Wer zum Rittergut des rechtsnationalen Verlegers Götz Kubitschek und seiner Frau Ellen Kositza im 200-Seelen-Dorf Schnellroda in Sachsen-Anhalt fährt, ist vielfach vorgewarnt: Ein wohliger Grusel entströmt den Berichten über das Paar, das sich bei Tisch siezt, den sieben Kindern germanische Vornamen gegeben hat und den Gästen selbst gemachten Ziegenkäse serviert. Aber schon bei der Einfahrt in den Hof, bei der man aufpassen muss, nicht versehentlich ein Katzenjunges zu überfahren, stellt sich ein ganz anderes Gefühl ein: das einer verblüffenden Vertrautheit. Der Hausherr, Götz Kubitschek – Vordenker der Neuen Rechten, Aktivist, Offizier der Reserve – kommt, in schwarzem Hemd und Hose, die Holztreppe herunter und führt zur Begrüßung über die Wiese zu einem kleinen Gehege, in dem die Ziegen, Hasen und Hühner leben, denen sich das Abendbrot verdankt, das Besucher hier bei Kerzenlicht mit der Familie teilen. Das Vertraute ist die Kombination aus trotziger ländlicher Selbstversorgung, einer großen Bibliothek und aktivem, wenn möglich herrschaftsgefährdendem politischem Protest: jeder, der in den achtziger Jahren in bestimmten Häusern im Wendland gewesen ist, erkennt es wieder. Im Verlauf des Abends wird sich herausstellen, dass diese Ähnlichkeit kein Zufall ist.

Kubitschek, 46, befindet sich dieser Tage in einem Zustand begeisterter Empörung. Eben hat der Spiegel den von seinem Verlag Antaios verlegten und von seiner Frau Ellen Kositza lektorierten Essayband des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle, Finis Germania, einen 100-seitigen Abgesang auf das vermeintlich im Selbsthass untergehende Deutschland, von der Bestsellerliste genommen. Auf Amazon klaffte plötzlich nur noch eine Leerstelle zwischen Platz 5 und Platz 7. Im Spiegel selbst war der Band schlicht verschwunden. Dann rückten wenig später die nachfolgenden Bücher einfach einen Posten weiter nach oben. Erst als die Manipulation in Tweets und Blogs moniert wurde, rang man sich zu Erklärungen durch. Man habe, so schreibt die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer, "den Verkauf eines solchen Buches nicht befördern" wollen, denn es sei "rechtsradikal, geschichtsrevisionistisch und antisemitisch". Dem Manöver des Spiegels war eine heftige Auseinandersetzung um die Platzierung des Buchs auf der Sachbuch-Bestenliste von NDR und Süddeutscher Zeitung vorausgegangen, auf die das Buch nur dank des Votums des Jurors Johannes Saltzwedel gelangte – seinerseits Spiegel-Redakteur.

"Dass der journalistische Mainstream so auf uns reagiert", sagt Kubitschek, "auf einen neuen Diskussionspartner, der langsam nicht mehr ignoriert werden kann, das hat mich nicht überrascht. Überrascht haben mich die polemischen Spitzen: dass ein Mann wie Herfried Münkler – der doch selbst unter wüsten Angriffen von links gelitten hat – jetzt mit Drohungen reagiert wie: dass Passagen in dem Buch womöglich strafrechtlich relevant seien, und obendrein andeutet, meine Frau und ich hätten das Buch geschrieben. Kein einziger Journalist einer großen Zeitung hat bei uns angerufen, um das zu verifizieren – aber alle verbreiten es weiter."

Der Historiker Herfried Münkler, wie Saltzwedel Mitglied der Jury der Bestenliste, hatte sich auf Sieferles spöttische Formulierung von den "ominösen sechs Millionen" im Guiness Buch der Rekorde bezogen und auf Sieferles Vergleich der "Auschwitzlüge" mit "Gotteslästerung", überhaupt Sieferles Rede vom "Mythos Auschwitz". Außerdem war, angesichts der sehr mäandernden Reihung und sprachlichen Ungekämmtheit des 100-Seiten-Bändchens, die Frage aufgekommen, ob Sieferle es überhaupt zur Veröffentlichung vorgesehen hatte, und wenn ja, ob in einem Verlag wie Antaios, der für seine rechtsnationale Ausrichtung bekannt ist. Dazu Kubitschek: "Ich habe selten ein so unglaublich sauberes Manuskript gesehen. Wir haben ein, zwei falsche Kommata und den einen oder anderen Schachtelsatz aufgelöst. Aber ansonsten hat uns auch der Nachlassverwalter, Raimund Kolb, der im Einvernehmen mit der Witwe Regina Sieferle handelt, im Gespräch sehr deutlich gemacht, dass da absolut nichts verändert werden darf, dass bis in die Kapitelüberschriften, die Länge der einzelnen Absätze hinein alles bleiben soll, wie es ist." Im Übrigen habe Sieferle, der sich 2016 das Leben nahm, früher in der ursprünglich eher linken Zeitschrift Tumult publiziert, die in den letzten Jahren auch keine Berührungsängste mit Texten aus der Neuen Rechten gezeigt habe.

