Die Nachricht von der Mordtat hat Dschamal A. völlig überrascht. "Wir haben das von einem Mitglied unserer Familie nicht erwartet." Seine Stimme stockt, er hält sein Auto auf einem Seitenstreifen an, um das Telefonat weiterzuführen. Dschamal A. ist der Onkel von Ahmad A., dem 26 Jahre alten Palästinenser, der am vergangenen Freitag in einem Hamburger Supermarkt ein Messer aus dem Regal nahm, einen Mann tötete und vier weitere Personen schwer verletzte. Der Onkel, ein pensionierter Flugkapitän, lebt seit Jahren in Norwegen. Einmal, so berichtet Dschamal A., habe sein Neffe ihn dort besucht. "Er ist ein guter Junge, ich kann immer noch nicht glauben, dass er jemanden getötet hat."

Und doch hat er es getan. Warum? Ahmad A. hat nach seiner Festnahme ausgesagt, er sei "Terrorist" und wolle als "Märtyrer" sterben. Für diese Interpretation spricht, dass die Polizei, wie die ZEIT erfuhr, in seinem Spind in der Flüchtlingsunterkunft eine Flagge der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) gefunden hat. Ahmad A. hatte sie vermutlich selbst angefertigt. Verbindungen zum IS wurden bisher nicht entdeckt. Ahmad A. gilt als Einzeltäter. Mittlerweile ermittelt der Generalbundesanwalt gegen ihn, allerdings wegen Mordes und versuchten Mordes, nicht wegen Terrorverdachts. Es steht die Frage im Raum, ob Ahmad A. an einer psychischen Störung leidet. Er wäre womöglich trotzdem schuldfähig und könnte bestraft werden, nur eben nicht als Terrorist. "Messerattentat" heißt die Tat einstweilen bei der Bundesanwaltschaft.

Noch ist also nicht klar, ob der Mord von Hamburg der fürchterliche Ausraster eines frustrierten, abgelehnten Aslybewerbers war. Oder die Tat eines individuellen Terroristen. Oder war sie beides?

Wenn man mit Ahmad A.s Familie spricht, ergibt sich das Bild eines Mannes mit Ambitionen, die keinen Erfolg zeitigten. Geboren als Kind einer palästinensischen Familie in einem arabischen Golfstaat, siedelte er in den Gazastreifen über, wo er bis 2008 lebte. Dann ging er nach Ägypten, um Zahnmedizin zu studieren. "Das erste Jahr hat er dort abgeschlossen", sagt sein Onkel. "In Europa wollte er zu Ende studieren, das war der Plan."

Ein naiver Plan. Anscheinend glaubte Ahmad A., dass er in Europa problemlos eine Ausbildung erhalten würde. Stattdessen begann eine Odyssee. Er lebte zunächst in Spanien und Schweden. Dann zog er nach Norwegen, wo er sich als Flüchtling registrieren ließ. Aber er wurde nicht anerkannt. Jahre waren mittlerweile vergangen, erreicht hatte er nichts. Im März 2015 entschloss sich Ahmad A., sein Glück in Deutschland zu versuchen. "Er hat einmal von dort aus mit mir gesprochen, da war er glücklich", berichtet sein Onkel. "Er freute sich, wollte studieren." Doch auch dieses Vorhaben scheiterte: Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Ahmad A., glaubt seine Familie, habe das schwer frustriert.

"Er war seelisch erschöpft", sagt sein Cousin Mouata, der im Gazastreifen lebt. "Zehn Jahre war er da draußen, aber er hat keinen Status erreicht, keine Aufenthaltsgenehmigung, kein Asyl, keinen vernünftigen Pass. Er hat keinen Fortschritt hinbekommen."

Nach der Ablehnung in Deutschland, erzählt sein Onkel, habe er ihm geraten, nach Gaza oder Ägypten zurückzukehren, um dort zu Ende zu studieren. "Wir haben ein Haus, ein Auto, ist doch alles nicht so schlimm", habe er seinem Neffen gesagt, um ihn aufzumuntern. Das war vor etwa einem Jahr.

In Hamburg fiel Ahmad A. zu dieser Zeit ebenfalls auf. Ein Bekannter meldete der Polizei, dass der Palästinenser sich möglicherweise radikalisiere, er trinke keinen Alkohol mehr, dafür rede er viel vom Koran und bete laut und auffällig. "Ich hatte von Verwandten erfahren, dass er angefangen hatte zu beten", bestätigt der Onkel Dschamal A. "Aber das ist ja nichts Schlimmes."

Doch die Veränderungen waren möglicherweise Begleiterscheinungen einer tieferen Krise. Dschamal A. ist überzeugt, dass sein Neffe keine klassische Extremisten-Karriere hinter sich hat. "Von seiner Erziehung und von seinem Charakter her passt das nicht", sagt er. "Vielleicht hat die Ablehnung seines Asylantrages ihn aus der Bahn geworfen? Davor war er eigentlich zufrieden."

Auch der Cousin im Gazastreifen, der regelmäßig mit Ahmad A. in Kontakt stand, sagt: "Er ist kein Extremist, absolut unvorstellbar. Er wollte ja zurück nach Gaza, es fehlten nur noch die Papiere."