Als Roland Hösl im Mai mit dem Mietfahrrad der Firma Yobike eine Runde am Münchner Sendlinger Tor drehte, kam es ihm schon ein bisschen komisch vor: die Vollgummireifen, der quietschgelbe Lack, der etwas zu kleine Rahmen. Insgesamt aber freute Hösl sich. Schließlich bot der lächelnde Vertreter von Yobike an, in der Stadt Hunderte von zusätzlichen Mieträdern aufzustellen, ganz ohne städtische Unterstützung. "Ja, machen wir!", dachte Hösl, der hagere Mann mit dem lockeren Scheitel, der im Referat für Arbeit und Wirtschaft dafür sorgen soll, dass München "Radlhauptstadt" wird.

Aber: Der lächelnde Vertreter von Yobike war gar nicht gekommen, um bei Hösl um Erlaubnis zu fragen. Schon einen Monat zuvor hatte der Shanghaier Unternehmer Bin Wang, der Gründer von Yobike, die Ohbike GmbH in München gegründet, mit Sitz in einem Flachbau im Norden der Stadt. Als Hösl um sein Referat radelte, war Yobikes Start nämlich längst ausgemachte Sache. Yobike will 1.000 Räder nach Deutschland bringen, einige Hundert nach München.

Und dabei wird es kaum bleiben. Denn nach Yobike bekam Hösl Besuch von drei weiteren Unternehmen: Mobike aus Peking, oBike aus Singapur und GobeeBike aus Hongkong. Ihre Vertreter waren deutlich direkter. "Die haben uns klargemacht: Wir können sehr schnell skalieren. Wir können Ihnen hier auf der Stelle ein paar Tausend Räder reinstellen." Nun begann sich Hösl langsam Sorgen zu machen.

Das Prinzip, nach dem die Unternehmen vorgehen, ist immer dasselbe: Ausgeliehen werden die Räder über eine App, eine Stunde fahren kostet um die zwei Euro. Danach bleibt das Rad irgendwo stehen. In Shenzhen, einer chinesischen Boomtown, türmten sich die Mieträder jüngst zu meterhohen Schrotthaufen. Mehrere Verleiher hatten an die hunderttausend Fahrräder aufgestellt. Bald versperrten sie Straßen und Einfahrten oder lagen verbogen in Parks und Flüssen. Die Stadt wusste sich nicht anders zu helfen, als die Räder am Straßenrand zu stapeln.

Droht ein solches Chaos nun bald auch in Deutschland?

In Zürich ist oBike bereits seit Anfang Juli auf dem Markt. Der Züricher Stadtrat Filippo Leutenegger seufzt, wenn man ihn auf die Firma anspricht: "Ich weiß nicht, was für Sitten man in anderen Ländern hat, aber in der Schweiz redet man erst mal miteinander". OBike schickte vorab nur eine E-Mail. "Dann waren die Räder plötzlich da", sagt Leutenegger.

Zwar sind es nicht an die hunderttausend Räder wie in Shenzhen, sondern ein paar Hundert. Aber auch sie stehen im Weg, landen im Fluss und verwandeln sich in Schrott. "Zürich nervt sich über neuen Veloverleih", schrieb der Schweizer Tagesanzeiger, da waren die Räder eine Woche in Betrieb. Auch in Rotterdam und London startete oBike mit negativen Schlagzeilen. Die englische Times warf oBike vor, die Räder würden die Straßen "zumüllen". Die niederländische Volkskrant schrieb von "Problemrädern".

Dennoch kommen diese Vermieter jetzt nach Deutschland. Behörden aus Berlin, München und Hamburg haben der ZEIT bestätigt, dass sich in den letzten Monaten mehrere chinesische Verleihe bei ihnen vorgestellt hätten. Manche schickten bloß eine Mail. Neuerdings kämen Vertreter auch persönlich vorbei, es soll wohl Vertrauen aufgebaut werden.

Sis Timberg vertritt oBike auf dem deutschsprachigen Markt. Die 33-jährige Israelin, die in Wien Marketing studiert hat, trägt einen schwarzen Jumpsuit, ihre braunen Locken sind zum Zopf gebunden. In den Hackeschen Höfen in Berlin hat sie gerade ein Büro bezogen. Hier soll das Team für oBike Deutschland aufgebaut werden. Seitdem reist Timberg vor allem herum, jetzt sitzt sie in einem Münchner Café. Sie kommt gerade aus Zürich, vom Krisentreffen mit dem Verkehrsplaner Leutenegger. Dort soll jetzt alles besser werden. Wie genau, kann aber weder Timberg noch Leutenegger sagen. "Die Räder vor meinem Büro sind aber schon mal weg", sagt Leutenegger.

Haben Sie Angst vor den Chinesen?

In dieser Woche noch sollen die gelben Räder von oBike in Münchner Straßen aufgestellt werden. "Erst mal 350, dann stellen wir jeden Tag ein paar mehr dazu", sagt Timberg, sie nennt das einen "soft launch". Wenn alles gut gehe, könne man schnell hochskalieren, sagt sie und zeichnet mit der flachen Hand Treppenstufen in die Luft. OBike wird auch in anderen deutschen Städten auftauchen. Im Hamburger Hafen soll gerade ein Container mit 3.000 Rädern des Unternehmens angekommen sein. Wo genau diese aufgestellt werden, will Sis Timberg nicht sagen.