Jedenfalls muss der Familienbetrieb Antaios nun eine ungeheure Nachfrage stillen. Die erste Auflage von 20.000 Exemplaren ist fast vergriffen, täglich kämen etwa 2.000 neue Anfragen, sagt der Hausherr.

Im Winter Kraut und Schlachteplatte

Kubitschek, dessen erste politische Aktion mit 16 Jahren der Protest gegen eine McDonald’s-Filiale war, eint mehr mit Sieferle als der finstere Blick auf das angeblich untergehende Deutschland. In den siebziger und achtziger Jahren hatte Sieferle kritisch über die Industriegesellschaft geschrieben, ihre fatale Abhängigkeit von Kohle und Öl, dem "unterirdischen Wald". Kubitscheks Rückzug aufs Land, wo er morgens die Ziegen melkt, ist eben auch Teil seiner großen "Absage an die One-World-Ideologie", mit ihren Handys und ihrer künstlichen Befruchtung. "Ökologisch", sagt Kubitschek, über eine Schale frischer Brombeeren gebeugt, "das sind nicht fair gehandelte Kiwis aus Australien. Ökologisch ist, wenn wir im Winter Kraut und Schlachteplatte essen." Lob des Regionalen, des Unverstellten, Natürlichen – das alles hat man schon einmal ganz woanders gehört.

Zu den Anklängen an das Lebensgefühl der frühen Grünen – die mit ihren heutigen Positionen, speziell zu Flüchtlingen, ein besonderes Hass-Objekt Kubitscheks sind – kommt ein ganz bewusstes Plündern im Fundus linker Gedanken und Aktionsformen: den Schock-Strategien der Situationisten, der deutschen "Gruppe Spur" um Dieter Kunzelmann, der Achtundsechziger. Der Soziologe Thomas Wagner hat dazu ein herausragendes Buch geschrieben, das übernächste Woche im Aufbau Verlag erscheint: Die Angstmacher. Es ist aus Gesprächen mit Neuen Rechten wie Kubitschek, Alain de Benoist oder dem Anführer der österreichischen Identitären, Martin Sellner, entstanden – Letzteren vergleicht Kubitschek lobend mit Rudi Dutschke. Wagner glaubt, dass die liberale Öffentlichkeit den Neuen Rechten keinen größeren Gefallen tun kann, als sie vom Gespräch auszuschließen. "Je mehr sich die dem eigenen Anspruch nach plurale Öffentlichkeit nach rechts hin schließt", schreibt Wagner, "desto effektiver scheinen die von den Achtundsechzigern und ihren Adepten erprobten Methoden der Spaßguerilla und der Provokation zu greifen."

Die Frage ist nur, was es noch zu reden gibt, wenn alles wegmuss: alle Grünen, alle Sozialdemokraten, Angela Merkel und all ihre Parteifreunde. Und natürlich die Flüchtlinge, Migranten (am Tisch Anwesende werden ausgenommen, sofern sie sich Deutschland gegenüber loyal verhielten), die amerikanischen Fernsehserien, die sexuelle Libertinage. Verblüffend ist bei all dieser Aggressivität die große Larmoyanz, die man überall in der Neuen Rechten findet: Nie lädt man uns ein! Das arme Deutschland wird von allen fertiggemacht!

Woher weiß Kubitschek eigentlich, dass er im Namen der Deutschen spricht, wer auch immer das genau ist? Auf einer Pegida-Kundgebung hat er einmal das Bild von der Katze und der Taube gebraucht. Eigentlich ist die Taube als Beute zu groß für die Katze. Aber weil ihr die Flügel gebrochen sind, zerrt die Katze sie die Treppe herunter. Mit jeder Stufe, auf die ihr Kopf knallt, werde sie wehrloser. Das ist Deutschland, für Kubitschek, und die Katze, das ist die politische Klasse. So hat er sich selbst erklärt, warum die große Mehrheit der Deutschen noch nicht in seinem Sinne aufbegehrt. Das haben sie 1968 auch immer gedacht: "Bewusstseinsindustrie" nannte man das damals.