Wir befinden uns im Jahr zwei nach Bekanntwerden des Diesel-Betrugs. Ganz Deutschland ist von Diesel-Skeptikern durchsetzt, die Fahrverbote in Innenstädten fordern, Elektroautos loben oder sogar das Ende des Verbrennungsmotors beschwören. Ganz Deutschland? Nein! Einige wenige Deutsche hören nicht auf, Widerstand zu leisten. Sie tun etwas Unerhörtes: Sie kaufen einen Diesel.

Sie sind keine Durchschnittskunden in diesen Zeiten. Seit Anfang des Jahres gehen die Neuzulassungen von Dieselautos zurück. Allein im Juni sind sie im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent eingebrochen. Dieselautos stehen derzeit 95 Tage bei den Verkäufern auf dem Hof, Benziner nur 79 Tage. Kein Wunder, denn schon seit Monaten wird über Fahrverbote für Diesel debattiert. Am vergangenen Freitag erging ein spektakuläres Urteil in Stuttgart. Das Gericht entschied, dass die Luftverschmutzung in der Stadt auch mithilfe von Fahrverboten womöglich schon ab 2018 verringert werden darf – und es gute Gründe dafür gibt, dies auch zu tun.

Wieso kauft man sich trotzdem einen Diesel? Ist es Trotz? Unwissen? Oder Spekulation?

Ruben May, Angestellter im öffentlichen Dienst aus Heidelberg

Wer Ruben May fragt, ob er Diesel fahre, bekommt zur Antwort: "Natürlich. Bin ich jetzt ein schlechter Mensch?" Das klingt nach dem Trotz eines Diesel-Käufers. Das Aufbegehren gegen womöglich übermächtige Gegner, das an die Bewohner des gallischen Dorfes in den Asterix-Comics erinnert. Während die Debatte um Fahrverbote in Innenstädten schon in vollem Gange war, hat Ruben May vor einem halben Jahr ein neues Auto gekauft: einen Dacia Lodgy – mit Dieselmotor.

Seine Erklärung klingt zunächst überraschend rational. Die Rechnung geht so. Er nutzt den Dacia fürs Pendeln und für die Urlaube mit der Familie, auf 25.000 Kilometer kommt er im Jahr. Ein Diesel ist da günstiger, weil er weniger verbraucht. Das Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts hat er mitbekommen. Aber es lässt ihn kalt. Sein Dacia erfüllt die Abgasnorm Euro 6. Solche Autos sollen laut bisherigen Planungen nicht aus den Städten verbannt werden. Das kann sich zwar ändern. Doch sollte May einmal mit einem Fahrverbot konfrontiert werden, würde er seine Fahrgewohnheiten umstellen, nicht das Auto abschaffen. "Dann meide ich halt die Innenstadt", sagt er.

Selbst dass Dieselautos jetzt an Wert verlieren und er beim Verkauf womöglich Verluste hinnehmen muss, ist für ihn kein Problem, denn: "Ich fahre das Auto, bis es nicht mehr geht." Und was kommt danach? "Ich würde mir wieder einen Diesel kaufen", sagt er.

Björn Fröhling, Marketing-Manager aus Berlin

Björn Fröhling war noch deutlich später dran als Ruben May. Der freischaffende Marketing-Manager aus Berlin-Pankow kaufte im Juni einen gebrauchten BMW 320d, Baujahr 2007, Kilometerstand 130.000 – und: ein Diesel. Ursprünglich hatte Fröhling es auf einen Benziner mit Automatikgetriebe abgesehen. Aber sein Händler machte ihm ein gutes Angebot. 8.000 Euro musste Fröhling zahlen, rund tausend Euro weniger als für einen vergleichbaren Benziner.

Björn Fröhling argumentiert erstaunlich pragmatisch in Bezug auf seinen Kauf. "Natürlich habe ich gesehen, dass die Diesel derzeit länger auf dem Hof stehen als die Benziner", sagt er, "aber ich habe eine Zwischenlösung für zwei, drei Jahre gesucht, und der Preis hat gestimmt." Das Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts schreckt ihn nicht. Er wohnt mit seiner Familie in Pankow, das liegt eher am Rand Berlins. Er hält es für unwahrscheinlich, dass er dort bald etwas zu befürchten hat.

Abgasskandal - "Wir brauchen ganz dringend eine Musterfeststellungsklage" Verbraucherschützerin Jutta Gurkmann erzählt im Video-Interview über die Perspektiven betroffener Diesel-Pkw-Besitzer und Forderungen an die Politik. © Foto: ZEIT ONLINE