Knapp hundert Jägermeisterflaschen in allen möglichen Größen stehen auf einem Tisch. Dieses Arrangement, das in einer Kneipe wohl kaum auffiele, wurde auf der Kunstmesse Art Basel kürzlich zu einem luxuriösen Warenobjekt: Das Werk mit dem Namen Table Matematica von der Künstlerin Yuki Kimura wurde von der Taka Ishii Gallery aus Japan für nicht weniger als rund 19.000 Euro verkauft.

In solchen Momenten ähnelt der Kunstmarkt dem Märchen von Rumpelstilzchen: Scheinbar über Nacht wird aus Stroh Gold gesponnen beziehungsweise aus Jägermeisterflaschen sehr viel Geld. Wie ist das möglich? Ein Rezept, das zurzeit gut funktioniert, lautet: Beschwöre den Geist des toten Konzeptkünstlers Marcel Duchamp herauf, indem du seine Werke nachahmst und auf ihn und seinen Stil verweist. Das treibt die Preise in die Höhe!

Schon zu seinen Lebzeiten gelang es Duchamp, die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu beeinflussen, heute gilt er als einer der größten Erfinder seiner Zeit. Als Duchamp seine Arbeit Fountaine, ein Urinal mit der Signatur ›R. Mutt‹ (sein Pseudonym), für die Schau der Society of Independent Artists 1917 in New York einreichte, lehnte die Jury sie zwar ab. Das Urinal sei vulgär und ein Plagiat, keine Kunst, hieß es damals.

Doch damit war die Erfindung des Readymade geboren: ein industriell hergestelltes Alltagsobjekt, das in einem Kunstkontext neue Bedeutung erlangte. An ihm entfachten sich historische Debatten: Was macht ein Objekt zur Kunst? Welche Rolle spielt die Wahrnehmung der Betrachter? Welchen Wert haben Ideen? Das Readymade veränderte die Kunstproduktion für immer, so ist auch der Preis von geschätzten 10 Millionen Euro für ein Readymade von Duchamp zu erklären. Falls es überhaupt auf den Markt kommt, die wenigen erhaltenen Arbeiten sind überwiegend im Besitz von Museen.

Heute droht jedoch eine Inflation der Idee. Im Jubiläumsjahr des Readymade tauchen überall Werke auf, die sich auf Duchamp beziehen, ohne dem etwas hinzuzufügen – als sei Duchamps Readymade ein Einfall aus jüngerer Zeit und läge nicht 100 Jahre zurück. Das Ergebnis sind banale Nachahmungen. Einfallslos und dennoch überall präsent, weil viele Galeristen und Künstler wissen, dass sie damit immer wieder Geld verdienen können.

Die walisische Künstlerin Bethan Huws liefert anschauliche Beispiele für diese Geschäftsstrategie: Unermüdlich reproduziert sie Duchamps Werke, zum Beispiel seinen Flaschentrockner. Einmal aus Leuchtstoffröhren, dann aus Kupfer oder gleich 88 Flaschentrockner auf einmal. Und damit verdient sie viel Geld: Die drei Nachahmungen aus Kupfer, die sie Venus genannt hat, kosten 50.000 Euro, das Modell aus Leuchtstoffröhren 65.000 Euro. Offenbar kommt das an bei den Kunstkäufern. Auf der diesjährigen Art Basel waren mindestens 92 ihrer Flaschentrockner auf zwei Hallen verteilt. Auch die renommierten Sammler der Daimler Art Collection kauften schon Werke von ihr, mit der Erklärung, sie eröffneten dem Betrachter Gedankenräume für die Selbstreflexion.

Ihre Arbeit wird als große Leistung angepriesen, dabei könnte man auch sagen: Huws’ Erfolg offenbart, stellvertretend für eine Reihe anderer Künstler, den ausgewachsenen Burn-out der Kunstwelt. Eine intellektuelle Arbeitsunfähigkeit und gestalterische Müdigkeit, die sich durch den Rumpelstilzchen-Trick aber noch zu Geld machen lassen: Kopie statt Originalität. Wer keine Ideen mehr hat, aber trotzdem teure Kunst verkaufen möchte, der setzt ein neues Readymade in den Raum und behauptet, dass es an die Erfindung Duchamps sowie die entsprechenden historischen Debatten erinnert.

Schon ist ein symbolischer Wert erzeugt, den sich Händler teuer bezahlen lassen. Dazu tragen auch jene Autoren bei, die in Ausstellungs- und Auktionskatalogen die Duchamp-Referenz für eine angeblich intellektuelle Tiefe heranziehen.

Duchamp wird auf diese Weise zum Allheilmittel gegen die Ideenarmut. Gekauft werden demnach nicht der kupferne Flaschentrockner von Huws oder die Jägermeisterflaschen von Kimura, sondern ein fast heiliges Symbol für das verstorbene Genie.