DIE ZEIT: Mr. Newman, Sie haben mal gesagt, dass Sie über absolut alles und jeden einen Song schreiben könnten. Auch über Angela Merkel?

Randy Newman: Zu Frau Merkel fällt mir spontan nichts ein. Vielleicht irgendwas mit bayerischer Marschmusik? Geben Sie mir bis morgen früh. Irgendein Song geht immer, da bin ich selbstbewusst.

ZEIT: Auf Ihrem neuen Studio-Album Dark Matter ist Ihr bereits vor zwei Jahren veröffentlichter Song Putin zu hören, mit wunderbaren Zeilen wie "Putin puttin’ his pants on" ...

Newman: ... diese Zeile habe ich nur abgewandelt aus einem alten Song des Golden Gate Quartet aus den vierziger Jahren (singt): "Stalin wasn’t stallin’ when he told the beast of Berlin". Ich habe das nur für die Gegenwart angepasst. Diese Bilder von Putin mit freiem Oberkörper sind Illustrationen seiner Macht, aber auch ein wenig lustig.

ZEIT: Noel Gallagher sagte mal, er werde nie wieder so gut sein wie auf den ersten beiden Alben der Band Oasis. Ist es ein Problem für Songwriter, zu früh erfolgreich zu sein?

Newman: Jesus, der arme Kerl. Ich habe auch Songs geschrieben, die weniger toll waren. Danach sagte ich mir jedoch immer, dass der nächste eben besser werden würde. Aber Gallagher ist noch jung, da neigt man zum Drama. Dennoch sollten ein paar gelungene Songs keine Ausrede sein, um sich den Rest des Lebens darauf auszuruhen. Oasis hatten einige feine Akkordwechsel, aber manchmal hätte ihnen etwas Hilfe gutgetan. Auch die Beatles kannten Durststrecken, im Unterschied zu Oasis hatten sie jedoch einen Produzenten namens George Martin, der ihnen unter die Arme griff, wenn sie nicht weiterwussten.

ZEIT: Für Ihr neues Album haben Sie nicht nur die Songs geschrieben, sondern auch arrangiert und das Orchester dirigiert. Fehlt jüngeren Songwritern so eine umfassende Ausbildung?

Newman: Dass ich im traditionellen Sinn für ein Orchester schreiben kann, ist vermutlich ungewöhnlich und liegt auch an meinem familiären Hintergrund, wo Musik eine große Rolle gespielt hat. Ich musste nur über meine Schulter blicken, um mitzubekommen, wie man mit Musik arbeitet. Trotzdem wusste ich jetzt auch manchmal nicht weiter und war froh, dass der Produzent Mitchell Froom mir weiterhalf. Eine zweite Meinung kann Wunder wirken. Ohne meinen Jugendfreund Lenny Waronker, der auch diese Platte mitproduzierte, säße ich überhaupt nicht hier. Ich war sagenhaft schüchtern damals, schrieb allein in meinem Zimmer Songs, die ich am nächsten Tag hasste. Lenny sagte dann: Nein, das ist wirklich gut! Und er überredete mich, die Sachen mal einer Plattenfirma vorzuspielen. Nur seinetwegen habe ich weitergemacht.

ZEIT: In den vergangenen 34 Jahren haben Sie nur vier Studio-Alben veröffentlicht. Angeblich wollten Sie ohnehin nie eigene Platten aufnehmen. Haben Sie Angst vor Studios?

Newman: Ja, früher war das so. Wenn ich in den Sechzigern ein Studio betrat, wollte ich sofort die Flucht ergreifen. Paul Simon blühte im Studio immer erst richtig auf, aber ich bin das Gegenteil. Diese Idee, im Studio das Fundament für einen Song zu erarbeiten, was im Rock ’n’ Roll ja essenziell ist, war mir immer gleichgültig. Jedes Gitarrensolo lässt mich kalt. Ich liebe dagegen den Klang eines Orchesters über alles, aber das findet man nur noch selten in Studios.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass 1954 mit dem Siegeszug des Rock ’n’ Roll eine ganze Kultur des gehobenen Songwritings den Bach runterging.

Newman: Das war so! Das ist akkurat nachweisbar für dieses Jahr. Es war ein Jammer. Ich habe immer versucht, diese Tradition wieder aufleben zu lassen. Ohne Erfolg, wie man sieht. Ich bin natürlich auch Teil der Singer-Songwriter-Rock-’n’-Roll-Kultur, die nach 1954 den Ton in der Popkultur angab. Aber ich wollte stets meine Arbeit mit den alten Traditionen verknüpfen, habe also mit alten Arrangeuren gearbeitet und mehr Akkorde als im Rock ’n’ Roll üblich genutzt.

ZEIT: Sie kommen aus einer Familie berühmter Filmmusiker. Ihr Onkel Alfred Newman war 43-mal für einen Oscar nominiert, gewann ihn neunmal und gilt als größter Filmmusik-Komponist in der Geschichte Hollywoods. Spürten Sie den Druck des Familiennamens?

Newman: Natürlich gab es Erwartungen an mich. Mein Vater war als Arzt der einzige Newman, der nicht in der Branche tätig war. Seine Brüder Alfred, Lionel und Emil hatten in Hollywood Karriere gemacht. Eine harte Gang, aber letztlich hatte ich nur Vorteile durch sie. Von klein auf war ich großartiger Musik ausgesetzt und durfte zum Beispiel lauschen, wenn das Fox-Studio-Orchester arbeitete: Die waren wirklich eindrucksvoll gut. Aber das Gewicht des Namens lastete schwer auf mir. Deshalb weigerte ich mich lange, für Filme zu arbeiten oder für Orchester zu schreiben, und beschränkte mich auf Popsongs. Der Vergleich mit meinen Onkeln war mir nicht geheuer.