Sensation, Sommermärchen, Fußballwunder: Aus einem vermeintlich ereignislosen Sportsommer sind Wochen der Euphorie geworden. Am vergangenen Sonntag gewann die österreichische Frauennationalmannschaft gegen Spanien und spielt heute, Donnerstag, um den Einzug in das Finale der Europameisterschaft. Es ist ein Stück rot-weiß-rote Sportgeschichte, das die Fußballerinnen gerade schreiben. Die Beifallsstürme sind ihnen gewiss – und auch stürmende Polemik.

Der Einzug unter die vier besten Nationalteams des Kontinents ist ein Politikum, weil ihn Frauen geschafft haben. Frauenfußball trägt in Österreich noch immer, bestenfalls, den Ruf eines Nischenphänomens, für das sich bis zu dieser EM keiner interessierte, weder Fußballverband noch Medien, Sponsoren oder Zuschauer. In der österreichischen Bundesliga verdienen selbst die besten Fußballerinnen nur ein Taschengeld. Wer mehr möchte, heuert wie 15 der Nationalteam-Spielerinnen bei Clubs im Ausland an.

Aber mit dem Erfolg der Österreicherinnen, die als krasse Außenseiter ins Turnier in den Niederlanden gestartet sind, überstürzte sich die Stimmungslage. Kommentatoren üben sich plötzlich in brennenden Fangesängen, man schwärmt von den neuen Stars in ÖFB-Dressen, Verbandsfunktionäre verbreiten Aufbruchsstimmung und prophezeien ihrer weiblichen Sektion mehr Zulauf, mehr Aufmerksamkeit, mehr Hinwendung. Fachsimpeln über Fraudeckung, Frauschaften oder Torfrauen ist en vogue. Das Bekenntnis zur Damennationalmannschaft ist für ganze Männer das neue Lippenbekenntnis zu halbe-halbe.

Freilich ruft so ein Frauenhype auch machistische Beißreflexe auf den Plan. Nicht nur in Online-Foren explodieren Hass auf und Erniedrigung von Frauen. Auch die Wiener Stadtzeitung Falter lästert über "ein gönnerhaftes Zusehen" und ereifert sich über physische Geschlechterunterschiede, denn Frauen spielten "viel langsamer als Männer, taktisch und technisch erheblich schlechter".

Die zwiespältige Resonanz auf die Fußballerinnen kommt für den Wiener Sporthistoriker Matthias Marschik wenig überraschend. "In der Diskussion offenbaren sich typische Männlichkeitsdiskurse", sagt Marschik, der sich seit vielen Jahren mit dem Frauenfußball beschäftigt. Ähnliches hat er bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland, einem der ersten Großereignisse des Frauenfußballs, beobachtet: "Männer diskutieren hier anhand von Fußball über die Stellung von Frauen in der Gesellschaft." Man könnte auch sagen: Frauen haben hier nichts zu sagen.

Neu ist das Muster nicht. Frauen am Fußballplatz sind ein männliches Politikum, das sich durch die österreichische Fußballgeschichte zieht. Und das zugleich erklärt, warum Frauenfußball – zumindest bis zur EM-Überraschung – so weit im Abseits stand.

Dabei waren Österreichs Frauen einst Fußball-Avantgarde. In Wien wurde 1924 Diana gegründet, der erste reine Frauenfußballverein. 1936 ging eine Liga mit zehn Vereinen an den Start, zu diesem Zeitpunkt die einzige Damenfußballmeisterschaft der Welt, die bis zu 3.000 Zuschauer anlockte. Doch schon damals steckte dahinter viel Kampf, nicht nur angesichts der austrofaschistischen Aversionen gegenüber sportelnden Frauen, sondern vor allem gegen den ÖFB.

"Frauenfußball ist akzeptiert, solange er unter der Kontrolle von Männern ist", sagt Sporthistoriker Marschik. Der Hype dieser EM-Wochen – erstmals sind Frauen am Feld in der ORF-Primetime zu sehen, überstürzt organisierte die Stadt Wien doch noch ein Public Viewing für das Halbfinale am Rathausplatz – entspreche einem altbekannten Muster: "Wenn der Männerfußball in Österreich wenig erfolgreich ist, dann gibt es eine Hinwendung zum Frauenfußball, um damit Geschäft zu machen." Auch in den 1930ern, so Marschick, sei es darum gegangen, Frauenfußball als vereinzeltes Event zu vermarkten. "Aber als die Frauen eine eigene Liga organisieren und regelmäßig spielen wollten, wurde alles getan, um das zu verhindern."

Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich wurden die Frauenvereine aufgelöst. Nach Kriegsende bliebt es der ÖFB, der alles daransetzte, Frauen höchstens zum Kabinenputzen in Fußballnähe zu lassen. Es gab Spiel- und Platzverbote, eine Meisterschaft, die Ende der 1960er Jahre startete, wurde nicht anerkannt. Erst Anfang der 1970er Jahre ließ der Wiener Landesverband eine Frauenliga zu, zehn Jahre später wurde sie vom ÖFB einverleibt. Das heute gefeierte Frauennationalteam wurde im Jahr 1990 gegründet. Nachwuchsarbeit gibt es erst seit 2011, als in St. Pölten ein Nationales Zentrum für Frauenfußball entstand.

Jetzt aber, da die Frauen Erfolge bringen, von denen die Nationalmannschaft der Männer nicht einmal träumen kann, meinte selbst ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner vor Kurzem: "Es geht darum, sich auch für dieses Spiel zu begeistern, und auf dem Weg sind wir gerade in Österreich."

Matthias Marschik ist da weniger optimistisch. "Es ist eine konstruierte Aufmerksamkeit, die sich auf einen aktuellen Erfolg draufsetzt, aber keine längerfristige Wirkung im durch und durch männerdominierten Verband hat", sagt er. Selbst wenn sich am Ende wenig ändert: Zumindest bis zum Abpfiff der Halbfinal-Partie wird die neue Begeisterung für die ÖFB-Frauen noch anhalten.