Dass jeder Fahrradverleiher theoretisch Hunderttausende Räder in einer Stadt wie München betreiben darf, erlaubt eine Regelung, die es seit 2009 gibt. Schuld daran ist Ralf Kalupner. Der 43-Jährige führt durch einen Innenhof in einen Leipziger Altbau. 2004 gründete er hier sein Unternehmen Nextbike, das heute weltweit Räder verleiht. Nextbike und Call a Bike von der Deutschen Bahn machten den deutschen Markt bislang unter sich aus: Wer in Berlin, Leipzig oder München ein Mietrad fährt, sitzt mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem Nextbike, in Hamburg oder Frankfurt auf einem der Bahn.

Früher war es so, dass die Städte sich selbst um ihre Mieträder kümmerten. Über eine Ausschreibung wurde das beste Mietrad-System mit einer Erlaubnis und einer finanziellen Förderung ausgestattet. Das beste Konzept gewann. 2009 erhielt die Deutsche Bahn in Hamburg den Zuschlag, Nextbike stellte seine Räder dennoch auf. Die Stadt Hamburg klagte – und verlor. Auf dieses Urteil berufen sich nun die chinesischen Anbieter, wenn sie ihre Räder aufstellen.

Was aber wollen die eigentlich? Kalupner von Nextbike sagt: "Unser Kerngeschäft ist die Mobilität. Die Chinesen scheinen ihr Kapital ja eher in Kundendaten zu sehen." Tatsächlich machen die neuen Radvermieter kein Geheimnis daraus, dass der Radverleih nur der Schlüssel zu einem viel größeren Geschäft sein könnte: dem mit den Nutzerdaten. Wie wertvoll diese sein können, sieht man daran, wer in die Fahrradverleiher aus China Geld investiert. So hat der Apple-Zulieferer Foxconn Hunderte Millionen Dollar Risikokapital in Mobike gesteckt, einen der etabliertesten Anbieter auf dem chinesischen Markt. Mobikes größter Investor ist allerdings Tencent, das mit Produkten wie dem Messenger WeChat oder dem sozialen Netzwerk Qzone als das fünftgrößte Internetunternehmen der Welt gilt – gleich nach Facebook.

Es wäre ja nicht das erste Mal, dass über ein Transportmittel dessen Nutzer ausspioniert werden. Der Taxi-Verschnitt Uber geriet in Kritik, als bekannt wurde, dass seine App den Standort der Nutzer auch dann aufzeichnet, wenn diese die App gerade gar nicht benutzen. Auch Uber finanzierte sich über Risikokapital in Millionenhöhe. Ehemalige Pressesprecher, PR-Manager und Marketingchefs von Uber arbeiten heute für Mobike. Auf Anfrage gibt das Unternehmen an, in erster Linie ein Fahrradverleih zu sein. Im April allerdings stellte es einen eigens entwickelten Algorithmus vor, der besonders detaillierte Bewegungsprofile seiner Nutzer erstellt. In der Datenschutzvereinbarung von Mobike heißt es dann, dass persönliche Informationen und Verkehrsdaten durchaus an Geschäftspartner weitergereicht werden, zum Beispiel an Restaurants. Ihnen könnte der Radverleih Erkenntnisse darüber verkaufen, woher ihre Kunden mit einem Mobike gekommen sind. Wie lange sie bei ihnen gegessen haben. Und um welche Uhrzeit sie wieder gefahren sind.

Auch der Münchner Roland Hösl ahnt, worauf die Fahrradverleiher aus sind. Es war Sis Timberg, die Deutschland-Vertreterin für oBike, die im Planungsreferat auch für ihre Kundendaten geworben hat. OBike, sagt sie, würde bald über viele Nutzer verfügen. Die Daten könnten der Stadt zeigen, wo neue Radwege nötig wären. "Ein Preisschild hing nicht dran", sagt Hösl. Aber das kann ja noch kommen. Timberg möchte sich dazu nicht äußern. Nur so viel: "Wir verdienen unser Geld durch Fahrradmiete."

Dass die chinesischen Radvermieter auch mal unkonventionelle Wege gehen, hat Nextbike schon erlebt. Mitte Juli bekam die Firma die Interview-Anfrage einer chinesischen Nachrichtenseite. In einem Videobeitrag wollte man "die Geheimnisse der deutschen Wirtschaft entmystifizieren". Für die Episode über deutsche Innovationen sei die Erfolgsgeschichte von Nextbike interessant. Mareike Rauchhaus, die Pressesprecherin von Nextbike, googelte und wurde misstrauisch: Es handelte sich um ein Tochterunternehmen von Tencent, dem milliardenschweren Investor von Mobike. Nur Zufall?

Einen Tag später erhielt Rauchhaus eine weitere Mail. Diesmal kam eine Liste mit Fragen. Die Betreiber der Internetseite wollten nun doch kein Video drehen, aber bitte Antworten auf die folgenden Interviewfragen erhalten. Diese machten sie stutzig: Wie viel kostet ein Fahrrad in der Produktion? Wie oft müssen die Räder in die Reparatur? Wie schwer ist es in Deutschland, an Risikokapital zu kommen? Braucht man eine Genehmigung, um die Räder aufzustellen? "Eine seltsam detaillierte Abfrage", sagt Rauchhaus. Und dann war da noch diese Frage: Haben Sie Angst vor den Chinesen?