Wir sind fast da, als Noémie auffällt, dass sie eigentlich doch schon mal am Meer war. Vor zwei Wochen. Nachts sei sie zu einem kleinen Unterwassermenschen zusammengeschrumpft, einer Arielle in winzig, und in die wilde See eingetaucht, immer tiefer hinabgesunken wie ein Stein. Am Boden habe sie ein Seepferdchen getroffen, sei auf dessen Rücken gesprungen und schnurstracks drauflosgeritten, vorbei an Korallen, vorbei an Walen mit riesigen Mäulern und Quallen mit langen Tentakeln.

Wir sitzen auf Steinbänken an einer Tankstelle kurz hinter Lübeck, und Noémie schaut in die Runde, sie guckt ihre Schwester Solveigh an und Janina, eine Freundin. Dann lacht sie, so breit, dass man ihre Milchzähne sieht. "Das war nur ein Traum", sagt sie. "Ich kann doch nicht so lang tauchen."

Drei Hamburger Mädchen, zwei von ihnen, Noémie und Janina, waren noch nie am Meer, obwohl die Ostsee doch so nah ist, nicht mal eine Stunde braucht man mit dem Auto, schon steht man am Strand. Aber mit dem Auto ist das so eine Sache, und Nähe und Ferne sind eben keine objektiven Kategorien.

Noémie und ihre Freundinnen heißen eigentlich anders, ihre Namen sind erfunden, damit die Mädchen nicht auf ewig im Netz zu finden sind, wenn der Text online erscheint. Noémie ist sechs Jahre alt, nach den Sommerferien kommt sie in die erste Klasse. Sie wohnt mit ihren Eltern und drei Geschwistern im zehnten Stock eines Plattenbaus in Wilhelmsburg. Gleich nebenan ist das Haus, in dem Janina im dreizehnten Stock mit ihrer Mutter wohnt.

Die drei sind eine kleine Gang, sie halten zusammen und sehen sich fast jeden Tag. Es ist wichtig, zusammenzuhalten: Immer wieder gibt es Stress im Viertel, die kurdischen und die türkischen Jugendlichen bekämpfen sich, manchmal kommt es zu einer Messerstecherei. Janina bringt dem Journalisten der ZEIT gleich zu Beginn eine Handhaltung bei: Ringfinger an Daumen, kleiner Finger zum Mittelfinger. Es ist das Erkennungszeichen der 187 Straßenbande, Hamburgs vielleicht härtester Rap-Crew.

Wie ist das, wenn dieses Mädchen aus diesem Viertel zum ersten Mal das Meer sieht? Wir probieren es aus und fahren mit ihr zur Ostsee, auf die Insel Poel.

Als wir die Mädchen morgens mit dem gemieteten schwarzen Mercedes-Van abholen, ruft Janina: "Cüs!", was Türkisch ist und so viel heißt wie "krass". Dann sagt sie: " Geiles Auto!" Die verdunkelten Scheiben machen Eindruck. "Boah, ich war noch nie in so einem heftigen Auto", sagt Solveigh.

Jetzt sitzen wir zusammen an dieser Tankstelle, essen Salamibrötchen, und der Reporter stellt Fragen, die die Mädchen zum Lachen bringen. Wie stellt ihr euch das Meer vor? Was erwartet ihr? "Äh, na ganz viel Wasser und einen Strand", sagt Noémie. "Autos, die durchs Meer fahren, äh, Boote! Vielleicht Delfine, die hochspringen."

Ihre Schwester Solveigh schüttelt den Kopf. Sie ist die Einzige der drei, die schon mal am Meer war, mit ihrer Oma in Kellenhusen. "Nein, nein, nein", sagt die Neunjährige. "Es gibt da Krebse, Quallen und Fische. Alles harmlose Tiere!" Und ist es gut am Meer? "Ich habe keine Worte, so toll ist es da", sagt Solveigh. "Ich glaube, das Meer gibt Vertrauen, weil es so groß ist."

Dass Noémie und Janina noch nie an der See waren, ist nicht ungewöhnlich in ihrem Viertel. Den meisten ihrer Freunde geht es so. Sozialarbeiter erzählen, dass es vielen Eltern an Geld fehlt und oft auch an der Vorstellungskraft, überhaupt eine Reise zu machen. Sie sitzen zu Hause und schauen Fernsehen.

In Hamburg ist laut einer Untersuchung der Hans-Böckler-Stiftung ein Fünftel der Kinder unter 18 Jahren armutsgefährdet: 57.000 Kinder leben in Familien, die von Sozialleistungen abhängig sind. In anderen Metropolen wie Köln ist der Wert ähnlich hoch, in Berlin noch höher.