Wie verbinden wir Entscheidungsvorbereitung durch Algorithmen und verantwortete Freiheit?

Mit der Nutzung digitaler Technologien erweitern wir unsere Handlungsmöglichkeiten – wer profitiert nicht von der schnellen Verfügbarkeit verstecktester Wissensbestände oder von der Orientierungskraft von digitalen Straßenkarten inklusive Wegeführung an allen Staus vorbei? Zugleich schmälern wir unsere Privatsphäre: Mit GPS-Sensoren teilen wir anonymen Datenbrokern mit, wann wir uns wo wie lange mit wem aufgehalten haben. Diese Daten sind für andere Gold wert. Unser Internetnutzungsverhalten wird durch Webtracking aufgezeichnet. Es verrät viel über unsere derzeitigen Interessen und Pläne. Bank- und Kundenkarten verraten das Konsumverhalten, Mikrofone und Kameras in Smartphones und Fernsehern halten fest und interpretieren, was wir sagen und wie wir uns fühlen. Informationelle Selbstbestimmung sieht anders aus. Dabei geht es hier um die freie Persönlichkeitsentwicklung, die durch die Nutzung all dieser auf Personen beziehbaren Daten gefährdet ist – so hielt es schon 1983 das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Volkszählung, einer vergleichsweise harmlosen Datenerfassung, fest.

Freie Persönlichkeitsentwicklung ist den Kirchen von jeher ein zentrales Anliegen: Der Rückzug in die Wüste ist das biblische Bild für das Alleinsein mit Gott als Voraussetzung für Selbstfindung, das Zulassen von Glaubenszweifeln, das Bilden von Persönlichkeit. Mit guten Gründen haben die Kirchen das Institut des Beichtgeheimnisses erkämpft und durch die Zeiten verteidigt. Die Religionspädagogik weiß um den Wert von Räumen freier Meinungsäußerung, die vor einschüchternden und verleumderischen Kommentaren des nahen Umfeldes oder der großen medialen Öffentlichkeit geschützt werden müssen.

Schließlich – das soll hier wenigstens kurz angedeutet werden – sind auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen der Digitalisierung Gegenstand für Theologie und kirchliche Arbeit: Erweiterte Teilhabe für behinderte Menschen und Ökonomien des Südens an global vernetzten Arbeitsprozessen sind ein Gewinn. Zugleich kann es auf einem globalen Arbeitsmarkt zu Dumpingeffekten bei Löhnen und Gehältern kommen. Soziale Sicherungssysteme und Versicherungen können durch die Digitalisierung von Verwaltungstätigkeiten wirtschaftlich effizienter erledigt werden. Zugleich können Solidarsysteme durch die digitale, personenbezogene Risikoanalyse unterlaufen und destabilisiert werden: Wenn persönliche Risiken mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden können und zu einem Versicherungsausschluss oder sozial unvertretbar hohen Prämien bei Kraftfahrzeug-, Lebens- oder Krankenversicherungsverträgen führen, widerspricht dies dem Solidarsystem – ebenso wie ein riskantes Fahrverhalten im Straßenverkehr oder eine ungesunde Lebensweise aufseiten des Versicherungsnehmers schon heute. Digitale Medien erlauben ein neues Maß niedrigschwelliger Kommunikation, politischer Meinungsbildung und auch gesellschaftlicher Partizipation. Zugleich ist spätestens seit den Präsidentschaftswahlen in den USA offensichtlich, welche neuen Wege der politischen Manipulation durch digitale Medien eröffnet werden.

Die Kirchen müssen sich zu Kommunikation in sozialen Medien, zu algorithmusunterstützten Entscheidungen im Finanzsystem und in Operationsrobotern wie auch zu Arbeit 4.0 äußern. Und für ihre eigenen Institutionen haben sie zu entscheiden, ob oder wie sie das Internetnutzungsverhalten (Webtracking) erfassen wollen, um ihre Mitglieder zielgerichtet anzusprechen, ob oder wie sie Verkündigung und Seelsorge im Netz organisieren wollen oder ob sie allein auf traditionelle Kommunikation setzen.

All diesen Herausforderungen liegt eines zugrunde: Die digitale Technologie basiert auf dem binären Zeichensystem, das global, kulturübergreifend und in allen Lebensbereichen Akteure und Dinge kommunikativ verbindet. Digitalisierung verändert unsere Bilder von uns selbst, unser Entscheidungsverhalten, unsere kommunikativen und sozialen Ordnungen. Es gilt, diese neuen Wirklichkeiten theologisch zu verstehen, um mit diesem Verständnis – und nicht nur mit dem Wissen um technische Möglichkeiten – den digitalen Wandel zu gestalten. Theologie ist ganz bei ihrer Sache, wenn sie sich mit all ihrer Tradition um das kümmert, was meist am Rand ihrer Aufmerksamkeit stand: Technologie.