Er will Europa nicht retten und nicht betrauern. Sein Ton ist klar und zugleich von großer menschlicher Wärme. Kein Buch passt in die Tage des polnischen Ringens um den Rechtsstaat wie dieses: Es ist, als sichte Ivan Krastev mit seinem Essay Europadämmerung bereits die Erdbebenschäden des heimatlichen Kontinents, während dieser noch bebt. Das Vertraute zeigt sich in Krastevs Wahrnehmung erschüttert: Seitdem die Flüchtlingskrise die Illiberalität in den Demokratien Osteuropas stärke, wanke das Modell Europa, das seit 1989 entstand. Krastev stellt sich auf Desintegration, auf Chaos und Elend ein.

Eben noch, als das Versprechen geschützter Rechte durch Europa einlösbar schien, war es, als wolle die Welt europäischer werden: säkular, rechtsstaatlich, aufgeklärt. Plötzlich aber wirkt der europäische Liberalismus wie eine merkwürdige Praxis von Bewohnern einer winzigen Insel. Er steht vor einem ungelösten Selbstwiderspruch: "Wie lassen sich unsere universellen Rechte mit der Tatsache vereinbaren, dass wir sie als Bürger ungleich freier und wohlhabender Gesellschaften genießen?" Viele wählen lieber einen autokratischen Staat, der Vorrechte der Wohlhabenden gegen Flüchtlinge schützen soll, die nun im Namen der Menschenrechte an unsere Grenzen gelangen.

Krastev will zeigen, was an den osteuropäischen Selbstwidersprüchen nicht nur gefährlich, sondern zugleich gut begreiflich ist. Denn auf die demokratische Revolution folgte in Osteuropa die demografische Gegenrevolution durch die Auswanderung seiner Bürger: Diese Gegenrevolution hat die Angst der Zurückbleibenden an die Macht gebracht, aus allen vertrauenswürdigen Bindungen herauszufallen. Aus "Treueverhältnissen", wie Krastev sie nennt, die Menschen tragen und schützen.

Krastev zu lesen ist ein Genuss, denn in seiner stilistischen Kunst finden die Liebe zur Literatur, die politische Illusionslosigkeit und die Schönheit des Gedankens zusammen. Der 52-jährige Bulgare ist ein osteuropäischer Intellektueller, dessen Stimme zwar weltweit gehört wird, ob in Universitäten, unter Regierenden, in den Thinktanks, von dem es auf Deutsch aber kaum etwas zu lesen gibt. Krastev wirkt seit Jahren wie eine Taskforce-Institution: Als in der Politikberatung hochwirksamer Paneuropäer leitet er in Sofia ein politisches Strategiezentrum, hat in Budapest gelehrt, verschiedene Denkfabriken mitbegründet, ist in Berlin Fellow, in Wien prägt er das Institut für die Wissenschaft vom Menschen, und der Mäzen George Soros lobt ihn als eine einzigartig luzide Stimme. Rechts, links, oben, unten, Ost, West, das passt alles nicht, um Krastevs Denken und Handeln zu beschreiben. Es macht sich unabhängig.

Sein Europa ist eines von Menschen aus Fleisch und Blut, die in ihrem Verhalten von Paradoxien gelenkt werden. Die Europäische Union kann kaum mehr tun, als die Erdbeben und die politische Desintegration, die sie durchläuft, auszuhalten. Krieg ist hoffentlich zu vermeiden, Siege kann es nicht geben. Krastev, der sich von den europäischen Dichtern durch seine Gedanken begleiten lässt, zitiert Rilke: "Überstehen ist alles."

Für den Bulgaren Krastev ist es die Erfahrung der Mittel- und Osteuropäer, die im Blick auf Europa den entscheidenden Unterschied macht. Was heute geschieht, fühle sich für sie an wie ein Déjà-vu: Etwas Vertrautes geht gewaltlos zu Ende, das für immer dauerhaft schien. Europa ist tief gespalten, aber eben nicht nur, wie man im Westen oft meint, durch eine Spaltung zwischen Arm und Reich, Nord und Süd. Der europäische Graben verläuft vor allem zwischen denen, die "den Zerfall des einstmals mächtigen kommunistischen Blocks am eigenen Leibe erfahren haben, und jenen, die von solchen traumatischen Ereignissen verschont blieben".

Die Westeuropäer mögen noch ein wenig weiterträumen vom fortschrittlichsten aller Kontinente, doch für Osteuropäer vollziehe sich eine neuerliche Traumatisierung, die noch unmittelbarer wirke als die letzte, weil nun nicht das Imperium der sowjetischen Fremdbestimmer zerfalle, sondern das eigene Leben. "Damals ist deren Welt zusammengebrochen", schreibt Krastev. "Nun ist es unsere." Unsere Welt: eine Europäische Union, in der das gemeinsame Recht vor der korrupten Willkür der Nationalstaaten schützen soll. In der Bürger ihre Regierungen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen können. In der frei gewählt und gereist wird. Eine Welt ohne Mauern, vor denen Flüchtlinge warten.

Krastev stellt die Widersprüche dar: Touristen sind die wandernden Fremden, die beliebt sind; Migranten und Flüchtlinge wandern unwillkommen. Der Kontinent wirkt stärker verwoben denn je, ob durch den Arbeitsmarkt, die Finanzpolitik oder das Reisen, und doch stimmen viele Wähler dieser starken Verflechtung nicht zu. Die seit 1989 vertraute Welt wird demokratisch abgewählt, um das Eigene gegen die unwillkommenen mobilen Globalisten zu schützen, doch indem man die Grenzen schließt, wehrt man eine Zuwanderung ab, die allein den eigenen Sozialstaat retten könnte.