In der glühenden Spätnachmittagshitze eines südasiatischen Sommertags sehen mehrere Tausend Zuschauer einem seltsamen Schauspiel zu. In einer Mischung aus Stechschritt und Schnelllauf eilt ein hochgewachsener Soldat mit malerischem Kopfputz auf ein Gittertor zu und droht mit geballter Faust, vorgeschobenem Ellenbogen und grimmiger Miene auf das benachbarte Territorium hinüber. Dort marschiert ebenfalls ein Soldat auf, aber in anderer Uniform, und gestikuliert in der gleichen martialischen Gebärdensprache in Gegenrichtung zurück. Weitere Kameraden stoßen auf beiden Seiten hinzu, das Geschehen beruhigt sich, und in angespannter Parade-Choreografie holen die Soldaten die Nationalflaggen ein.

Willkommen an der Grenze zwischen Indien und Pakistan. Wir sind in Wagah, einem kleinen Ort auf halber Strecke von Amritsar (Indien) nach Lahore (Pakistan). Die Zeremonie mit den stilisierten Drohgebärden und dem Einholen der Flaggen findet täglich zum Sonnenuntergang statt. Auf indischer Seite werden gerade die Zuschauerränge, die sich stadionförmig in einem Halbkreis erheben, weiter aufgestockt: Das Spektakel ist hochpopulär. Es ist natürlich von beiden Seiten genauestens geplant und verabredet, komplett harmlos, ein Stück Folklore. Und doch steckt echte Aggression darin, die Spannung zwischen zwei verfeindeten Nachbarstaaten, die drei Kriege gegeneinander geführt haben und beide mit Atombomben bewaffnet sind.

Die Feindschaft zwischen Indien und Pakistan, einer der Großkonflikte der Weltpolitik, geht auf ein Ereignis vor genau siebzig Jahren, im August 1947, zurück: die Teilung des indischen Subkontinents, der bis dahin Teil des britischen Kolonialreichs war, in zwei unabhängige Staaten. Die Partition entwickelte sich zu einer Katastrophe. Rund zwölf Millionen Menschen verließen damals im Laufe weniger Monate ihre Heimat: Muslime gingen nach Pakistan, der neuen Heimstätte für Bekenner des Islams, Hindus zogen nach Indien, wo ihre Glaubensgenossen die Mehrheit stellten. Mehrere Hunderttausend Menschen (es gibt Schätzungen, die sogar eine Millionenzahl nennen) kamen bei der Gebietstrennung und Völkerverschiebung ums Leben. Es war eine der großen Tragödien des 20. Jahrhunderts: in Südasien ein bis heute nachwirkendes Trauma – in Europa und im ganzen Westen fast unbekannt.

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Eine Fahrstunde mit dem Auto von Wagah und seinem Grenzritual entfernt, in Amritsar, der nächsten Stadt auf indischer Seite, entsteht zurzeit eine Ausstellung über das Drama von 1947. Ein schöneres Gehäuse für den Schrecken hätte man nicht finden können. Das alte Rathaus von Amritsar ist ein palastartiger roter Sandsteinbau aus dem späten 19. Jahrhundert, eines der Architekturschmuckstücke, die von den britischen Kolonialherren in Indien hinterlassen wurden. Der Besucher überquert einen Vorhof, der eine eigene kleine Piazza bildet, und durchschreitet ein Portalgebäude, das sich über ihm wölbt wie ein römischer Triumphbogen. Am 17. August wird das Museum in den frisch renovierten Räumen eröffnet.

Es ist das erste überhaupt, in Indien oder Pakistan, das diesem Gründungserdbeben des modernen Südasien gewidmet ist. Von einem "Gefühl der Dringlichkeit" spricht Mallika Ahluwalia, eine der Initiatorinnen des Museums. Noch gibt es Zeitzeugen der Partition – alte Leute, die damals, als Kinder, dem Horror von ethnischer Säuberung, Flucht und Vertreibung ausgesetzt waren. Sie sollen noch mitbekommen, dass ihre Geschichte gewürdigt und publik gemacht wird. Die Museumsmacher sammeln Privatdokumente und Erinnerungsstücke, und sie interviewen die Zeitzeugen, um aus ihren Berichten ein digitales Archiv aufzubauen.

Viele Überlebende des Sommers 1947 haben lange, sehr lange über ihre Erinnerungen geschwiegen, auch vor ihren Kindern und Enkeln. "Es gab", erklärt Mallika Ahluwalia, deren eigene Großeltern während der Teilung ihr Zuhause verloren, "nie Zeit oder Raum, um zu trauern." Erst in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten hat sich der Bann gelockert. Es sind mehr und mehr Erlebnisberichte veröffentlicht worden und an die Seite der offiziellen Geschichtsversionen getreten, die Indien und Pakistan von ihrer Gründung pflegen.

Die Partition war die blutige Kehrseite der Befreiung Indiens von der 200-jährigen britischen Kolonialherrschaft. Seit etwa 1920 hatte die Unabhängigkeitsbewegung, unter Führung von Mahatma Gandhi, friedlich für nationale Selbstbestimmung gekämpft, mit einer zähen, fantasievollen Politik des zivilen Widerstands. Am Ende des Zweiten Weltkriegs, als Großbritannien militärisch und ökonomisch erschöpft war, ließ sich das Verlangen nach einem souveränen, demokratischen Indien nicht länger unterdrücken.

London erklärte sich bereit, den Subkontinent in die Freiheit zu entlassen. Das Empire war das mächtigste Kolonialreich und Indien seine wichtigste Kolonie. Der Verlust dieses "Kronjuwels" bedeutete mehr als eine Niederlage, er markierte das Ende der britischen Weltmachtstellung und letztlich auch das Ende des Kolonialzeitalters und seiner Imperien. Von Indonesien bis Algerien, von Kenia bis Vietnam – überall traten in den kommenden Jahrzehnten selbstständige Staaten an die Stelle der europäischen Übersee-Besitzungen. Die Zeit, in der die "Weißen" den Erdball beherrscht hatten, war vorbei. Die indische Unabhängigkeit stellt eine kaum geringere historische Zäsur dar als der alliierte Sieg über Deutschland und Japan 1945 und der Beginn des Kalten Krieges.