Männerzirkel, dumme Sprüche, Tätscheleien: Das ist Alltag, für viele Frauen in der Wissenschaft. Diskutiert wird darüber wenig.

Treffen sich fünf Professoren im Präsidium einer Universität. "Was zu trinken wäre schön", sagt der eine. "Ja, bitte", sagen die anderen und blicken auffordernd zur einzigen Frau im Raum. Sie blickt zurück, schweigt, harrt aus. Erst da begreifen die fünf Männer, dass die Frau im Raum keine Servicekraft ist – sondern die neu berufene Professorin an ihrer Fakultät. So tatsächlich vor einiger Zeit geschehen.

Eine Anekdote nur, amüsant nahezu: wie gestrig die Vorstellung dieser Männer, wer an der Universität welche Arbeit zu verrichten hat. In Wahrheit tut sich hier jedoch – hinter dieser und vielen anderen Geschichten, die man von Wissenschaftlerinnen zu hören bekommt – ein Abgrund auf. Sexismen aller Spielarten durchziehen Hochschulen und Forschungseinrichtungen: joviale Sprüche im Hörsaal, ungewollter Körperkontakt im Labor, Herrenrunden auf Konferenzen.

Die Wissenschaft hat ein Sexismus-Problem. Empirisch belegen lässt sich das bislang kaum. Die einzige relevante, aber nicht repräsentative Befragung führte die Universität Bochum im Rahmen einer EU-weiten Studie in den Jahren 2010 und 2011 durch. Demnach hat jede zweite Studentin während ihres Studiums sexuelle Belästigung erlebt, ein Drittel davon im Hochschulumfeld. Die Übergriffe reichen von Hinterherpfeifen über anzügliche Bemerkungen bis zu unerwünschten körperlichen Berührungen und Stalking. Über 95 Prozent dieser Belästigungen und Übergriffe wurden von Männern verübt, zumeist von Kommilitonen. Die Ergebnisse sorgten damals an vielen Hochschulen für einen Aufmerksamkeitsschub. Leitfäden zum Umgang mit Sexismus wurden etabliert, Beratungsmöglichkeiten ausgebaut.

Aktuelle und repräsentative Zahlen, die auch die Erfahrungen von Wissenschaftlerinnen abbilden und hochschulpolitische Schlagkraft entfalten, fehlen. Doch die Anekdoten setzen sich zu einem Bild zusammen. "Sexismus ist an Hochschulen auf subtile Weise virulent. Er betrifft alle, von der Studentin bis zur Dozentin", sagt Doris Kolesch, Theaterwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. Von 2011 bis 2015 war sie Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, der 5.500 Studierende und knapp 190 Lehrende umfasst. Immer wieder landeten entsprechende Vorfälle auf ihrem Tisch. "Wir brauchen endlich eine Debatte über den Sexismus an Hochschulen", sagt sie.

Bis heute besteht das Problem darin, dass solche Erfahrungen zu anekdotischen Einzelfällen umgedeutet werden. Gelangt einmal ein Fall auf die große Bühne, treten umgehend die Kritiker auf den Plan. Meist sind sie männlich und in wichtiger Position.

Als 2016 der ehemalige Präsident der Musikhochschule München, Siegfried Mauser, wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde, verteidigten ihn namhafte Professoren und Schriftsteller: Die Anklage sei Rufschädigung, die Justiz blamabel, das Zeitalter hysterisch. Hans Magnus Enzensberger schrieb in der Süddeutschen Zeitung: "Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen." Das Urteil wurde 2017 in zweiter Instanz bestätigt; im April wurden zwei weitere Klagen gegen Mauser wegen Vergewaltigung und Nötigung bekannt.

Doch irgendwann quellen die Diskriminierungserfahrungen unter den Teppichen hervor, unter die man sie kehrt. Dass das Problem in der Wissenschaft ebenso existiert wie im Alltag, in Politik, Wirtschaft, Medien und Kunst, lässt sich erahnen, sobald sich Betroffene wieder einmal hervorwagen – und ihre Berichte sofort weitere nach sich ziehen.

Am Literaturinstitut Hildesheim kritisierten Studentinnen gerade die Überzahl an männlichen Dozenten, ihren Geniekult und sexistische Strukturen, die Frauen in der Kunst benachteiligen; die Zeitschrift Merkur griff die Debatte in ihrem Blog auf.

Seitdem wird diskutiert. Es geht um akademische Strukturen und darum, was Frauen in ihnen erleben. Etwa dass Studentinnen als weniger geistreich und Wissenschaftlerinnen als minderqualifizierte Quotenfrauen bezeichnet werden, dass Schwangerschaftsbäuche kommentiert, Pos getätschelt und Anzüglichkeiten geäußert werden. Oft, sagt Birgit Fritzen von der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen, gebe es diese Erfahrungen in körperlichen Studiengängen: in Kunst- und Musikhochschulen, Sport und Medizin.

Dass hinter jeder Sexismus-Erfahrung noch weitere stehen, hat auch die Politologin Nicole Deitelhoff erlebt. Die Direktorin des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt beschrieb gerade – ebenfalls in einem Blog-Eintrag – ihre Konferenzerlebnisse. Zweimal sei sie jüngst nach ihren Vorträgen von Männern zurechtgewiesen worden: Ihre Arbeit sei "naiv", und es stehe ihr nicht zu, so "aggressiv" den "Herrn Professor" zu kritisieren, mit dessen Arbeiten sie – ihrerseits Professorin – sich befasst hatte. "Ich bin sehr selbstbewusst", sagt Deitelhoff, "und war in dem Augenblick eher amüsiert. Die Männer blamieren sich selbst, fand ich." Doch nach ihrem Blog-Eintrag lief ihr Postfach über, berichteten Kolleginnen von ihren Erlebnissen.