Vielleicht wurde in der vergangenen Woche noch einmal besonders deutlich, was das Problem ist mit diesem Amt, bei dem schon der Name nach Problembeschreibung klingt: "Die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer". Iris Gleicke heißt die Frau, die dieses Amt innehat, eine Thüringer SPD-Politikerin von 53 Jahren. In der vorigen Woche machte sie Schlagzeilen, weil sie sich für eine Studie entschuldigen musste, die sie selbst beauftragt hatte.

Die Geschichte dazu ist schnell erzählt: Wissenschaftler des Göttinger Instituts für Demokratieforschung veröffentlichten im Mai eine Untersuchung, die den Ostdeutschen ein latentes Rechtsextremismus-Problem unterstellte. Die Medien überschlugen sich, der Tagesspiegel begann einen Bericht über die Studie sogar mit dem beinahe triumphierenden Satz: "Der Rechtsextremismus ist in Ostdeutschland eben doch ein besonders großes Problem – das ist jetzt regierungsamtlich bestätigt." (Als hätte dieses Problem jemand ernsthaft bezweifelt.)

Es gab aber, von Anfang an, auch heftige Kritik an der Studie. Weil sie den Osten allzu pauschal zum Tal der Dunkelheit erklärte – aber überhaupt nicht repräsentativ war. Sondern lediglich auf knapp 40 Interviews mit "BeobachterInnen und AkteurInnen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft" sowie "BewohnerInnen vor Ort" basierte, und zwar in Heidenau, Freital und Erfurt-Herrenberg; Brennpunkte der vergangenen Jahre. Es war ungefähr so, als würde man in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens eine Umfrage über Fluglärm machen. Und dann sagen: Ganz Hessen hält sich die Ohren zu.

Iris Gleicke verkaufte die Studie der Öffentlichkeit noch im Mai trotzdem, als sei sie eine Offenbarung, und forderte direkt mehr Förderung für "strukturschwache Regionen".

Jetzt aber änderte sie ihre Meinung. Gleicke teilte den Wissenschaftlern mit, sie sehe sich veranlasst, "mich hiermit in aller Form von der Studie zu distanzieren", denn die Untersuchung zeichne sich aus durch einen Mangel an Sorgfalt und schlichtweg "Schlamperei". Warum nur hat es viele Wochen gedauert, ehe Gleicke die Bedeutung ihrer Untersuchung relativierte?

Die Antwort darauf ist, dass sie mit ihrer Studie einem Reflex auf den Leim gegangen war, den man den Ostbeauftragten-Reflex nennen könnte. Dass sie Opfer ihrer eigenen Erwartungen geworden ist.

Denn dieses Amt hat vor allem eine Funktion: immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Ostdeutschen Hilfe brauchen. Und dass in den neuen Ländern, angeblich, so gar nichts zusammenlaufe. Den Osten zur Region der Krise zu erklären, um daraus einen möglichst lauten Hilferuf abzuleiten, vor allem nach Geld: Das ist die Methode, die die Ost-Beauftragten seit Jahrzehnten pflegen. Wir brauchen mehr, mehr, mehr! Damit der Osten endlich auf Westniveau kommt. Zu anderen Zeiten, in den Neunzigern und vielleicht auch noch in den Nullerjahren, hatte diese Bittstellerei ihre Berechtigung. Da kämpfte der Ost-Beauftragte für all das, was ja wirklich noch fehlte: Autobahnauffahrten, Jobs, Rentenpunkte. Da war er wichtig als Chef-Lobbyist von Neufünfland, als Erster Bettler für die Sanierung dieser Region. Ost-Beauftragte der Bundesregierung, das waren so prominente Leute wie Thomas de Maizière, Wolfgang Tiefensee, Manfred Stolpe. Sie mahnten, dass Geld in Marktplätze fließen müsse, und es floss Geld in Marktplätze.